das geheimnis der gelben narzissen (ákos von ráthony, deutschland/großbritannien 1961)

Veröffentlicht: Dezember 12, 2013 in Film
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Am Londoner Flughafen fängt Scotland Yard eine große Menge Heroin ab: Die Drogen sind in den Stielen künstlicher Narzissen versteckt, die von der Firma des Unternehmers Raymond Lyne (Albert Lieven) bestellt wurden. Doch bevor Jack Tarling (Joachim Fuchsberger), Agent einer Fluggesellschaft, entsprechende Ermittlungen einleiten kann, wird das Beweismaterial durch einen Attentäter vernichtet. Der Drogenfund koinzidiert zudem mit einer Mordserie, die London in Angst und Schrecken versetzt: Schöne junge Frauen werden umgebracht, als einzigen Hinweis hinterlässt der Täter stets einen Strauß Narzissen. Doch eine Gemeinsamkeit haben die Opfer: Sie alle arbeiteten als Tänzerinnen im „Cosmos Club“ von Mr. Putek (Peter Illing) und der steht wiederum in direkter Verbindung mit Lyne. Zusammen mit seinem Kollegen aus China, Ling Chu (Christopher Lee), und dem Scotland-Yard-Beamten Whiteside (Walter Gotell) nimmt Tarling die Ermittlungen auf …

Der sechste Edgar-Wallace-Film der Rialto nimmt eine kleine Sonderrolle innerhalb der Serie ein – und zwar nicht nur, weil es der einzige Schwarzweiß-Wallace ohne Eddie Arent ist: Er wurde von der englischen Omnia Pictures koproduziert und ausschließlich in England und an Londoner Originalschauplätzen in zwei verschiedenen, in den Hauptrollen unterschiedlich besetzten Versionen gedreht: einer für den deutschen und einer für den englischen Markt. Man mag sich vorstellen, dass ein solches Verfahren nicht gerade sehr förderlich ist für große kreative Höhenflüge. Am ehesten geht es bei einem solchen Vorhaben wohl darum, möglichst effizient zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass man am Ende zwei gleichermaßen verwertbare und in der Qualität nicht allzu stark voneinander abweichende Filme im Kasten hat. Möglicherweise erklärt das, warum DAS GEHEIMNIS DER GLEBN NARZISSEN ein zwar durchaus unterhaltsamer und ansehnlicher, aber auch etwas unauffälliger Film geworden ist. Ákos von Ráthony hat aber auch ein bisschen das Pech, den Nachfolger des bislang besten Edgar-Wallace-Films, Alfred Vohrers phänomenalem DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, vorlegen zu müssen. Mit Vohrers horriblem visuellem Einfallsreichtum kann Ákos von Ráthony zu keiner Sekunde mithalten, versucht das konsequenterweise aber auch gar nicht erst. Anstatt in den düsteren Gassen Londons und dem Nebel am Themseufer spielt sein Film in gediegen eingerichteten Büros und Wohnungen und im mondänen Chic des „Cosmos Club“. Auf übernatürliche Elemente wird gänzlich verzichtet, stattdessen wird der Zuschauer mit einem sehr weltlichen Kriminalfall konfrontiert, der vieles von dem vorwegnimmt, was knappe fünf bis zehn Jahre später im italienischen Giallokino perfektioniert werden sollte. Vom blumigen Titel über den seltsamen modus operandi des Killers, dessen Identität aufzudecken das Hautanliegen des Films ist, bis hin zu den ausnahmslos schönen Opfern mit ihrem „sündigen“ Beruf und dem schon angesprochenen modernen Look des Films sind die stilprägendsten Elemente des Giallos in DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN schon vorhanden. Was ihn von seinen Nachfolgern natürlich noch unterscheidet ist die Gewalt, die hier im Vergleich, der Zeit gemäß, eher zahm ausfallen.

Als einsames Relikt des sonst so oft mit den Wallace-Filmen assoziierten naiven Charmes fungiert Christopher Lee als gewissermaßen domestizierter Fu-Manchu. Er schreitet als Chinese Ling Chu mit großer Autorität durch den Film und lässt naheliegende Rassismus-Vorwürfe durch seine respektvolle Darstellung weitestgehend an sich abprallen. Wenn Ling Chu gesteht, dass die alten chinesischen Redensarten, aus deren anscheinend unerschöpflichem Fundus er in jeder Situation das richtige auszuwählen versteht, allesamt erfunden sind, kann man das durchaus als Kommentar auf das im Westen vorherrschende Klischee des „weisen Chinesen“ verstehen. Ein Kommentar, der auch durch die aufgemalten „Schlitzaugen“ nicht vollständig unterwandert wird. Kinski überzeugt in seinem ersten echten Schurken-Auftritt in der Reihe als gleichermaßen verweichlichter wie wahnhafter Jungmann, lässt aber noch Luft für exaltiertere Auftritte in späteren Filmen. Er thront hier noch nicht so sehr über den Dingen, wie das im weiteren Verlauf seiner Karriere immer häufiger der Fall sein sollte, wo er oft in seinen ganz eigenen Film vertieft zu sein schien und kaum Bindung zu den Akteuren um ihn herum aufbaute. Hier fügt er sich gut ins Bild ein, setzt mit seiner speziellen Intonation und seinem fiebrigen Blick Akzente, anstatt jede Szene an sich zu reißen. Wie er als Peter Keene in einem viel zu großen Jackett um die Gunst seines Gönners Lyne buhlt, bekommt man fast Mitleid mit ihm. Sehr ansehnlich ist auch der Auftritt von Ingrid von Bergen als Star-Tänzerin Gloria: Ihre Stripnummer zu dem von ihr verführerisch hingehauchten Song „Bei mir ist alles nur Natur“ dürfte damals durchaus gewagt gewesen sein und sorgt auch heute noch für milde Hitzewallungen. Insgesamt ist DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, damals der zu diesem Zeitpunkt erfolgreichste Film der Reihe, leicht überdurchschnittlich, aber leider nur wenig einprägsam geworden. Etwas mehr visuelle Experimentierfreude hätte ihm gut getan.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Joachim Fuchsberger (4.), Klaus Kinski (2.), Sabine Sesselmann, Albert Lieven, Jan Hendriks, Friedrich G. Beckhaus und Christopher Lee (1.). Regie: Ákos von Rathóny, Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (4.) unter Mithilfe von Horst Wendlandt, Musik: Keith Papworth, Kamera: Desmond Dickinson, Schnitt: Peter Taylor, Produktion: Horst Wendlandt (3.), Preben Philipsen (4.), Steven Pallos und Donald Taylor.
Schauplatz: London, Scotland Yard, diverse Wohnungen und Büros und der „Cosmos Club“.
Titel: Der Titel bezieht sich auf die Blumen, die der Mörder am Tatort zu hinterlassen pflegt. Er beinhaltet zum dritten Mal ein Farbwort und zum ersten Mal den Namen einer Blume.
Protagonisten: Jack Tarling, Agent einer Fluggesellschaft, sein Partner aus Hongkong, der Chinese Ling Chu, Scotland-Yard-Oberinspektor Whiteside sowie die Damsel in Distress und Love Interest für Tarling, Anne Ryder (Sabine Sesselmann).
Schurke: Es gibt gleich mehrere Charaktere, die Dreck am Stecken haben: den Unternehmer Lyne, seinen Partner Milbourgh (Marius Goring) sowie den Nachtclub-Besitzer Putek. Die Morde gehen aber auf das Konto von Peter Keene, einem drogenabhängigen Irren.
Gewalt: Ein Mord durch Dynamit, sonst die üblichen Erschießungen, Erstechungen und Strangulationen.
Selbstreflexion: Keine.

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