der fälscher von london (harald reinl, deutschland 1961)

Veröffentlicht: Dezember 13, 2013 in Film
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000000790745Während in London falsche Pfund-Noten im Umlauf sind, die auf das Konto des „Gerissenen“ gehen, eines professionellen Falschmünzers, geben sich der wohlhabende Peter Clifton (Hellmut Lange) und die schöne Jane (Karin Dor) das Ja-Wort. Sie handeln, obwohl auf beiden Seiten Zweifel an der Tiefe ihrer Gefühle bestehen – auch auf das Bestreben ihres Künstler-Vaters (Walter Rilla) hin, der seine Tochter gut aufgehoben wissen will. Doch Peter umgibt ein dunkles Geheimnis: Sein Vater litt an Schizophrenie und brachte einst im Wahn zwei Menschen um. Peter lebt nun mit der Angst, die Krankheit von ihm geerbt zu haben. Als Basil Hale (Robert Graf), ein aufdringlicher Verehrer Janes und Feind Peters, erschlagen und Peter mit blutbefleckter Kleidung und der Mordwaffe in der Hand von seiner Gattin aufgefunden wird, glaubt er, dass seine größte Angst sich bewahrheitet hat. Dass sich in einer Geheimkammer seines Schlosses zudem eine Gelddruckmaschine findet, lässt ihn weiter an seiner Unschuld zweifeln und auch sein Arzt Dr. Wells (Viktor de Kowa) macht Peter nur wenig Hoffnung. Einzig Oberinspektor Bourke (Siegfried Lowitz) glaubt an seine Unschuld …

Unter der Regie von Harald Reinl entstand ein Wallace-Film, der vom bis dahin weitestgehend etablierten Handlungsschema abweicht: Im ersten Drittel stehen die beiden Frischvermählten im Mittelpunkt des Interesses, wird die eigentliche Krimihandlung, die zuvor stets schon mit der Eröffnungsszene eingeleitet wurde, erst noch langsam vorbereitet. Der Scotland-Yard-Ermittler, sonst üblicherweise der Protagonist, bleibt bis zum zweiten Akt eine Randfigur. Doch auch dann wird DER FÄLSCHER VON LONDON nicht zum lupenreinen Kriminal- oder Polizeifilm: Reinl orientiert sich eher am sanften Grusel alter Mysteryfilme und bezieht seine Spannung weniger aus der Frage nach der Identität des Killers als nach dem Geisteszustand Peters: Ist er der Mörder und also tatsächlich wahnsinnig oder will ihn jemand nur in diesen Glauben versetzen?

DER FÄLSCHER VON LONDON ist deutlich ruhiger und gemütlicher als seine Vorläufer: Actionszenen, Keilereien, Gewalt und Sex sind überaus spärlich gesät, wenn nicht ganz abwesend, Reinl verlässt sich stattdessen ganz auf Atmosphäre und Suspense. Das kann er, weil der Konflikt der Protagonisten von Beginn an glaubwürdig und interessant ist, Kameramann Karl Löb zudem wunderbar die seelischen Wirrungen Peters und Janes spiegelnde Bilder voller dräuender Schatten malt. Die Vermählungsszene, in der die Unsicherheit, die beide fühlen, während der Priester von ewiger Treue bis zum Tode spricht, förmlich greifbar wird, ist meisterlich, gleichermaßen unangenehm wie beklemmend. Und auch später ist der Rapport zwischen Peter und Jane nie natürlich und entspannt, wie er das bei einem Ehepaar eigentlich sein sollte, sondern gezwungen und gestelzt. Allein dieser Konstellation verdankt DER FÄLSCHER VON LONDON schon einen beträchtlichen Teil seiner inneren Spannung: Während Peter unter dem Eindruck der Morde mehr und mehr in sich zusammensinkt, beginnt Jane um ihre Ehe zu kämpfen und setzt alles auf eine Karte. Reinls Film schafft so einen Eindruck von psychologischer Tiefe, den bisher lediglich Jürgen Roland mit DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE angedeutet hatte. DER FÄLSCHER VON LONDON ist mithin weniger spektakulär als Vohrers DIE TOTEN AUGEN VON LONDON oder Reinls eigener DER FROSCH MIT DER MASKE. Er ist auch deutlich konzentrierter als die mit Verdächtigen und Opfern überfrachteten DER ROTE KREIS, DIE BANDE DES SCHRECKENS oder DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN. Aber es ist eben gerade das Kammerspielartige, das den siebten der Rialto-Wallaces auszeichnet. Reinl beschränkt sich auf das Wesentliche, wirft Ballast über Bord und hebt gerade so das Potenzial der literarischen Vorlage. Keine Sensation, aber dennoch ein ausgezeichneter, ungewöhnlich seriöser Wallace.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (6.), Ulrich Beiger und Karin Dor (3.), Siegfried Lowitz, Joseph Offenbach, Otto Collin, Sigrid von Richthofen, Günter Hauer, Heinz Klevenow, Werner Reinisch und Günther Jerschke (2.), Mady Rahl und Horst Breitkreuz (1.). Regie: Harald Reinl (3.), Drehbuch: Johannes Kai (1.), Musik: Martin Böttcher (1.), Kamera: Karl Löb (2.), Schnitt: Hermann Ludwig (1.), Produktion: Horst Wendlandt (4.), Preben Philipsen (5.) und Leif  Feilberg. 
Schauplatz: London, Schloss Longford Manor, die Trabrennbahn, diverse Wohnungen und Büros. Archivaufnahemn zeigen die Queen und ein Fußballspiel. Gedreht wurde in Hamburg sowie in Schloss Herdringen im Sauerland.
Titel: Zum zweiten Mal wird im Titel Bezug auf London genommen.
Protagonisten: Peter Clifton, seine junge Gattin Jane und Oberinspektor Bourke.
Schurke: Der eigentliche Mörder ist identisch mit dem „Gerissenen“, außerdem führen Dr. Welles, Basil Hale und der mysteriöse Blonberg Böses im Schilde.
Gewalt: Sparsam. Einer wird erschlagen, einer erstochen, zwei erschießen sich gegenseitig.
Selbstreflexion: Keine.

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