derrick, episoden 001 – 004 (deutschland 1974)

Veröffentlicht: Dezember 18, 2013 in Film
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Im Zuge meines entflammten Interesses am deutschen Film (vor allem der Zeit zwischen 1930 und 1980) ist es fast unumgänglich, dass ich mich auch den großen Krimiserien widme, die ab den 1960er-Jahren produziert wurden. Viele Regisseure, die sich zuvor mit Kinofilmen einen Namen gemacht hatten, fanden nach der Einführung des Fernsehens dort ein neues Auskommen. Und die berühmteste all dieser Fernsehserien ist DERRICK, mit insgesamt 281 Episoden in 24 Jahren wahrscheinlich die weltweit erfolgreichste und langlebigste Serie überhaupt. Natürlich habe ich als Kind auch die ein oder andere Folge gesehen: Das Fernsehprogramm bestand aus drei Sendern mit übersichtlichem Angebot und DERRICK gehörte zu den Heiligtümern deutscher Abendunterhaltung. Richtig gemocht habe ich sie damals nicht: Wenn ich mal davon absehe, dass ich mit Krimis eh nicht so viel anfangen konnte, fand ich den Polizisten Stephan Derrick immer eher unangenehm mit seiner dunkelbraun getönten Sonnebrille, den aufgequollenen Tränensäcken, der kehligen Stimme und den stets braun-grauen Anzügen und Mänteln. Ich konnte das damals natürlich noch nicht so benennen, aber DERRICKS titelgebender Protagonist – und mit ihm die Serie – verkörperte die deutsche Spießigkeit in Reinkultur. Die Episoden rochen immer irgendwie nach kaltem Zigarrettenrauch, nach abgestandenem Bier, nach Staub, den Linoleumböden in deutschen Amtsstuben und nach Bohnerwachs und waren damit entschieden unsexy. Als dieses Jahr die Nazivergangenheit Tapperts ans Licht kam, da schloss sich im Grunde genommen der Kreis: Denn auch wenn Stephan Derrick als Kriminalbeamter das Gesetzt vertrat, so haftete ihm immer etwas entschieden Furchteinflößendes an. In einer der ersten vier Episoden sagt er zu seinem Partner einmal, dass es ihm unangenehm sei, das Gesetz zu vertreten, weil ihm das zu abstrakt erschiene. Und tatsächlich wirkt dieser Derrick meist nicht wie ein Mensch, ein Individuum mit Privatleben, Familie und Vergangenheit, sondern wie eine entindividualisierte Staatskraft, eine Art Robocop ohne Metallteile. Dieser Derrick begibt sich abends nicht nach Hause, er wird in seinem Büro von Technikern runtergefahren und für den Einsatz am nächsten Tag gewartet und neu aufgeladen. Was interessant ist an dieser Assoziation und an der Spießer-Unterstellung: In den ersten vier Episoden räumt dieser Derrick gerade mit jenem deutschen Spießertum auf, das er doch selbst zu vertreten scheint. Er bekommt es eben nicht mit den Außenseitern und Extremfällen der Gesellschaft zu tun, sondern gewissermaßen mit der frappierenden Banalität des Bösen, dem Biedermann mit der Leiche im Keller. Auch wenn DERRICK zu Beginn/Mitte der Siebziger seine Premiere erlebte: Man kann kaum anders, als zumindest die ersten Folgen als Kommentar zu einer immer noch nicht verarbeiteten deutschen Vergangenheit begreifen.

Episode 001: Waldweg (Dietrich Haugk, Deutschland 1974)
Oberinspektor Derrick (Horst Tappert) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper) werden an ein Mädcheninternat im Münchener Umland beordert. Dort sind binnen kürzester Zeit zwei Mädchen auf ihrem abendlichen Weg vom Bahnhof zur Schule von einem unbekannten Täter ermordet worden. Der erste Verdacht fällt auf den jungen Lehrer Dackmann (Herbert Bötticher), der einen sehr lockeren, vielleicht zu lockeren Umgang mit den Schülerinnen pflegt. Doch noch verdächtiger erscheint Derrick der zurückhaltende Herr Manger (Wolfgang Kieling), der mit seiner alten Mutter zusammenlebt. Weil Derrick jedoch keine echten Beweise für seinen Verdacht hat, setzt er einen Köder aus …
Wertung: ***/*****

Episode 002: Johanna ( Leopold Lindberg, Deutschland 1974)
Alfred Balke (Helmut Lohner) ermordet seine wohlhabende, rund 20 Jahre ältere Gattin Martha (Lilli Palmer), um mit der Erbschaft und seiner jüngeren Geliebten durchzubrennen. Obwohl Balke als einziger Verdächtiger zunehmend nervöser und erratischer wird, kann ihm Derrick nichts nachweisen: Balke hat ein wasserdichtes Alibi. Weil Derrick jedoch ahnt, dass nur er als Täter infrage kommen kann, bringt er Johanna (Lilli Palmer), die Schwester der Verstorbenen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dazu, ihren Schwager zu konfrontieren …
Wertung: **/*****

Episode 003: Stiftungsfest (Helmut Käutner, Deutschland 1974)
Ein Gesangsverein aus Augsburg feiert sein rauschendes Stiftungsfest in einem Münchener Wirtshaus. Alle sind ausgelassen, es wird kräftig getrunken und vor allem der Vereinsvorsitzende August Bark (Siegfried Lowitz) agiert wie entfesselt. Als er Irene (Andrea Rau), die Geliebte seines Sohnes, die schon auf der Tanzfläche äußerst offenherzig getanzt und damit seine Aufmerksamkeit erregt hatte, nackt in ihrem Zimmer trifft, kann er sich nicht mehr halten. Doch dann klopft sein Sohn Helmut (Bruno Dietrich) an die Tür, Bark gerät in Panik und die Situation außer Kontrolle: Irene stürzt unglücklich und bricht sich das Genick. Bark kann unerkannt entkommen, Helmut findet nur noch die Leiche seiner Freundin. Als wenig später Oberinspektor Derrick eintrifft, ist nur eines klar: Der Täter muss sich noch unter den Gästen des Hauses befinden …
Wertung: ****/*****

Episode 004: Mitternachtsbus (Theodor Grädler, Deutschland 1974)
Als Erich Holler (Hartmut Becker) von Helga (Christiane Schröder), einer Kellnerin im Gasthof seines Vaters Oskar (Werner Kreindl), erfährt, dass sie von ihm schwanger ist und das Kind nicht abtreiben will, da bringt er sie kurzerhand um. Der Vater ist nur darauf bedacht, seinen Sohn aus der Schusslinie zu bringen, und bietet dem ermittelnden Oberinspektor Derrick sofort den schwachsinnigen Bruno (Lambert Hanel) als Täter an. Der geistig Zurückgebliebene kann sich eh nicht wehren, ist ungemein kräftig und zudem weiß jeder, dass er an Helga einen Narren gefressen hatte und ihr nachzustellen pflegte. Doch Derrick ist das zu einfach, also erhöht er mithilfe der Kellnerin Frau Jahn (Bruni Löbel) den Druck auf den Vater …
Wertung: ****/*****

Die vier Episoden, mit denen Oberinspektor Derrick im Jahr 1974 seine lange Karriere als Fernsehkriminalist begann, sind erstaunlich homogen. Das betrifft längst nicht nur die Handlungsstruktur, die meines Wissens über die Jahre nicht modifiziert wurde – jede Episode beginnt mit dem Verbrechen, der Täter ist dem Zuschauer stets bekannt, Derrick tritt nach ca. einem Drittel der einstündigen Laufzeit auf und muss dann den Fall lösen –, sondern auch den Inhalt: In allen vier Fällen ist der Täter kein abgezockter Killer, sondern ein „heißgelaufener“ Biedermann, der zunehmend in Panik gerät. In allen vier Fällen ahnt Derrick, wer der Täter ist, bevor er einen stichhaltigen Beweis in der Hand hält. In allen vier Fällen drängt er den Täter durch rhetorische Kniffe und Psychospielchen in die Enge und lässt ihn sich selbst verraten. Und in drei der vier Fälle sind es dem Täter nahestehende Personen, die ihn schützen und sein Lügengebilde aufrechterhalten. Der mahnende Charakter, die Crime-does-not-pay-Strategie, die Kriminalfilme fast immer zumindest unterschwellig bedienen, wird in DERRICK durch diese Ausrichtung besonders hervorgehoben. Die Identifikation des Zuschauers findet weniger über die Figur des Ermittlers Derrick statt, als über die Täter, die allesamt der Mitte der Bevölkerung entspringen, von ihren Taten genauso schockiert zu sein scheinen wie der Zuschauer und gegen das kriminalistische Genie Derricks von Beginn an auf verlorenem Posten stehen. DERRICK suggeriert die Ohnmacht des Einzelnen vor der Staatsmacht, verdeutlicht, dass es keinen Zweck hat, sich zu verstellen: Wenn wir schon keine Indizien hinterlassen haben, die uns verraten, so tut dies garantiert unser schlechtes Gewissen, das Profis wie Derrick auf Meilen gegen den Wind riechen. Dass es in erster Linie Derricks untrügliche Menschenkenntnis ist, die ihn auf die Siegesstraße bringt, unterstreicht noch den beinahe alttestamentarischen Unterton der Serie: Derrick steigt wie ein allwissender Engel zu uns herab, um das Tohuwabohu, das die Menschen in ihrer Fehlbarkeit angerichtet haben, wieder geradezubiegen. Fast hat man am Ende jeder Episode den Eindruck, die Täter seien ihm dankbar dafür, dass er ihnen mit dem Geständnis wie ein Beichtvater auch die erdrückende Last der Schuld abgenommen hat. Und wenn man sich anschaut, wer diese Täter sind, wie sie leben, was sie umgibt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Deutschland selbst ist, das sie die Grenze überschreiten lässt. Man schaue sich nur an, zu welch düsterem Ort Theodor Grädler einen ganz normalen deutschen Gasthof verzerrt. Hier kann gar nichts anderes gedeihen als die Schuld. Aber dass es ausgerechnet ein Ex-Nazi ist, der sich dieser deutschen Kollektivschuld stellt, das ist schon bemerkenswert und verleiht der sowieso schon reichlich tristen Serie rückblickend noch eine Extradosis Abgründigkeit.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich konnte mit Derrick nie was anfangen. Dagegen hat der oft und gerne gebashte „Tatort“ gerade
    in de 70ern ziemlich wild experimentiert. Man denke nur an die Carte-Blanche für Sam Fuller.
    Und bis heute ist die Serie noch ab und zu für ein Highlight gut.
    Den (internationalen) Kult um Derrick, habe ich nie wirklich verstanden.

    • Oliver sagt:

      Vielleicht solltest du dir mal alte Episoden anschauen. Käutner, Brynych oder Vohrer haben da dem Vernehmen nach ebenfalss recht Beachtliches geleistet. Und die ersten vier Folgen sind finsterstes bundesdeutsche Unterhaltung, wie man sie sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Käutner und Vohrer in allen Ehren. Aber den ganzen von Dominik Graf ausgelösten Brynych Hype,
    habe ich auch nie verstanden. Ja, die Kommisar Folgen sind schon schräg. Wer´s mag.
    Derrick war mir einfach immer zu betulich und vor allem zu humorlos.
    Aber eins muss man den ganzen Reinecker Krimis natürlich lassen. Sie zeichneten ein wirklich
    zutreffendes Bild der damaligen deutschen Befindlichkeit.

  3. Sebastian sagt:

    Erst Wallace und jetzt Derrick. Herrlich! 🙂 Ich habe vor etwa zweieinhalb Jahren angefangen, mich näher mit Derrick und dem Kommissar zu beschäftigen – ausgelöst von der Lektüre des sehr spannenden Buches »Reineckerland« über den Autor der Serien. Nicht nur Tappert hat ja eine NS-Vergangenheit, Herbert Reinecker (Jahrgang 1914) war zunächst Redakteur diverser HJ-Publikationen, später Kriegsberichterstatter bei der Waffen-SS. Die drei Autoren des Buches zeigen sehr spannend, wie die Problematik seiner Lebensgeschichte und seine durchaus schuldbewußte Selbstbefragung auf das Werk Reineckers (vor allem auf seine TV-Arbeiten) durchschlägt. Falls es interessiert, hier ein Link zu den Reinecker-Texten auf meinem Blog: http://magazin-des-gluecks.blogspot.de/search/label/Reinecker

  4. Thies sagt:

    Ich hatte erst letzte Woche Horst Tappert in „Perrack“ gesehen, von Alfred Vohrer inszeniert. Man könnte ihn fast als Vorläufer von „Derrick“ sehen, nur das Perrack beim Sittendezernat arbeitet und der Handlungsort das Rotlichtviertel von Hamburg ist. Der Film selbst ist ein bemerkenswerter Spagat zwischen Exploitation und der von Dir beschriebenen Spießigkeit des Bürgertums. Das Herz des Films scheint dann auch eher den kleinen Ganoven und Huren zu gehören die in eine Erpressergeschichte geraten, die zwei Nummern zu groß für sie ist. Daneben gibt es aber auch noch in dem Umfeld seltsam wirkende Humoreinlagen, die so ähnlich auch im Spätwerk von Heinz Erhardt Platz gefunden hätten. Vielleicht findet der auch noch Platz in Deiner Retrospektive – lohnen würde es sich. 😀

  5. Man schaue sich nur an, zu welch düsterem Ort Theodor Grädler einen ganz normalen deutschen Gasthof verzerrt.

    Ja, die Gasthäuser, Sommerpensionen und Autobahnraststätten als Orte der Abgründe. Das gab es auch schon im KOMMISSAR reichlich (z.B. DIE TOTE IM DORNBUSCH, DIE SCHRECKLICHEN, DER MOORMÖRDER, SOMMERPENSION, TOD EINES LANDSTREICHERS, DER LIEBESPAARMÖRDER, EIN MORD AUF DEM LANDE). Wenn Du mit DERRICK durch bist (sind ja nur noch 277 Episoden :-)), solltest Du dich auch noch dem KOMMISSAR widmen.

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