die tür mit den sieben schlössern (alfred vohrer, deutschland/frankreich 1962)

Veröffentlicht: Dezember 18, 2013 in Film
Schlagwörter:, , , , ,
Am Londoner Bahnhof bricht ein Mann zusammen und stirbt, nachdem ihm der herbeieilende Arzt Dr. Staletti (Pinkas Braun) eine wirkungslose Spritze verpasst hat. Bei sich trägt der Tote einen Schlüssel an einer Kette. Wenig später fällt Scotland Yard ein weiterer, identischer Schlüssel in die Hände: Ebenfalls zusammen mit einer Leiche. Als Inspektor Martin (Heinz Drache) von seinem Informanten Pheeny (Klaus Kinski) erfährt, dass der den Auftrag erhalten und verweigert habe, eine Tür mit sieben Schlössern zu knacken, wird er hellhörig. Seine Ermittlungen ergeben eine Verbindung zu Mr. Haveloc (Hans Nielsen), dem Anwalt des verstorbenen Lord Selford, dessen Sohn in Kürze das Erreichen der Volljährigkeit feiern wird: Die Toten standen auf seiner Gästeliste …
Nachdem Helmuth Ashleys Vorgänger DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE einem kräftigen Durchlüften der doch dezent staubig miefenden Edgar-Wallace-Stube glich, kann sich Alfred Vohrer, der für das bisherige Serien-Highlight DIE TOTEN AUGEN VON LONDON verantwortlich zeichnete, wohnlich einrichten und erneut seinen Regie-Zauber entfalten. Während Ashleys Humor noch einer fast parodistischen Herangehensweise an den Krimistoff entsprang, die er allerdings mit einer erhöhten Distanz des Zuschauers zum Geschehen erkaufte, bringt Vohrer stattdessen einfach eine gewisse Grundlockerheit mit, die seinen Film insgesamt infiziert. Selbst Heinz Drache, mit seinem konservativen Meckihaarschnitt und dem mittelalten Knautschgesicht nicht gerade ein Konkurrent für Blacky Fuchsbergers natürlich-männlichen Sex-Appeal, kommt unter Vohrers Regie noch rüber wie ein jugendlicher Bruder Leichtfuß, jemand, der sich von einer bizarren Mordserie keinesfalls die gute Laune verderben lässt. Späßchen wie in seinem Gespräch mit dem nervösen Pheeny, bei dem er erst eine Zigarette aus dem eigenen Ärmel zaubert, dann das seinem Gegenüber heimlich entwendete Feuerzeug hinter dessen Ohr „entdeckt“, tragen zwar nichts Wesentliches zur Handlung bei, konturieren aber sowohl die Charaktere wie auch das ganze Szenario deutlich schärfer, als das in den Wallace-Filmen sonst üblich ist. Martins für diese Zeit (und die Wallace-Filme) typische chauvinistische Übergriffigkeit – es ist ganz selbstverständlich, dass er der hübschen Bibliothekarin Sybil Landsdown (Sabine Sesselmann) ganz schamlos auf die bestrumpften Beine starrt, sich dafür nicht einmal entschuldigt und sie im Anschluss sogleich nach einem Date fragt – wird von Sybils Selbstbewusstsein charmant ausgehebelt. Als er sie im Aufzug darum bittet, ihn „Richard“ zu nennen, entgegnet sie nur barsch: „Ein schrecklicher Name.“ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die bei Vohrer große Wirkung entfalten: Die Routine, die sich in die Reihe eingeschlichen hatte, treibt er ihr mit solchen Handgriffen, die nicht wenig an Martins Zaubertricks erinnern, wieder aus. Man könnte auch sagen: Ashley hat frische Luft, Vohrer neues Leben hereingelassen.
Dieser lockere Umgang mit seinem Stoff erleichtert es ihm auch, sich im weiteren Verlauf von ihm zu lösen und stattdessen das zu tun, was für den Film gut ist. So greift er zum Finale hin beherzt in die große Exploitation-Trickkiste, in die die meisten seiner Vorgänger nur zaghaft hineingelugt haben, nicht so recht wissend, was sie mit ihrem Inhalt anfangen sollten. Aber bei Vohrer findet alles seinen Platz: der komische Stuhl, dessen Lehne einem Frauentorso nachempfunden ist, dessen vorderen Beine in High Heels stecken und in dessen „Unterleib“ ein Plattenspieler verborgen ist; die Orgel, an der Gisela Uhlen die Performance von Vincent Price als Dr. Phibes antizipiert; das düstere Verlies, das sich hinter einer Geheimtür verbirgt und das ein Labor (mit in lustigen Tiegeln blubbernden und dampfenden Flüssigkeiten), einige Kerkerzellen und die titelgebende Tür beherbergt; einen mad scientist, der von  der Schaffung einer unsterblichen Rasse von Genies träumt, obwohl seine erste Schöpfung nur ein grunzender Fettsack mit dekorativer Schädelnarbe ist (Ady Berber); ein Menschenaffe (= Mann im zotteligen Affenkostüm), traurig in seiner Zelle hockend, dann und wann auf und ab hüpfend; schließlich die verschlossene Kammer selbst, in der eine mumifizierte Leiche vor sich hin gammelt. Vohrer lässt seine Wallace-typisch behäbige Krimigeschichte mit solcher Selbstverständlichkeit ins Krass-Pulpige umkippen, dass es wie das Normalste von der Welt erscheint. Humor ist ihm der Fugenkitt, mit dem die Schnittstellen bis zur Unsichtbarkeit zugespachtelt werden. Sein größter Helfer dabei ist natürlich Eddie Arent als Holms, dessen kleine Clownereien hier tatsächlich witzig sind: Ganz groß, wenn der ehrenwerte Anwalt Haveloc ihm den Hut in die Hand drückt, als sei er sein Diener, und Holms diesen kurzerhand einfach wegwirft. Da ist er wieder, der untrügliche Blick für die kleinen Details mit der großen Wirkung. Und folglich ist DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN bis hierhin der zweitbeste Wallace-Film nach Vohrers DIE TOTEN AUGEN VON LONDON.
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Eddie Arent (9. Wallace-Film),  Klaus Kinski (5.), Sabine Sesselmann, Pinkas Braun, Ady Berber, Jan Hendriks (2.). Es debütieren: Heinz Drache, Gisela Uhlen, Siegfried Schürenberg, Werner Peters. Regie: Alfred Vohrer (2.), Drehbuch von Harald G. Petersson (1.), Johannes Kai (2.) und G. F. Hummel (1.). Kamera: Karl Löb (3.), Musik: Peter Thomas (3.), Schnitt: Carl Otto Bartning (1.), Produktion: Horst Wendlandt (7.), Jacques Leitienne. 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Schlösschen Selford Manor. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf das zentrale Geheimnis des Films.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Richard Martin, sein Partner Holms (Eddi Arent) und Damsel in Distress Sybil Landsdown.
Schurke: Der größenwahnsinnige Arzt Dr. Staletti, das verbrecherische Ehepärchen Cody, der hünenhafte Killer Giacco, schließlich der ehrenwerte Anwalt Haveloc.
Gewalt: Tod durch Giftspritze, Erwürgen, Erschießen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert zwei Cameo-Auftritte, Eddie Arent wendet sich zum Schluss ans Publikum und wünscht einen „guten Heimweg“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.