das gasthaus an der themse (alfred vohrer, deutschland 1962)

Veröffentlicht: Dezember 19, 2013 in Film
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London wird von einem Killer unsicher gemacht: Da er als Taucher unterwegs ist und seine Opfer bevorzugt mit der Harpune erlegt, gibt man ihm den Spitznamen „Hai“. Die Ermittlungen führen Inspektor Wade (Joachim Fuchsberger) in die am Ufer der Themse gelegene Mekka-Bar, die von der Sängerin Nelly Oaks (Elisabeth Flickenschildt) geführt wird. Sowie sie, als auch ihre Pflegetochter Leila (Brigitte Grothum) und der mysteriöse Gewürzhändler Gubanow (Klaus Kinski) scheinen etwas zu wissen, verschweigen es aber. Während der Hai weitere Opfer fordert, findet Wade heraus, dass Leila möglicherweise die verschwundene Tochter einer vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommenen, reichen Familie ist und die um ihr Wohl so besorgte Nelly, die sie schnellstmöglich an den Schiffskapitän Brown (Heinz Engelmann) verheiraten will, vor allem nach ihrem Erbe trachtet …

Auf DAS GASTHAUS AN DER THEMSE habe ich mich von allen Wallace-Filmen mit am meisten gefreut. Nicht nur, weil er erneut von Alfred Vohrer inszeniert wurde, sondern vor allem, weil sein Titel, wie schon DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, sofort reiche, detaillierte und stimmungsvolle Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen lässt. Er verheißt genau das, was ich mit den Wallace-Filmen assoziiere: den kalten Londoner Nebel, das schwarze Wasser der Themse, das sich durch die Metropole wälzt, dunkle, unfreundliche Orte, an denen sich Halsabschneider und andere zwielichtige Gestalten tummeln, einen nahtlosen Übergang von weltlichen Verbrechen hin zum Unfasslichen, Unheimlichen. Der Beginn des Films hält dann auch, was der Titel verspricht: In einer dunklen, nebligen Nacht wird ein Whiskeyschmuggler in seinem Ruderboot vom „Hai“ mit der Harpune ermordet. Sein Todesschrei zerreißt die Stille und während sein Leichnam im Bötchen die Themse hinuntertreibt, rückt am Ufer im Hintergrund ein heruntergekommenes Gebäude in den Blick, dessen Leuchtschrift es als „Mekka“ ausweist. Sogleich befinden wir uns im Inneren: Die Grand Dame Nelly Oaks haucht mit dunkler, geheimnisvoller Stimme das Lied „Besonders in der Nacht“, während die Gäste – kräftige Matrosen aus aller Herren Länder, ledergesichtige Säufer und gut gelaunte, leicht bekleidete Damen – sich fast bis unter die Decke des urigen Schuppens stapeln. Das Szenario suggeriert eine aufregende Parallelwelt abseits der touristisch erschlossenen Pfade der britischen Hauptstadt, ein wildere, zügellosere, aber auch eine, die nicht direkt abweisend, sondern eher einladend wirkt. Der hereinplatzende Wade, der sogleich beginnt, alle mit Fragen zu löchern und dabei nicht gerade freundlich ist, mutet auch dem Zuschauer wie ein Störenfried an.

Leider versäumt Vohrer im weiteren Verlauf des Films die Chance, sein wunderbares Setting auszuarbeiten und zu vertiefen, die Grenze zwischen Krimi und pulpigem Groschenheft-Grusel lustvoll zu überschreiten und zu verwischen, wie er das in seinen beiden vorigen Filmen (neben dem bereits genannten DIE TOTEN AUGEN VON LONDON inszenierte er noch DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN) so meisterlich geschafft hatte. DAS GASTHAUS AN DER THEMSE bleibt ganz in der Sphäre des Realen verhaftet und zahlreiche Szenen bei Tageslicht zerstören auch das Bild der Mekka-Bar als  dunkles, von Leidenschaften und Lüsten bestimmtes Reich: Sie ist eben doch nur eine ganz normale Pinte mit ein paar kriminellen Bediensteten. Aber da ist noch etwas anderes, was mich an diesem Film etwas enttäuscht oder gestört hat. Im Gegensatz zu den anderen Wallace-Filmen, die ihre eigentlich recht banalen Kriminalfälle stets mit einer Vielzahl an Verdächtigen, potenziellen Tätern und Opfern sowie skurrilen Randfiguren vollstopften, bis man hoffnungslos den Überblick verloren hatte, ist DAS GASTHAUS AN DER THEMSE geradezu aufgeräumt. Das Gothisch-Ornamentale, das die Reihe sonst auszeichnete, geht ihm weitestgehend ab, stattdessen wirkt er in seinem Handlungsverlauf deutlich moderner und, ja, auch realistischer. Die Suche nach dem Killer, die Frage nach seiner Identität und sogar seine Erscheinung erinnern am ehesten noch an den ersten der Rialto-Wallace-Filme, DER FROSCH MIT DER MASKE, der seinerseits eine geradlinige Räuberpistole erzählte und sich viele der später unverzichtbaren Marotten noch verkniff. Der hatte mir sehr gut gefallen, sodass meine milde Enttäuschung über DAS GASTHAUS AN DER THEMSE vielleicht unberechtigt ist. Vohrer hatte die Messlatte mit seinen beiden vorigen Filmen eben recht hoch gelegt und so fehlte mir an seinem dritten Beitrag zur Reihe einfach das Besondere, das Ausgefallene, das expressiv-exzessive Element. Hier gibt es weder eine andächtig Beethovens Fünfter lauschende Blindenschar, einen grunzenden, hünenhaften Killerfettsack, unsagbare Verbrechen in dunkeln Gewölben und auch keinen Mad Scientist mit Menschenaffe im Kellerverlies und irrwitzigen Weltbeherrschungsplänen. Es geht eben nur um ein paar Kriminelle, die einem unschuldigen Mädchen die Erbschaft abjagen wollen. Nachdem DAS GASTHAUS AN DER THEMSE so verheißungsvoll begonnen hatte, fand ich diese Enthüllung dann eher ernüchternd. Zu einem auch nur annähernd schlechten Film ist Vohrer aber natürlich nicht in der Lage. Vielleicht bewerte ich den Film deshalb beim nächsten Mal schon ganz anders.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (6.), Klaus Kinski (5.), Hans Paetsch, Friedrich G. Beckhaus und Jan Hendriks (3.), Brigitte Grothum, Elisabeth Flickenschildt, Hela Gruel, Siegfried Schürenberg, Rudolf Fenner, Manfred Greve, Gertrud Prey, Joachim Wolff und Frank Straass (2.). Regie: Alfred Vohrer (3.), Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (6.), Harald G. Petersson (2.) und Gerhard F. Hummel (2.), Musik: Martin Böttcher (2.), Kamera: Karl Löb (4.), Schnitt: Carl Otto Bartning (2.), Produktion: Horst Wendlandt (8.). 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Themseufer, die „Mekka-Bar“, die Londoner Kanalisation. Gedreht wurde in Hamburg.
Titel: Bezieht sich auf die Mekka-Bar, die im Zentrum der Ermittlungen steht. Zum dritten Mal taucht ein geografischer Bezug im Titel auf.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Wade und Damsel in Distress Leila Smith.
Schurke: Zuerst natürlich der „Hai“ sowie um ihn herum eine größere Gruppe zwielichtiger Gestalten, darunter die Kneipenbesitzerin Nelly Oaks sowie ihre Partner Roger Lane und der Kapitän Mr. Brown.
Gewalt: Morde durch Harpune, eine Unterwasser-Erdrosselung, Selbstmord durch Gift.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet zum ersten Mal mit der Off-Stimme, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!“. Kinskis Rollenname ist mit dem Geburtsnamen des Produzenten Horst Wendlandt identisch.

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