der zinker (alfred vohrer, deutschland/frankreich 1963)

Veröffentlicht: Dezember 20, 2013 in Film
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Die Londoner Unterwelt wird von einem unbekannten Verbrecher, den alle nur den „Zinker“ nennen, in Angst und Schrecken versetzt. Als ein Krimineller seine Identität aufgedeckt zu haben glaubt, wird er mit dem Gift einer Schwarzen Mamba ermordet. Die Ermittlungen führen Inspektor Elford (Heinz Drache) zu der Tierhandlung der reichen Witwe Mulford (Agnes Windeck) und ihrem Geschäftsführer Sutton (Günter Pfitzmann): Dort wurde vor kurzem eine solche Schlange entwendet …

Nachdem mich DAS GASTHAUS AN DER THEMSE zuvor etwas underwhelmt hatte, hat DER ZINKER meine Erwartungen übertroffen: Vohrer erzählt seine Gangstergeschichte mit viel Zug und der liebgewonnenen Überfülle an bizarren Ideen, handelnden Figuren, nebligen Nachtszenen, zwielichtigen Gestalten und Kurzausflügen in die Gefilde des Horrorfilms. Dennoch bleibt die Handlung nachvollziehbar, wird der Whodunit-Aspekt nicht, wie sonst so häufig in den Wallace-Filmen, lediglich vorgetäuscht. Na klar, manche Morde und Plotwindungen sind auch hier natürlich reines Mittel zum Zweck und nur zu gern wird die Logik auch mal komplett über Bord geworfen, wenn es der Spannung oder der Irreführung der Zuschauer dient, aber DER ZINKER ist dennoch weitestgehend stringent. Was diesen Film – und bislang eigentlich alle guten Filme der Reihe – in erster Linie auszeichnet, das sind natürlich nicht psychologisch fundierte Charakterzeichnungen, nachvollziehbare Motivationen oder eine authentische Darstellung von Polizei- und Ermittlungsarbeit, sondern packende Situationen, kreative Morde und finstere Verbrecher. Und hier zieht Vohrer wieder einmal alle Register. Das Gemäuer, in dem Tiger, Löwen, Lamas, Giftschlangen und anderes Getier gehalten werden, gibt ein wunderbar exotisches Setting ab, in dem sich Klaus Kinski als stummer Tierpfleger Krischna sichtlich wohl fühlt, und der berühmte Londoner (oder vielleicht auch Hamburger) Nebel, meist hübsch dekorativ im Gegenlicht eingefangen, spendet auch ganz weltlichen Vorgängen noch jenen außerweltlichen Touch, den die Wallace-Filme so gern bemühen. Kurze Subplots wie jener, in dem eine Gangsterbande versucht, den Zinker in eine Falle zu locken, um den Mord an einem der ihren zu rächen, sind die Extraportion Fleisch auf den Rippen eines rundum gelungenen Krimis. Und auch wenn dann mal nichts passiert, kann man sicher sein, dass Vohrer irgendwas Interessantes anzustellen weiß. Da kommt mal wieder jene schon in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON bemühte Einstellung aus dem Mund einer Figur heraus zum Einsatz – die hier eine Karotte knabbert, was die Absurdität noch steigert, oder wird aus einem Waschbecken mit laufendem Wasserhahn herausgefilmt. Und der Einfall, die liebenswerte alte Dame Mulford zu Musik vom Plattenspieler vor „begeistertem“ Publikum dirigieren zu lassen, ist ebenfalls ausgesprochen reizend.

Auffallend ist ein insgesamt etwas ruppigerer Tonfall, der nur durch die Komikeinlagen Arents – diesmal als verhinderter Zeitungsreporter im Dienste Siegfried Schürenbergs unterwegs, der ausnahmsweise mal keinen Scotland-Yard-Vorgesetzten spielt – aufgelockert wird. Ein romantisches Element ist hingegen weitestgehend absent: Zwischen Elford und Beryl Stedman (Barbara Rütting), dem potenziellen Love Interest, entspinnt sich hier dankenswerterweise keine zarte Romanze, die junge Dame muss als Krimischriftstellerin erst als Verdächtige herhalten, darf sich dann am Ende als tragisches, vom Zinker genasführtes Opfer erweisen. So sehr man den Verzicht auf eine klischierte Liebesgeschichte begrüßt, so unentschlossen wirkt aber letztlich die Inklusion dieser Figur. Man merkt, dass man mit einer Frauenfigur nicht wirklich etwas anzufangen wusste, sofern man keinen romantischen Subplot um sie stricken konnte. Obwohl Barbara Rütting in DER ZINKER also eine ungewohnt starke Rolle zufällt – sie muss von keinem starken Mann aus höchster Not gerettet werden –, hinterlässt sie doch einen eher flüchtigen Eindruck und bekommt nicht wirklich etwas zu tun. Dafür bildet sie in Suttons Wohnung in Form eines überlebensgroßes Foto auf der Tischpaltte ein beeindruckendes chauvinistisches Centerpiece. Womit wir dann wieder bei den Männern sind: Wenn es schon an in den Armen eines starken Mannes dahinschmelzenden Frauen fehlt, so gibt es umso mehr zu allem entschlossene Kerle, die morden, betrügen, rumballern, stehlen und grimmige Gesichter machen. Das ist naturgemäß nicht mit „echten“ Gangster- oder Actionfilmen vergleichbar, innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe zählt DER ZINKER aber durchaus zu den realistischeren und bodenständigeren Beiträgen und reiht sich nahtlos ein zwischen Filmen wie DER FROSCH MIT DER MASKE, DER ROTE KREIS, DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE oder eben DAS GASTHAUS AN DER THEMSE. Geradezu rührend mutet es deswegen an, wie die zeitgenössische Presse immer wieder den „Gruselaspekt“ der Wallace-Filme in den Vordergrund rückte: „Auf Gänsehaut kalkulierte Situationen werden durch gelegentliche Gags kompensiert“, schrieb der Filmdienst zum Start des Films 1963. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich die Furcht des Spießbürgers vor der Unfasslichkeit des Verbrechens: Was da in einem „Moloch“ wie London dem Vernehmen nach vorging, das konnte man sich auf seiner deutschen Wohnzimmercouch unter dem Bild vom röhrenden Hirsch wahrscheinlich nur unter Zuhilfenahme von ins Groteske überzeichneter Bilder vorstellen. Dabei waren keine 20 Jahre zuvor weitaus abscheulichere Dinge vor der eigenen Haustür passiert.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Klaus Kinski (6.), Jan Hendriks (4.), Siegfried Schürenberg (3.), Heinz Drache, Stanislav Ledinek, Albert Bessler (2.), Inge Langen, Barbara Rütting, Agnes Windeck, Heinz Spitzner, Eva Ebner, Heinrich Gies, Heinz Petruo, Bert Wilczewski, Michael Chevalier (1.). Regie: Alfred Vohrer (4.), Drehbuch: Harald G. Petersson (3.), Musik: Peter Thomas (5.), Kamera: Karl Löb (5.), Schnitt: Hermann Haller (1.), Produktion: Horst Wendlandt (9.), Preben Philipsen (6.), Jacques Willemetz. 
Schauplatz: London, Scotland Yard. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: „Der Zinker“ ist der Deckname eines gefürchteten Londoner Kriminellen mit unbekannter Identität.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Elford.
Schurke: Der Zinker.
Gewalt: Tod durch Giftpfeile (Schlangengift), eine Erstechung, eine Erschießung, Tod durch Tigerattacke.
Selbstreflexion: Der Film wird wieder mit dem Voice-over-Kommentar “Hier spricht Edgar Wallace!” eröffnet.
Kommentare
  1. Achtung, Spoiler für DAS PHANTOM VON SOHO voraus:

    die junge Dame muss als Krimischriftstellerin erst als Verdächtige herhalten, darf sich dann am Ende als tragisches, vom Zinker genasführtes Opfer erweisen. So sehr man den Verzicht auf eine klischierte Liebesgeschichte begrüßt, so unentschlossen wirkt aber letztlich die Inklusion dieser Figur. Man merkt, dass man mit einer Frauenfigur nicht wirklich etwas anzufangen wusste, sofern man keinen romantischen Subplot um sie stricken konnte.

    Da war die Konkurrenz, Atze Brauners CCC, zupackender: Im Bryan-Edgar-Wallace-Film DAS PHANTOM VON SOHO spielt Barbara Rütting ebenfalls eine Kriminalschriftstellerin – und ist am Ende die Mörderin, das „Phantom“.

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