der schwarze abt (franz josef gottlieb, deutschland/frankreich 1963)

Veröffentlicht: Dezember 21, 2013 in Film
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DER SCHWARZE ABT also. Ich vermute, dass dieser Film zu jenen gehört, die ich als Pimpf im Fernsehen gesehen habe, gebannt die Bilder der verfallenen Abtei im nächtlichen Nebel aufsaugend, jeden Auftritt des mysteriösen schwarzen Abtes antizipierend, der mit seiner schwarzen Ku-Klux-Klan-Kutte ordentlich was hermachte. Wirklich erinnern kann ich mich daran aber nicht mehr, da ist eher so ein diffuses Gefühl der Vetrautheit, das aber auch einfach daher rühren könnte, dass dieser erste Wallace von Franz Josef Gottlieb reinstes Formelkino ist. Nicht, dass die anderen Filme der Reihe Musterbeispiele für Unkonventionalität und künstlerischen Ausdruck wären: Sie bieten alle in erster Linie publikumswirksamen Kintopp mit einer Reihe einmal erprobter und dann jedesmal neu aufgegossener und nur leicht verfeinerter Zutaten, die dann zusammen eine wenn schon nicht besonders nahrhafte, so doch meist schmackhafte Mahlzeit ergaben. In DER SCHWARZE ABT haut das nicht so richtig hin, wirkt das Endergebnis wie mit Heißhunger am Büffet zusammengestellt, eine Mischung für sich genommen leckerer Einzelteile, die aber nicht wirklich miteinander harmonieren, zumindest sich nicht zu einem großen Neuen verbinden.

Auf Schloss Chelford lebt der von einer Nervenkrankheit geplagte Lord Harry Chelford (Dieter Borsche), der fest an die Existenz eines Familienschatzes glaubt, der irgendwo auf seinem gewaltigen Anwesen liegt. Die Suche nach dem Schatz wird durch den schwarzen Abt erschwert, einen Geist, der dort sein Unwesen treibt und auch schon einmal Leichen hinterlässt. Um Chelford schart sich eine Gruppe von zwielichtigen Gestalten, die es alle auf das Geld – und den Schatz – abgesehen haben: Sein Anwalt Chine (Harry Wüstenhagen) ist völlig pleite, hat Chelfords Geld bei Pferdewetten veruntreut und plant nun, seine Schwester Leslie (Grit Boettcher) mit ihm zu verheiraten, die sich aber zu Richard (Joachim Fuchsberger) hingezogen fühlt, Chelfords Cousin und Vermögensverwalter. An Leslie hat aber auch der Buchmacher Gilder (Werner Peters) Interesse, der Chine damit erpresst, seine Veruntreuungen öffentlich zu machen und außerdem mit Mary Wenner (Eva Ingeborg Scholz) zusammenarbeitet, Chelfords ehemaliger Sekretärin, die zu wissen glaubt, wo der Schatz liegt. Als die Polizei in Vertretung von Detective Puddle (Charles Regnier) und seinem Assistenten Smith (Eddi Arent) eintrifft, um einen Mordfall aufzuklären, kommt Bewegung in das Intrigenstadl …

Franz Josef Gottlieb braucht ca. 20 bis 30 Minuten, bis er Licht in diese verschlungene Personenkonstellation gebracht und das Kuddelmuddel an konfligierenden Interessen und Motivationen einigermaßen nachvollziehbar gemacht hat, danach ergeht sich der Film im nächtlichen Schleichen durch die nebelverhangenen Abteiruinen und einem Auf und Ab potenzieller Verdächtiger und definitiv Toter. Was in anderen Filmen der Reihe recht geschickt miteinander verbunden und organisch entwickelt wird, das steht hier sehr statisch nebeneinander. DER SCHWARZE ABT wirkt beinahe theaterhaft und kommt deutlich altbackener daher als das, was Reinl, Vohrer und ihre Kollegen zuvor abgeliefert hatten. Der etwas angestaubte Begriff des „Gruselkrimis“, den die Wallace-Filme prägten, selbst wenn sie mit ihren unheimlichen Zutaten sehr sparsam umgingen, passt auf Gottliebs Film wie die Faust aufs Auge: Er wirkt wie für besonders schlichte Gemüter kompiliert: Da steht der schwarze Abt als sprichwörtlicher Butzemann grimmig im Wald herum und erschreckt die in Heerscharen herumstolpernden Schatzsucher, werden die in eine verfallene Gruft Herabsteigenden als erstes von an sichtbaren Fäden hängenden Plüschfledermäusen erschreckt. Die falschen Fährten, auf denen der Zuschauer üblicherweise mal hierhin, mal dorthin geführt wird, sie verknoten sich hier nach kürzester Zeit zu einem unentwirrbaren Kuddelmuddel, das Detective Puddle aber völlig mühelos und ohne jede echte Ermittlungsarbeit  entwirrt. Einmal betritt er nach einem kurzen Abstecher nach London die Szenerie, um triumphierend zu bekennen, er wisse nun wer der Mörder sei; ein Geständnis, das das sonst erkennbare Bestreben der Drehbuchautoren, alles möglichst undurchsichtig zu gestalten, ad absurdum führt.

Doch so bräsig und naiv der Film auch sein mag, man kann ihm ein gewisses Etwas nicht absprechen. Lustigerweise verkörpert DER SCHWARZE ABT das, was man wahrscheinlich vor Augen hat, wenn man an Edgar-Wallace-Filme denkt, fast schon idealtypisch: Er hat einen feschen Helden (Fuchsberger), eine hilflose Maid (Boettcher), etliche Verdächtige (Peters, Kinski, Wüstenhagen, Scholz, Schoenfelder), den irr in die Gegend glotzenden Butler (Kinski), einen feixenden Eddi Arent, Scotland Yard, britische Lords, Ladies und Schlösser, dunkler Geheimnisse, zahlreiche Morde, lustige Kameraperspektiven und viel Nebel, Nebel, Nebel. Vielleicht muss man DER SCHWARZE ABT so begreifen: als das Urmeter der erfolgreichen Filmserie, die Wallace-Essenz, aus der man dann unendlich viele komplexere und dann auch bessere Mischungen herstellen kann.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (12. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (7.), Klaus Kinski (7.), Harry Wüstenhagen (3.), Werner Peters, Dieter Borsche (2.), Grit Boettcher, Friedrich Schoenfelder, Kurt Pieritz (1.). Regie: Franz Josef Gottlieb (1.), Drehbuch: Johannes Kai (3.), Franz Josef Gottlieb (1.), Musik: Martin Böttcher (3.), Kamera: Rudolf Angst (3.), Richard Sandtner (1.), Schnitt: Hermann Haller (2.), Produktion: Horst Wendlandt (10.), Preben Philipsen (7.), Erwin Gitt (1.). 
Schauplatz: Das Schloss von Lord Chelford sowie die zugehörige Abtei. Gedreht wurde in Berlin und auf Schloss Herdringen im Sauerland.
Titel: Bezieht sich auf das Mysterium des Films, einen herumspukenden „Geist“, beinhaltet zum fünften Mal ein Farbwort.
Protagonisten: Der Hasuverwalter von Lord Chelford, Dick Alford, der Lord selbst sowie Detective Puddler.
Schurke: Die Person, die sich als schwarzer Abt verkleidet.
Gewalt: Eine Erstechung, diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Der Film wird mit einer Stimme eröffnet, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!

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