das indische tuch (alfred vohrer, deutschland 1963)

Veröffentlicht: Dezember 24, 2013 in Film
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Als der alte Lord Lebanon auf seinem Schloss „Marks Priory“ erdrosselt wird, werden seine Verwandten (darunter Elisabeth Flickenschildt, Hans Clarin, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg, Corny Collins, Hans Nielsen und Gisela Uhlen) vom Anwalt Frank Tanner (Heinz Drache) zur Testamentsverlesung eingeladen. Der Verstorbene verfügt, dass sein Vermögen auf die Familienmitglieder verteilt wird, allerdings erst nach Ablauf von sechs Tagen und Nächten, die die Kandidaten im Schloss zu verbringen haben. Zeit genug für den unbekannten Killer, die potenziellen Erben zu dezimieren. Und tatsächlich gibt es schon in der ersten Nacht den ersten Toten zu verzeichnen. Die Abreise ist ausgeschlossen, denn ein Sturm hat das Schloss vom Rest der Welt abgeschnitten …

Alfred Vohrers DAS INDISCHE TUCH weicht ein Stück vom bisher etablierten Schema der Wallace-Filme ab und begibt sich auf das Terrain der Murder Mystery, das nicht zuletzt von Agatha Christie so fleißig beackert worden war, an deren Roman „Ten Little Indians“ diese Geschichte massiv erinnert: In beiden wird eine Schar dubioser Gestalten in einem Haus festgehalten und dann nach und nach von einem Unbekannten dezimiert. Es drängt sich aber noch eine weitere Referenz zwingend auf: Ein Jahr zuvor hatte die sechsteilige Fernsehserie DAS HALSTUCH nach dem britischen Krimiautoren Francis Durbridge in Deutschland für die Rekordeinschaltquote von 89 Prozent gesorgt. Die buchstäblich leergefegten Straßen während der Ausstrahlung bescherten der deutschen Sprache den Begriff „Straßenfeger“, der heute allenfalls als Erinnerung an längst vergangene Fernsehzeiten fungiert. Neben der Mordwaffe teilt Vohrers DAS INDISCHE TUCH außerdem den Hauptdarsteller mit dem Sensationserfolg: Heinz Drache übernimmt auch in dem Edgar-Wallace-Film die Aufgabe, den Mörder zu enttarnen. Wenn man ehrlich ist, erledigt er diese Aufgabe ausgesprochen schlecht: Die Murder Mystery löst sich mehr oder weniger von selbst, weil irgendwann alle tot sind und der Mörder sich selbst offenbaren muss. Das Mitraten, zu dem der Film einlädt, ist dann nicht mehr als ein ebensolches: Es macht keinen Sinn, nach irgendwelchen Motivationen und Motiven zu forschen, oder gar Indizien gegeneinander abzuwägen. Die Opfer fallen wie die Fliegen, sodass man kaum hinterher kommt und der Täter ist dann garantiert der, mit dem man am wenigsten gerechnet hat – zumindest annähernd. Aber eigentlich macht das gar nix: DAS INDISCHE TUCH bietet bestes Entertainment voller kauziger Gestalten und abstruser Einfälle, die nur dazu da sind, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu locken.

Kinski gibt zum ersten Mal einen jener Psychopathen, die bald seine Filmografie beherrschen sollten: Als Peter Ross, unehelicher Sohn des Lords, ständigen Demütigungen und Anfeindungen ausgesetzt, lässt er mehr als einmal seine Oberlippe zucken, darf er als vermeintlich Drogensüchtiger mit glasigen Augen ins Nichts starren oder auch mal divenhaft aus dem Raum stürzen. Eine Schau. Hans Nielsen, sonst abonniert auf die gemütlichen Onkeltypen (und deswegen in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN als Schurke nicht ganz überzeugend), gibt den großkotzigen angeheirateten amerikanischen Aktienspekulanten Mr. Tilling (ohne Schnurrbart), der seinen britischen Verwandten deutlich zu verstehen gibt, was er von ihnen hält: Nichts. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht und so verhält er sich wie die Axt im Walde. Seine Gattin Mrs. Tillin (Gisela Uhlen) ist von ihm so angenervt, dass sie ihm sein Alibi zunichte und ihn zum ersten Hauptverdächtigen macht. Ihr auf diesen Vertrauensbruch folgender Streit hat so episches Potenzial, dass man sich fast einen Film über die beiden allein wünscht. Nicht weniger zauberhaft ist Hans Clarin als verweichlichter Lord Edward, musisch begabter Sohn des toten Lords, der für seine erstes Klavierkonzert übt, von den lieblichen Klängen selbst ganz entrückt ist und ständig von der überprotektiven Mama umgarnt wird. Siegfried Schürenberg muss als Sir Henry Hockbridge auf eine Amazonas-Expediton verzichten und hat als Trost eine Vogelspinne mitgebracht, die gleich mehrfach zum Einsatz kommt. Elisabeth Flickenschildt ist in ihrem dritten Auftritt innerhalb der Reihe ganz Grand Dame, undurchschaubar und eiskalt. Ebenfalls zum dritten Mal dabei ist der hünenhafte Ady Berber, wieder einmal in einer Rolle als zurückgebliebener Schwachkopf, dessen Antlitz vom Bildhauer Peter Ross als Büste modelliert wird und dem Film so auch dann noch erhalten bleibt, als sein Charakter Chiko längst tot ist. Daneben können Heinz Drache, Eddi Arent und Corny Collins, die etwas gesichtslos bleibende Schöne des Films, nur verblassen.

Aber das zeigt ja nur, wie wenig Vohrer an seinem eigentlichen Plot interessiert ist: Hier geht es darum, dem Zuschauer möglichst viel Unterhaltung zu bieten, und dieses Vorhaben gelingt meisterlich. Das Sahnehäubchen ist die völlig idotische Schlusspointe, bis zu diesem Zeitpunkt der größte selbstreflexive Moment der gesamten Reihe und so kackdreist, dass es schon wieder toll ist: Heinz Drache verliest zum Schluss vor den verbliebenen zwei Anwesenden das Testament, in dem der verstorbene Lord sein gesamtes Vermögen niemand Geringerem als Edgar Wallace vermacht. Die Köpfe hinter der Reihe konnten sich zu diesem Zeitpunkt der Reihe wohl (noch) fast alles erlauben und machten von dieser Narrenfreiheit reichlich Gebrauch. Man darf diese Verweigerung einer richtigen Auflösung schon recht unverschämt finden, zumal sie mit äußerstem Selbstbewusstsein und der Gewissheit vorgetragen wird, in den 80 vorangegangenen Minuten ganz große Unterhaltung abgeliefert zu haben. Bescheidenheit geht anders, trotzdem wirkt die Geste aus heutiger Sicht so herrlich naiv und unschuldig, aber auch auf so eine zirkusdirektorenhafte Art und Weise unterwürfig und höflich. Hir wird man hier als Zuschauer mit Unterhaltungsanspruch noch wahrgenommen und entsprechend adressiert. Und plötzlich macht auch die Anwesenheit Draches, ein Star zwar, aber so nahbar, unverstellt und vertrauenserweckend wie der Apotheker nebenan, wieder Sinn.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (13. Wallace-Film), Klaus Kinski (8.), Siegfried Schürenberg (4.), Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Ady Berber (3.), Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Richard Häussler, Alexander Engel, Eva Ebner (2.), Hans Clarin, Rainer Brandt, Eberhard Junkersdorf, Wilhelm Vorwerg (1.). Regie: Alfred Vohrer (5.), Drehbuch: Harald G. Petersson (4.), Georg Hurdalek, Musik: Peter Thomas (6.), Kamera: Karl Löb (6.), Schnitt: Hermann Haller (3.), Produktion: Horst Wendlandt (11.), Preben Philipsen (8.). 
Schauplatz: Gedreht wurde ausschließlich im Studio in Berlin-Spandau.
Titel: Bezieht sich auf das Mordwerkzeug.
Protagonisten: Anwalt Frank Tanner, der die Ermittlungen im Schloss übernimmt.
Schurke: Der Film bietet mehrere Unsympathen auf. Die Mörder sind der zurückgebliebene Chiko, der Sohn des toten Lords und als Drahtzieherin seine Mutter.
Gewalt: Mehrere Strangulationen, ein Selbstmord durch Erhängen, ein Fenstersturz.
Selbstreflexion: Der Film beginnt mit dem Voice-over „Hello, hier spricht Edgar Wallace!“, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt (er leiht mehrere Figuren seine Stimme), ein Charakter hört auf den Namen „Inspektor Fuchsberger“, am Ende, wenn das Testament verlesen wird, verkündet Heinz Drache als Tanner, dass das gesamte Vermögen an „den größten Mann des Jahrhunderts“ geht. Er wendet sich direkt ans Publikum und sagt dann: „Edgar Wallace!“
Kommentare
  1. Schlombie sagt:

    Ein toller Wallace. Ich finde es im übrigen gut dass der Charakter Draches so schlecht ermittelt, ist er doch Amateur und scheitert bereits an simpelsten Elementeneiner Ermittlung weil er diese Tätigkeit (oder einfach sich selbst) überschätzt. Durch die Extreme seiner Fehler denke ich schon dass dies vom Drehbuch her Absicht ist, zumal ein guter Polizist bei so vielen Leichen auf so engem Raum sicher recht schnell zur Lösung gekommen wäre.

    • Oliver sagt:

      Ich glaube nicht daran, dass die „schlechte“ Ermittlungsarbeit wirklich etwas mit der Charakterzeichnung und dem Bedürfnis zu tun ha, Tanner „authentisch“ zu machen. Schließlich unterscheiden sich seine Methoden gar nicht wesentlich von denen seiner Polizeikollegen in anderen Wallace-Filmen, die ja auch eher nicht als realistische Police Procedurals durchgehen. Der Polizist bzw. neutraler der Ermittler ist einfach eine logische Besetzung für den Protagonisten dieser Filme, auch wenn sich die Täter mehr oder weniger selbst enttarnen. Auch der Plot von DAS INDISCHE TUCH ist ja mehr oder weniger idiotisch: Dem Mörder muss ja klar sein, dass er sich spätestens in dem Moment enttarnt, wenn er als letzter Überlebender die Erbschaft entgegennimmt. Wenn der Täter also schon nicht „logisch“ vorgeht, dann darf es auch der Ermittler nicht. Ob der nun ein Profi ist oder nicht, spielt da eigentlich keine Rolle.

  2. Da sind wir nun bei meinem Lieblings-Wallace, den Du angemessen gewürdigt hat!

    Was die Logik der Mordserie betrifft: Der irre Blick des Täters am Schluss zeigt ja deutlich, dass er nicht ganz bei Trost ist und sich deshalb kaum durch rationale Überlegungen vom Morden abhalten lässt. Es dürfte ihm auch mehr um den ideellen als den materiellen Aspekt der Erbschaft gegangen sein (wenn mich die Erinnerung nicht täuscht – ich hab den Film schon länger nicht mehr gesehen).

    Aber es ist sowieso egal, die Substanz des Films besteht wiklich aus den abstrus-witzigen Zutaten, vom Loch im Gemälde bis zur Schlusspointe.

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