Archiv für Dezember, 2013

Als der alte Lord Lebanon auf seinem Schloss „Marks Priory“ erdrosselt wird, werden seine Verwandten (darunter Elisabeth Flickenschildt, Hans Clarin, Klaus Kinski, Siegfried Schürenberg, Corny Collins, Hans Nielsen und Gisela Uhlen) vom Anwalt Frank Tanner (Heinz Drache) zur Testamentsverlesung eingeladen. Der Verstorbene verfügt, dass sein Vermögen auf die Familienmitglieder verteilt wird, allerdings erst nach Ablauf von sechs Tagen und Nächten, die die Kandidaten im Schloss zu verbringen haben. Zeit genug für den unbekannten Killer, die potenziellen Erben zu dezimieren. Und tatsächlich gibt es schon in der ersten Nacht den ersten Toten zu verzeichnen. Die Abreise ist ausgeschlossen, denn ein Sturm hat das Schloss vom Rest der Welt abgeschnitten …

Alfred Vohrers DAS INDISCHE TUCH weicht ein Stück vom bisher etablierten Schema der Wallace-Filme ab und begibt sich auf das Terrain der Murder Mystery, das nicht zuletzt von Agatha Christie so fleißig beackert worden war, an deren Roman „Ten Little Indians“ diese Geschichte massiv erinnert: In beiden wird eine Schar dubioser Gestalten in einem Haus festgehalten und dann nach und nach von einem Unbekannten dezimiert. Es drängt sich aber noch eine weitere Referenz zwingend auf: Ein Jahr zuvor hatte die sechsteilige Fernsehserie DAS HALSTUCH nach dem britischen Krimiautoren Francis Durbridge in Deutschland für die Rekordeinschaltquote von 89 Prozent gesorgt. Die buchstäblich leergefegten Straßen während der Ausstrahlung bescherten der deutschen Sprache den Begriff „Straßenfeger“, der heute allenfalls als Erinnerung an längst vergangene Fernsehzeiten fungiert. Neben der Mordwaffe teilt Vohrers DAS INDISCHE TUCH außerdem den Hauptdarsteller mit dem Sensationserfolg: Heinz Drache übernimmt auch in dem Edgar-Wallace-Film die Aufgabe, den Mörder zu enttarnen. Wenn man ehrlich ist, erledigt er diese Aufgabe ausgesprochen schlecht: Die Murder Mystery löst sich mehr oder weniger von selbst, weil irgendwann alle tot sind und der Mörder sich selbst offenbaren muss. Das Mitraten, zu dem der Film einlädt, ist dann nicht mehr als ein ebensolches: Es macht keinen Sinn, nach irgendwelchen Motivationen und Motiven zu forschen, oder gar Indizien gegeneinander abzuwägen. Die Opfer fallen wie die Fliegen, sodass man kaum hinterher kommt und der Täter ist dann garantiert der, mit dem man am wenigsten gerechnet hat – zumindest annähernd. Aber eigentlich macht das gar nix: DAS INDISCHE TUCH bietet bestes Entertainment voller kauziger Gestalten und abstruser Einfälle, die nur dazu da sind, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu locken.

Kinski gibt zum ersten Mal einen jener Psychopathen, die bald seine Filmografie beherrschen sollten: Als Peter Ross, unehelicher Sohn des Lords, ständigen Demütigungen und Anfeindungen ausgesetzt, lässt er mehr als einmal seine Oberlippe zucken, darf er als vermeintlich Drogensüchtiger mit glasigen Augen ins Nichts starren oder auch mal divenhaft aus dem Raum stürzen. Eine Schau. Hans Nielsen, sonst abonniert auf die gemütlichen Onkeltypen (und deswegen in DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN als Schurke nicht ganz überzeugend), gibt den großkotzigen angeheirateten amerikanischen Aktienspekulanten Mr. Tilling (ohne Schnurrbart), der seinen britischen Verwandten deutlich zu verstehen gibt, was er von ihnen hält: Nichts. Sentimentalitäten sind seine Sache nicht und so verhält er sich wie die Axt im Walde. Seine Gattin Mrs. Tillin (Gisela Uhlen) ist von ihm so angenervt, dass sie ihm sein Alibi zunichte und ihn zum ersten Hauptverdächtigen macht. Ihr auf diesen Vertrauensbruch folgender Streit hat so episches Potenzial, dass man sich fast einen Film über die beiden allein wünscht. Nicht weniger zauberhaft ist Hans Clarin als verweichlichter Lord Edward, musisch begabter Sohn des toten Lords, der für seine erstes Klavierkonzert übt, von den lieblichen Klängen selbst ganz entrückt ist und ständig von der überprotektiven Mama umgarnt wird. Siegfried Schürenberg muss als Sir Henry Hockbridge auf eine Amazonas-Expediton verzichten und hat als Trost eine Vogelspinne mitgebracht, die gleich mehrfach zum Einsatz kommt. Elisabeth Flickenschildt ist in ihrem dritten Auftritt innerhalb der Reihe ganz Grand Dame, undurchschaubar und eiskalt. Ebenfalls zum dritten Mal dabei ist der hünenhafte Ady Berber, wieder einmal in einer Rolle als zurückgebliebener Schwachkopf, dessen Antlitz vom Bildhauer Peter Ross als Büste modelliert wird und dem Film so auch dann noch erhalten bleibt, als sein Charakter Chiko längst tot ist. Daneben können Heinz Drache, Eddi Arent und Corny Collins, die etwas gesichtslos bleibende Schöne des Films, nur verblassen.

Aber das zeigt ja nur, wie wenig Vohrer an seinem eigentlichen Plot interessiert ist: Hier geht es darum, dem Zuschauer möglichst viel Unterhaltung zu bieten, und dieses Vorhaben gelingt meisterlich. Das Sahnehäubchen ist die völlig idotische Schlusspointe, bis zu diesem Zeitpunkt der größte selbstreflexive Moment der gesamten Reihe und so kackdreist, dass es schon wieder toll ist: Heinz Drache verliest zum Schluss vor den verbliebenen zwei Anwesenden das Testament, in dem der verstorbene Lord sein gesamtes Vermögen niemand Geringerem als Edgar Wallace vermacht. Die Köpfe hinter der Reihe konnten sich zu diesem Zeitpunkt der Reihe wohl (noch) fast alles erlauben und machten von dieser Narrenfreiheit reichlich Gebrauch. Man darf diese Verweigerung einer richtigen Auflösung schon recht unverschämt finden, zumal sie mit äußerstem Selbstbewusstsein und der Gewissheit vorgetragen wird, in den 80 vorangegangenen Minuten ganz große Unterhaltung abgeliefert zu haben. Bescheidenheit geht anders, trotzdem wirkt die Geste aus heutiger Sicht so herrlich naiv und unschuldig, aber auch auf so eine zirkusdirektorenhafte Art und Weise unterwürfig und höflich. Hir wird man hier als Zuschauer mit Unterhaltungsanspruch noch wahrgenommen und entsprechend adressiert. Und plötzlich macht auch die Anwesenheit Draches, ein Star zwar, aber so nahbar, unverstellt und vertrauenserweckend wie der Apotheker nebenan, wieder Sinn.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (13. Wallace-Film), Klaus Kinski (8.), Siegfried Schürenberg (4.), Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Ady Berber (3.), Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Richard Häussler, Alexander Engel, Eva Ebner (2.), Hans Clarin, Rainer Brandt, Eberhard Junkersdorf, Wilhelm Vorwerg (1.). Regie: Alfred Vohrer (5.), Drehbuch: Harald G. Petersson (4.), Georg Hurdalek, Musik: Peter Thomas (6.), Kamera: Karl Löb (6.), Schnitt: Hermann Haller (3.), Produktion: Horst Wendlandt (11.), Preben Philipsen (8.). 
Schauplatz: Gedreht wurde ausschließlich im Studio in Berlin-Spandau.
Titel: Bezieht sich auf das Mordwerkzeug.
Protagonisten: Anwalt Frank Tanner, der die Ermittlungen im Schloss übernimmt.
Schurke: Der Film bietet mehrere Unsympathen auf. Die Mörder sind der zurückgebliebene Chiko, der Sohn des toten Lords und als Drahtzieherin seine Mutter.
Gewalt: Mehrere Strangulationen, ein Selbstmord durch Erhängen, ein Fenstersturz.
Selbstreflexion: Der Film beginnt mit dem Voice-over „Hello, hier spricht Edgar Wallace!“, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt (er leiht mehrere Figuren seine Stimme), ein Charakter hört auf den Namen „Inspektor Fuchsberger“, am Ende, wenn das Testament verlesen wird, verkündet Heinz Drache als Tanner, dass das gesamte Vermögen an „den größten Mann des Jahrhunderts“ geht. Er wendet sich direkt ans Publikum und sagt dann: „Edgar Wallace!“

DER SCHWARZE ABT also. Ich vermute, dass dieser Film zu jenen gehört, die ich als Pimpf im Fernsehen gesehen habe, gebannt die Bilder der verfallenen Abtei im nächtlichen Nebel aufsaugend, jeden Auftritt des mysteriösen schwarzen Abtes antizipierend, der mit seiner schwarzen Ku-Klux-Klan-Kutte ordentlich was hermachte. Wirklich erinnern kann ich mich daran aber nicht mehr, da ist eher so ein diffuses Gefühl der Vetrautheit, das aber auch einfach daher rühren könnte, dass dieser erste Wallace von Franz Josef Gottlieb reinstes Formelkino ist. Nicht, dass die anderen Filme der Reihe Musterbeispiele für Unkonventionalität und künstlerischen Ausdruck wären: Sie bieten alle in erster Linie publikumswirksamen Kintopp mit einer Reihe einmal erprobter und dann jedesmal neu aufgegossener und nur leicht verfeinerter Zutaten, die dann zusammen eine wenn schon nicht besonders nahrhafte, so doch meist schmackhafte Mahlzeit ergaben. In DER SCHWARZE ABT haut das nicht so richtig hin, wirkt das Endergebnis wie mit Heißhunger am Büffet zusammengestellt, eine Mischung für sich genommen leckerer Einzelteile, die aber nicht wirklich miteinander harmonieren, zumindest sich nicht zu einem großen Neuen verbinden.

Auf Schloss Chelford lebt der von einer Nervenkrankheit geplagte Lord Harry Chelford (Dieter Borsche), der fest an die Existenz eines Familienschatzes glaubt, der irgendwo auf seinem gewaltigen Anwesen liegt. Die Suche nach dem Schatz wird durch den schwarzen Abt erschwert, einen Geist, der dort sein Unwesen treibt und auch schon einmal Leichen hinterlässt. Um Chelford schart sich eine Gruppe von zwielichtigen Gestalten, die es alle auf das Geld – und den Schatz – abgesehen haben: Sein Anwalt Chine (Harry Wüstenhagen) ist völlig pleite, hat Chelfords Geld bei Pferdewetten veruntreut und plant nun, seine Schwester Leslie (Grit Boettcher) mit ihm zu verheiraten, die sich aber zu Richard (Joachim Fuchsberger) hingezogen fühlt, Chelfords Cousin und Vermögensverwalter. An Leslie hat aber auch der Buchmacher Gilder (Werner Peters) Interesse, der Chine damit erpresst, seine Veruntreuungen öffentlich zu machen und außerdem mit Mary Wenner (Eva Ingeborg Scholz) zusammenarbeitet, Chelfords ehemaliger Sekretärin, die zu wissen glaubt, wo der Schatz liegt. Als die Polizei in Vertretung von Detective Puddle (Charles Regnier) und seinem Assistenten Smith (Eddi Arent) eintrifft, um einen Mordfall aufzuklären, kommt Bewegung in das Intrigenstadl …

Franz Josef Gottlieb braucht ca. 20 bis 30 Minuten, bis er Licht in diese verschlungene Personenkonstellation gebracht und das Kuddelmuddel an konfligierenden Interessen und Motivationen einigermaßen nachvollziehbar gemacht hat, danach ergeht sich der Film im nächtlichen Schleichen durch die nebelverhangenen Abteiruinen und einem Auf und Ab potenzieller Verdächtiger und definitiv Toter. Was in anderen Filmen der Reihe recht geschickt miteinander verbunden und organisch entwickelt wird, das steht hier sehr statisch nebeneinander. DER SCHWARZE ABT wirkt beinahe theaterhaft und kommt deutlich altbackener daher als das, was Reinl, Vohrer und ihre Kollegen zuvor abgeliefert hatten. Der etwas angestaubte Begriff des „Gruselkrimis“, den die Wallace-Filme prägten, selbst wenn sie mit ihren unheimlichen Zutaten sehr sparsam umgingen, passt auf Gottliebs Film wie die Faust aufs Auge: Er wirkt wie für besonders schlichte Gemüter kompiliert: Da steht der schwarze Abt als sprichwörtlicher Butzemann grimmig im Wald herum und erschreckt die in Heerscharen herumstolpernden Schatzsucher, werden die in eine verfallene Gruft Herabsteigenden als erstes von an sichtbaren Fäden hängenden Plüschfledermäusen erschreckt. Die falschen Fährten, auf denen der Zuschauer üblicherweise mal hierhin, mal dorthin geführt wird, sie verknoten sich hier nach kürzester Zeit zu einem unentwirrbaren Kuddelmuddel, das Detective Puddle aber völlig mühelos und ohne jede echte Ermittlungsarbeit  entwirrt. Einmal betritt er nach einem kurzen Abstecher nach London die Szenerie, um triumphierend zu bekennen, er wisse nun wer der Mörder sei; ein Geständnis, das das sonst erkennbare Bestreben der Drehbuchautoren, alles möglichst undurchsichtig zu gestalten, ad absurdum führt.

Doch so bräsig und naiv der Film auch sein mag, man kann ihm ein gewisses Etwas nicht absprechen. Lustigerweise verkörpert DER SCHWARZE ABT das, was man wahrscheinlich vor Augen hat, wenn man an Edgar-Wallace-Filme denkt, fast schon idealtypisch: Er hat einen feschen Helden (Fuchsberger), eine hilflose Maid (Boettcher), etliche Verdächtige (Peters, Kinski, Wüstenhagen, Scholz, Schoenfelder), den irr in die Gegend glotzenden Butler (Kinski), einen feixenden Eddi Arent, Scotland Yard, britische Lords, Ladies und Schlösser, dunkler Geheimnisse, zahlreiche Morde, lustige Kameraperspektiven und viel Nebel, Nebel, Nebel. Vielleicht muss man DER SCHWARZE ABT so begreifen: als das Urmeter der erfolgreichen Filmserie, die Wallace-Essenz, aus der man dann unendlich viele komplexere und dann auch bessere Mischungen herstellen kann.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (12. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (7.), Klaus Kinski (7.), Harry Wüstenhagen (3.), Werner Peters, Dieter Borsche (2.), Grit Boettcher, Friedrich Schoenfelder, Kurt Pieritz (1.). Regie: Franz Josef Gottlieb (1.), Drehbuch: Johannes Kai (3.), Franz Josef Gottlieb (1.), Musik: Martin Böttcher (3.), Kamera: Rudolf Angst (3.), Richard Sandtner (1.), Schnitt: Hermann Haller (2.), Produktion: Horst Wendlandt (10.), Preben Philipsen (7.), Erwin Gitt (1.). 
Schauplatz: Das Schloss von Lord Chelford sowie die zugehörige Abtei. Gedreht wurde in Berlin und auf Schloss Herdringen im Sauerland.
Titel: Bezieht sich auf das Mysterium des Films, einen herumspukenden „Geist“, beinhaltet zum fünften Mal ein Farbwort.
Protagonisten: Der Hasuverwalter von Lord Chelford, Dick Alford, der Lord selbst sowie Detective Puddler.
Schurke: Die Person, die sich als schwarzer Abt verkleidet.
Gewalt: Eine Erstechung, diverse Erschießungen.
Selbstreflexion: Der Film wird mit einer Stimme eröffnet, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!

Die Londoner Unterwelt wird von einem unbekannten Verbrecher, den alle nur den „Zinker“ nennen, in Angst und Schrecken versetzt. Als ein Krimineller seine Identität aufgedeckt zu haben glaubt, wird er mit dem Gift einer Schwarzen Mamba ermordet. Die Ermittlungen führen Inspektor Elford (Heinz Drache) zu der Tierhandlung der reichen Witwe Mulford (Agnes Windeck) und ihrem Geschäftsführer Sutton (Günter Pfitzmann): Dort wurde vor kurzem eine solche Schlange entwendet …

Nachdem mich DAS GASTHAUS AN DER THEMSE zuvor etwas underwhelmt hatte, hat DER ZINKER meine Erwartungen übertroffen: Vohrer erzählt seine Gangstergeschichte mit viel Zug und der liebgewonnenen Überfülle an bizarren Ideen, handelnden Figuren, nebligen Nachtszenen, zwielichtigen Gestalten und Kurzausflügen in die Gefilde des Horrorfilms. Dennoch bleibt die Handlung nachvollziehbar, wird der Whodunit-Aspekt nicht, wie sonst so häufig in den Wallace-Filmen, lediglich vorgetäuscht. Na klar, manche Morde und Plotwindungen sind auch hier natürlich reines Mittel zum Zweck und nur zu gern wird die Logik auch mal komplett über Bord geworfen, wenn es der Spannung oder der Irreführung der Zuschauer dient, aber DER ZINKER ist dennoch weitestgehend stringent. Was diesen Film – und bislang eigentlich alle guten Filme der Reihe – in erster Linie auszeichnet, das sind natürlich nicht psychologisch fundierte Charakterzeichnungen, nachvollziehbare Motivationen oder eine authentische Darstellung von Polizei- und Ermittlungsarbeit, sondern packende Situationen, kreative Morde und finstere Verbrecher. Und hier zieht Vohrer wieder einmal alle Register. Das Gemäuer, in dem Tiger, Löwen, Lamas, Giftschlangen und anderes Getier gehalten werden, gibt ein wunderbar exotisches Setting ab, in dem sich Klaus Kinski als stummer Tierpfleger Krischna sichtlich wohl fühlt, und der berühmte Londoner (oder vielleicht auch Hamburger) Nebel, meist hübsch dekorativ im Gegenlicht eingefangen, spendet auch ganz weltlichen Vorgängen noch jenen außerweltlichen Touch, den die Wallace-Filme so gern bemühen. Kurze Subplots wie jener, in dem eine Gangsterbande versucht, den Zinker in eine Falle zu locken, um den Mord an einem der ihren zu rächen, sind die Extraportion Fleisch auf den Rippen eines rundum gelungenen Krimis. Und auch wenn dann mal nichts passiert, kann man sicher sein, dass Vohrer irgendwas Interessantes anzustellen weiß. Da kommt mal wieder jene schon in DIE TOTEN AUGEN VON LONDON bemühte Einstellung aus dem Mund einer Figur heraus zum Einsatz – die hier eine Karotte knabbert, was die Absurdität noch steigert, oder wird aus einem Waschbecken mit laufendem Wasserhahn herausgefilmt. Und der Einfall, die liebenswerte alte Dame Mulford zu Musik vom Plattenspieler vor „begeistertem“ Publikum dirigieren zu lassen, ist ebenfalls ausgesprochen reizend.

Auffallend ist ein insgesamt etwas ruppigerer Tonfall, der nur durch die Komikeinlagen Arents – diesmal als verhinderter Zeitungsreporter im Dienste Siegfried Schürenbergs unterwegs, der ausnahmsweise mal keinen Scotland-Yard-Vorgesetzten spielt – aufgelockert wird. Ein romantisches Element ist hingegen weitestgehend absent: Zwischen Elford und Beryl Stedman (Barbara Rütting), dem potenziellen Love Interest, entspinnt sich hier dankenswerterweise keine zarte Romanze, die junge Dame muss als Krimischriftstellerin erst als Verdächtige herhalten, darf sich dann am Ende als tragisches, vom Zinker genasführtes Opfer erweisen. So sehr man den Verzicht auf eine klischierte Liebesgeschichte begrüßt, so unentschlossen wirkt aber letztlich die Inklusion dieser Figur. Man merkt, dass man mit einer Frauenfigur nicht wirklich etwas anzufangen wusste, sofern man keinen romantischen Subplot um sie stricken konnte. Obwohl Barbara Rütting in DER ZINKER also eine ungewohnt starke Rolle zufällt – sie muss von keinem starken Mann aus höchster Not gerettet werden –, hinterlässt sie doch einen eher flüchtigen Eindruck und bekommt nicht wirklich etwas zu tun. Dafür bildet sie in Suttons Wohnung in Form eines überlebensgroßes Foto auf der Tischpaltte ein beeindruckendes chauvinistisches Centerpiece. Womit wir dann wieder bei den Männern sind: Wenn es schon an in den Armen eines starken Mannes dahinschmelzenden Frauen fehlt, so gibt es umso mehr zu allem entschlossene Kerle, die morden, betrügen, rumballern, stehlen und grimmige Gesichter machen. Das ist naturgemäß nicht mit „echten“ Gangster- oder Actionfilmen vergleichbar, innerhalb der Edgar-Wallace-Reihe zählt DER ZINKER aber durchaus zu den realistischeren und bodenständigeren Beiträgen und reiht sich nahtlos ein zwischen Filmen wie DER FROSCH MIT DER MASKE, DER ROTE KREIS, DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE oder eben DAS GASTHAUS AN DER THEMSE. Geradezu rührend mutet es deswegen an, wie die zeitgenössische Presse immer wieder den „Gruselaspekt“ der Wallace-Filme in den Vordergrund rückte: „Auf Gänsehaut kalkulierte Situationen werden durch gelegentliche Gags kompensiert“, schrieb der Filmdienst zum Start des Films 1963. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich die Furcht des Spießbürgers vor der Unfasslichkeit des Verbrechens: Was da in einem „Moloch“ wie London dem Vernehmen nach vorging, das konnte man sich auf seiner deutschen Wohnzimmercouch unter dem Bild vom röhrenden Hirsch wahrscheinlich nur unter Zuhilfenahme von ins Groteske überzeichneter Bilder vorstellen. Dabei waren keine 20 Jahre zuvor weitaus abscheulichere Dinge vor der eigenen Haustür passiert.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Klaus Kinski (6.), Jan Hendriks (4.), Siegfried Schürenberg (3.), Heinz Drache, Stanislav Ledinek, Albert Bessler (2.), Inge Langen, Barbara Rütting, Agnes Windeck, Heinz Spitzner, Eva Ebner, Heinrich Gies, Heinz Petruo, Bert Wilczewski, Michael Chevalier (1.). Regie: Alfred Vohrer (4.), Drehbuch: Harald G. Petersson (3.), Musik: Peter Thomas (5.), Kamera: Karl Löb (5.), Schnitt: Hermann Haller (1.), Produktion: Horst Wendlandt (9.), Preben Philipsen (6.), Jacques Willemetz. 
Schauplatz: London, Scotland Yard. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: „Der Zinker“ ist der Deckname eines gefürchteten Londoner Kriminellen mit unbekannter Identität.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Elford.
Schurke: Der Zinker.
Gewalt: Tod durch Giftpfeile (Schlangengift), eine Erstechung, eine Erschießung, Tod durch Tigerattacke.
Selbstreflexion: Der Film wird wieder mit dem Voice-over-Kommentar “Hier spricht Edgar Wallace!” eröffnet.

London wird von einem Killer unsicher gemacht: Da er als Taucher unterwegs ist und seine Opfer bevorzugt mit der Harpune erlegt, gibt man ihm den Spitznamen „Hai“. Die Ermittlungen führen Inspektor Wade (Joachim Fuchsberger) in die am Ufer der Themse gelegene Mekka-Bar, die von der Sängerin Nelly Oaks (Elisabeth Flickenschildt) geführt wird. Sowie sie, als auch ihre Pflegetochter Leila (Brigitte Grothum) und der mysteriöse Gewürzhändler Gubanow (Klaus Kinski) scheinen etwas zu wissen, verschweigen es aber. Während der Hai weitere Opfer fordert, findet Wade heraus, dass Leila möglicherweise die verschwundene Tochter einer vor Jahren bei einem Brand ums Leben gekommenen, reichen Familie ist und die um ihr Wohl so besorgte Nelly, die sie schnellstmöglich an den Schiffskapitän Brown (Heinz Engelmann) verheiraten will, vor allem nach ihrem Erbe trachtet …

Auf DAS GASTHAUS AN DER THEMSE habe ich mich von allen Wallace-Filmen mit am meisten gefreut. Nicht nur, weil er erneut von Alfred Vohrer inszeniert wurde, sondern vor allem, weil sein Titel, wie schon DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, sofort reiche, detaillierte und stimmungsvolle Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen lässt. Er verheißt genau das, was ich mit den Wallace-Filmen assoziiere: den kalten Londoner Nebel, das schwarze Wasser der Themse, das sich durch die Metropole wälzt, dunkle, unfreundliche Orte, an denen sich Halsabschneider und andere zwielichtige Gestalten tummeln, einen nahtlosen Übergang von weltlichen Verbrechen hin zum Unfasslichen, Unheimlichen. Der Beginn des Films hält dann auch, was der Titel verspricht: In einer dunklen, nebligen Nacht wird ein Whiskeyschmuggler in seinem Ruderboot vom „Hai“ mit der Harpune ermordet. Sein Todesschrei zerreißt die Stille und während sein Leichnam im Bötchen die Themse hinuntertreibt, rückt am Ufer im Hintergrund ein heruntergekommenes Gebäude in den Blick, dessen Leuchtschrift es als „Mekka“ ausweist. Sogleich befinden wir uns im Inneren: Die Grand Dame Nelly Oaks haucht mit dunkler, geheimnisvoller Stimme das Lied „Besonders in der Nacht“, während die Gäste – kräftige Matrosen aus aller Herren Länder, ledergesichtige Säufer und gut gelaunte, leicht bekleidete Damen – sich fast bis unter die Decke des urigen Schuppens stapeln. Das Szenario suggeriert eine aufregende Parallelwelt abseits der touristisch erschlossenen Pfade der britischen Hauptstadt, ein wildere, zügellosere, aber auch eine, die nicht direkt abweisend, sondern eher einladend wirkt. Der hereinplatzende Wade, der sogleich beginnt, alle mit Fragen zu löchern und dabei nicht gerade freundlich ist, mutet auch dem Zuschauer wie ein Störenfried an.

Leider versäumt Vohrer im weiteren Verlauf des Films die Chance, sein wunderbares Setting auszuarbeiten und zu vertiefen, die Grenze zwischen Krimi und pulpigem Groschenheft-Grusel lustvoll zu überschreiten und zu verwischen, wie er das in seinen beiden vorigen Filmen (neben dem bereits genannten DIE TOTEN AUGEN VON LONDON inszenierte er noch DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN) so meisterlich geschafft hatte. DAS GASTHAUS AN DER THEMSE bleibt ganz in der Sphäre des Realen verhaftet und zahlreiche Szenen bei Tageslicht zerstören auch das Bild der Mekka-Bar als  dunkles, von Leidenschaften und Lüsten bestimmtes Reich: Sie ist eben doch nur eine ganz normale Pinte mit ein paar kriminellen Bediensteten. Aber da ist noch etwas anderes, was mich an diesem Film etwas enttäuscht oder gestört hat. Im Gegensatz zu den anderen Wallace-Filmen, die ihre eigentlich recht banalen Kriminalfälle stets mit einer Vielzahl an Verdächtigen, potenziellen Tätern und Opfern sowie skurrilen Randfiguren vollstopften, bis man hoffnungslos den Überblick verloren hatte, ist DAS GASTHAUS AN DER THEMSE geradezu aufgeräumt. Das Gothisch-Ornamentale, das die Reihe sonst auszeichnete, geht ihm weitestgehend ab, stattdessen wirkt er in seinem Handlungsverlauf deutlich moderner und, ja, auch realistischer. Die Suche nach dem Killer, die Frage nach seiner Identität und sogar seine Erscheinung erinnern am ehesten noch an den ersten der Rialto-Wallace-Filme, DER FROSCH MIT DER MASKE, der seinerseits eine geradlinige Räuberpistole erzählte und sich viele der später unverzichtbaren Marotten noch verkniff. Der hatte mir sehr gut gefallen, sodass meine milde Enttäuschung über DAS GASTHAUS AN DER THEMSE vielleicht unberechtigt ist. Vohrer hatte die Messlatte mit seinen beiden vorigen Filmen eben recht hoch gelegt und so fehlte mir an seinem dritten Beitrag zur Reihe einfach das Besondere, das Ausgefallene, das expressiv-exzessive Element. Hier gibt es weder eine andächtig Beethovens Fünfter lauschende Blindenschar, einen grunzenden, hünenhaften Killerfettsack, unsagbare Verbrechen in dunkeln Gewölben und auch keinen Mad Scientist mit Menschenaffe im Kellerverlies und irrwitzigen Weltbeherrschungsplänen. Es geht eben nur um ein paar Kriminelle, die einem unschuldigen Mädchen die Erbschaft abjagen wollen. Nachdem DAS GASTHAUS AN DER THEMSE so verheißungsvoll begonnen hatte, fand ich diese Enthüllung dann eher ernüchternd. Zu einem auch nur annähernd schlechten Film ist Vohrer aber natürlich nicht in der Lage. Vielleicht bewerte ich den Film deshalb beim nächsten Mal schon ganz anders.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddie Arent (10. Wallace-Film), Joachim Fuchsberger (6.), Klaus Kinski (5.), Hans Paetsch, Friedrich G. Beckhaus und Jan Hendriks (3.), Brigitte Grothum, Elisabeth Flickenschildt, Hela Gruel, Siegfried Schürenberg, Rudolf Fenner, Manfred Greve, Gertrud Prey, Joachim Wolff und Frank Straass (2.). Regie: Alfred Vohrer (3.), Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (6.), Harald G. Petersson (2.) und Gerhard F. Hummel (2.), Musik: Martin Böttcher (2.), Kamera: Karl Löb (4.), Schnitt: Carl Otto Bartning (2.), Produktion: Horst Wendlandt (8.). 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Themseufer, die „Mekka-Bar“, die Londoner Kanalisation. Gedreht wurde in Hamburg.
Titel: Bezieht sich auf die Mekka-Bar, die im Zentrum der Ermittlungen steht. Zum dritten Mal taucht ein geografischer Bezug im Titel auf.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Wade und Damsel in Distress Leila Smith.
Schurke: Zuerst natürlich der „Hai“ sowie um ihn herum eine größere Gruppe zwielichtiger Gestalten, darunter die Kneipenbesitzerin Nelly Oaks sowie ihre Partner Roger Lane und der Kapitän Mr. Brown.
Gewalt: Morde durch Harpune, eine Unterwasser-Erdrosselung, Selbstmord durch Gift.
Selbstreflexion: Der Film eröffnet zum ersten Mal mit der Off-Stimme, die verkündet: „Hier spricht Edgar Wallace!“. Kinskis Rollenname ist mit dem Geburtsnamen des Produzenten Horst Wendlandt identisch.

Im Zuge meines entflammten Interesses am deutschen Film (vor allem der Zeit zwischen 1930 und 1980) ist es fast unumgänglich, dass ich mich auch den großen Krimiserien widme, die ab den 1960er-Jahren produziert wurden. Viele Regisseure, die sich zuvor mit Kinofilmen einen Namen gemacht hatten, fanden nach der Einführung des Fernsehens dort ein neues Auskommen. Und die berühmteste all dieser Fernsehserien ist DERRICK, mit insgesamt 281 Episoden in 24 Jahren wahrscheinlich die weltweit erfolgreichste und langlebigste Serie überhaupt. Natürlich habe ich als Kind auch die ein oder andere Folge gesehen: Das Fernsehprogramm bestand aus drei Sendern mit übersichtlichem Angebot und DERRICK gehörte zu den Heiligtümern deutscher Abendunterhaltung. Richtig gemocht habe ich sie damals nicht: Wenn ich mal davon absehe, dass ich mit Krimis eh nicht so viel anfangen konnte, fand ich den Polizisten Stephan Derrick immer eher unangenehm mit seiner dunkelbraun getönten Sonnebrille, den aufgequollenen Tränensäcken, der kehligen Stimme und den stets braun-grauen Anzügen und Mänteln. Ich konnte das damals natürlich noch nicht so benennen, aber DERRICKS titelgebender Protagonist – und mit ihm die Serie – verkörperte die deutsche Spießigkeit in Reinkultur. Die Episoden rochen immer irgendwie nach kaltem Zigarrettenrauch, nach abgestandenem Bier, nach Staub, den Linoleumböden in deutschen Amtsstuben und nach Bohnerwachs und waren damit entschieden unsexy. Als dieses Jahr die Nazivergangenheit Tapperts ans Licht kam, da schloss sich im Grunde genommen der Kreis: Denn auch wenn Stephan Derrick als Kriminalbeamter das Gesetzt vertrat, so haftete ihm immer etwas entschieden Furchteinflößendes an. In einer der ersten vier Episoden sagt er zu seinem Partner einmal, dass es ihm unangenehm sei, das Gesetz zu vertreten, weil ihm das zu abstrakt erschiene. Und tatsächlich wirkt dieser Derrick meist nicht wie ein Mensch, ein Individuum mit Privatleben, Familie und Vergangenheit, sondern wie eine entindividualisierte Staatskraft, eine Art Robocop ohne Metallteile. Dieser Derrick begibt sich abends nicht nach Hause, er wird in seinem Büro von Technikern runtergefahren und für den Einsatz am nächsten Tag gewartet und neu aufgeladen. Was interessant ist an dieser Assoziation und an der Spießer-Unterstellung: In den ersten vier Episoden räumt dieser Derrick gerade mit jenem deutschen Spießertum auf, das er doch selbst zu vertreten scheint. Er bekommt es eben nicht mit den Außenseitern und Extremfällen der Gesellschaft zu tun, sondern gewissermaßen mit der frappierenden Banalität des Bösen, dem Biedermann mit der Leiche im Keller. Auch wenn DERRICK zu Beginn/Mitte der Siebziger seine Premiere erlebte: Man kann kaum anders, als zumindest die ersten Folgen als Kommentar zu einer immer noch nicht verarbeiteten deutschen Vergangenheit begreifen.

 

 

Episode 001: Waldweg (Dietrich Haugk, Deutschland 1974)

Oberinspektor Derrick (Horst Tappert) und sein Assistent Harry Klein (Fritz Wepper) werden an ein Mädcheninternat im Münchener Umland beordert. Dort sind binnen kürzester Zeit zwei Mädchen auf ihrem abendlichen Weg vom Bahnhof zur Schule von einem unbekannten Täter ermordet worden. Der erste Verdacht fällt auf den jungen Lehrer Dackmann (Herbert Bötticher), der einen sehr lockeren, vielleicht zu lockeren Umgang mit den Schülerinnen pflegt. Doch noch verdächtiger erscheint Derrick der zurückhaltende Herr Manger (Wolfgang Kieling), der mit seiner alten Mutter zusammenlebt. Weil Derrick jedoch keine echten Beweise für seinen Verdacht hat, setzt er einen Köder aus …

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Episode 002: Johanna ( Leopold Lindberg, Deutschland 1974)

Alfred Balke (Helmut Lohner) ermordet seine wohlhabende, rund 20 Jahre ältere Gattin Martha (Lilli Palmer), um mit der Erbschaft und seiner jüngeren Geliebten durchzubrennen. Obwohl Balke als einziger Verdächtiger zunehmend nervöser und erratischer wird, kann ihm Derrick nichts nachweisen: Balke hat ein wasserdichtes Alibi. Weil Derrick jedoch ahnt, dass nur er als Täter infrage kommen kann, bringt er Johanna (Lilli Palmer), die Schwester der Verstorbenen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist, dazu, ihren Schwager zu konfrontieren …

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Episode 003: Stiftungsfest (Helmut Käutner, Deutschland 1974)


Ein Gesangsverein aus Augsburg feiert sein rauschendes Stiftungsfest in einem Münchener Wirtshaus. Alle sind ausgelassen, es wird kräftig getrunken und vor allem der Vereinsvorsitzende August Bark (Siegfried Lowitz) agiert wie entfesselt. Als er Irene (Andrea Rau), die Geliebte seines Sohnes, die schon auf der Tanzfläche äußerst offenherzig getanzt und damit seine Aufmerksamkeit erregt hatte, nackt in ihrem Zimmer trifft, kann er sich nicht mehr halten. Doch dann klopft sein Sohn Helmut (Bruno Dietrich) an die Tür, Bark gerät in Panik und die Situation außer Kontrolle: Irene stürzt unglücklich und bricht sich das Genick. Bark kann unerkannt entkommen, Helmut findet nur noch die Leiche seiner Freundin. Als wenig später Oberinspektor Derrick eintrifft, ist nur eines klar: Der Täter muss sich noch unter den Gästen des Hauses befinden …

Wertung: *****/*****

Episode 004: Mitternachtsbus (Theodor Grädler, Deutschland 1974)

Als Erich Holler (Hartmut Becker) von Helga (Christiane Schröder), einer Kellnerin im Gasthof seines Vaters Oskar (Werner Kreindl), erfährt, dass sie von ihm schwanger ist und das Kind nicht abtreiben will, da bringt er sie kurzerhand um. Der Vater ist nur darauf bedacht, seinen Sohn aus der Schusslinie zu bringen, und bietet dem ermittelnden Oberinspektor Derrick sofort den schwachsinnigen Bruno (Lambert Hamel) als Täter an. Der geistig Zurückgebliebene kann sich eh nicht wehren, ist ungemein kräftig und zudem weiß jeder, dass er an Helga einen Narren gefressen hatte und ihr nachzustellen pflegte. Doch Derrick ist das zu einfach, also erhöht er mithilfe der Kellnerin Frau Jahn (Bruni Löbel) den Druck auf den Vater …

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Die vier Episoden, mit denen Oberinspektor Derrick im Jahr 1974 seine lange Karriere als Fernsehkriminalist begann, sind erstaunlich homogen. Das betrifft längst nicht nur die Handlungsstruktur, die später modifiziert wurde – jede Episode beginnt mit dem Verbrechen, der Täter ist dem Zuschauer stets bekannt, Derrick tritt nach ca. einem Drittel der einstündigen Laufzeit auf und muss dann den Fall lösen –, sondern auch den Inhalt: In allen vier Fällen ist der Täter kein abgezockter Killer, sondern ein „heißgelaufener“ Biedermann, der zunehmend in Panik gerät. In allen vier Fällen ahnt Derrick, wer der Täter ist, bevor er einen stichhaltigen Beweis in der Hand hält. In allen vier Fällen drängt er den Täter durch rhetorische Kniffe und Psychospielchen in die Enge und lässt ihn sich selbst verraten. Und in drei der vier Fälle sind es dem Täter nahestehende Personen, die ihn schützen und sein Lügengebilde aufrechterhalten. Der mahnende Charakter, die Crime-does-not-pay-Strategie, die Kriminalfilme fast immer zumindest unterschwellig bedienen, wird in DERRICK durch diese Ausrichtung besonders hervorgehoben. Die Identifikation des Zuschauers findet weniger über die Figur des Ermittlers Derrick statt, als über die Täter, die allesamt der Mitte der Bevölkerung entspringen, von ihren Taten genauso schockiert zu sein scheinen wie der Zuschauer und gegen das kriminalistische Genie Derricks von Beginn an auf verlorenem Posten stehen. DERRICK suggeriert die Ohnmacht des Einzelnen vor der Staatsmacht, verdeutlicht, dass es keinen Zweck hat, sich zu verstellen: Wenn wir schon keine Indizien hinterlassen haben, die uns verraten, so tut dies garantiert unser schlechtes Gewissen, das Profis wie Derrick auf Meilen gegen den Wind riechen. Dass es in erster Linie Derricks untrügliche Menschenkenntnis ist, die ihn auf die Siegesstraße bringt, unterstreicht noch den beinahe alttestamentarischen Unterton der Serie: Derrick steigt wie ein allwissender Engel zu uns herab, um das Tohuwabohu, das die Menschen in ihrer Fehlbarkeit angerichtet haben, wieder geradezubiegen. Fast hat man am Ende jeder Episode den Eindruck, die Täter seien ihm dankbar dafür, dass er ihnen mit dem Geständnis wie ein Beichtvater auch die erdrückende Last der Schuld abgenommen hat. Und wenn man sich anschaut, wer diese Täter sind, wie sie leben, was sie umgibt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Deutschland selbst ist, das sie die Grenze überschreiten lässt. Man schaue sich nur an, zu welch düsterem Ort Theodor Grädler einen ganz normalen deutschen Gasthof verzerrt. Hier kann gar nichts anderes gedeihen als die Schuld. Aber dass es ausgerechnet ein Ex-Nazi ist, der sich dieser deutschen Kollektivschuld stellt, das ist schon bemerkenswert und verleiht der sowieso schon reichlich tristen Serie rückblickend noch eine Extradosis Abgründigkeit.

Am Londoner Bahnhof bricht ein Mann zusammen und stirbt, nachdem ihm der herbeieilende Arzt Dr. Staletti (Pinkas Braun) eine wirkungslose Spritze verpasst hat. Bei sich trägt der Tote einen Schlüssel an einer Kette. Wenig später fällt Scotland Yard ein weiterer, identischer Schlüssel in die Hände: Ebenfalls zusammen mit einer Leiche. Als Inspektor Martin (Heinz Drache) von seinem Informanten Pheeny (Klaus Kinski) erfährt, dass der den Auftrag erhalten und verweigert habe, eine Tür mit sieben Schlössern zu knacken, wird er hellhörig. Seine Ermittlungen ergeben eine Verbindung zu Mr. Haveloc (Hans Nielsen), dem Anwalt des verstorbenen Lord Selford, dessen Sohn in Kürze das Erreichen der Volljährigkeit feiern wird: Die Toten standen auf seiner Gästeliste …
Nachdem Helmuth Ashleys Vorgänger DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE einem kräftigen Durchlüften der doch dezent staubig miefenden Edgar-Wallace-Stube glich, kann sich Alfred Vohrer, der für das bisherige Serien-Highlight DIE TOTEN AUGEN VON LONDON verantwortlich zeichnete, wohnlich einrichten und erneut seinen Regie-Zauber entfalten. Während Ashleys Humor noch einer fast parodistischen Herangehensweise an den Krimistoff entsprang, die er allerdings mit einer erhöhten Distanz des Zuschauers zum Geschehen erkaufte, bringt Vohrer stattdessen einfach eine gewisse Grundlockerheit mit, die seinen Film insgesamt infiziert. Selbst Heinz Drache, mit seinem konservativen Meckihaarschnitt und dem mittelalten Knautschgesicht nicht gerade ein Konkurrent für Blacky Fuchsbergers natürlich-männlichen Sex-Appeal, kommt unter Vohrers Regie noch rüber wie ein jugendlicher Bruder Leichtfuß, jemand, der sich von einer bizarren Mordserie keinesfalls die gute Laune verderben lässt. Späßchen wie in seinem Gespräch mit dem nervösen Pheeny, bei dem er erst eine Zigarette aus dem eigenen Ärmel zaubert, dann das seinem Gegenüber heimlich entwendete Feuerzeug hinter dessen Ohr „entdeckt“, tragen zwar nichts Wesentliches zur Handlung bei, konturieren aber sowohl die Charaktere wie auch das ganze Szenario deutlich schärfer, als das in den Wallace-Filmen sonst üblich ist. Martins für diese Zeit (und die Wallace-Filme) typische chauvinistische Übergriffigkeit – es ist ganz selbstverständlich, dass er der hübschen Bibliothekarin Sybil Landsdown (Sabine Sesselmann) ganz schamlos auf die bestrumpften Beine starrt, sich dafür nicht einmal entschuldigt und sie im Anschluss sogleich nach einem Date fragt – wird von Sybils Selbstbewusstsein charmant ausgehebelt. Als er sie im Aufzug darum bittet, ihn „Richard“ zu nennen, entgegnet sie nur barsch: „Ein schrecklicher Name.“ Es sind Kleinigkeiten wie diese, die bei Vohrer große Wirkung entfalten: Die Routine, die sich in die Reihe eingeschlichen hatte, treibt er ihr mit solchen Handgriffen, die nicht wenig an Martins Zaubertricks erinnern, wieder aus. Man könnte auch sagen: Ashley hat frische Luft, Vohrer neues Leben hereingelassen.
Dieser lockere Umgang mit seinem Stoff erleichtert es ihm auch, sich im weiteren Verlauf von ihm zu lösen und stattdessen das zu tun, was für den Film gut ist. So greift er zum Finale hin beherzt in die große Exploitation-Trickkiste, in die die meisten seiner Vorgänger nur zaghaft hineingelugt haben, nicht so recht wissend, was sie mit ihrem Inhalt anfangen sollten. Aber bei Vohrer findet alles seinen Platz: der komische Stuhl, dessen Lehne einem Frauentorso nachempfunden ist, dessen vorderen Beine in High Heels stecken und in dessen „Unterleib“ ein Plattenspieler verborgen ist; die Orgel, an der Gisela Uhlen die Performance von Vincent Price als Dr. Phibes antizipiert; das düstere Verlies, das sich hinter einer Geheimtür verbirgt und das ein Labor (mit in lustigen Tiegeln blubbernden und dampfenden Flüssigkeiten), einige Kerkerzellen und die titelgebende Tür beherbergt; einen mad scientist, der von  der Schaffung einer unsterblichen Rasse von Genies träumt, obwohl seine erste Schöpfung nur ein grunzender Fettsack mit dekorativer Schädelnarbe ist (Ady Berber); ein Menschenaffe (= Mann im zotteligen Affenkostüm), traurig in seiner Zelle hockend, dann und wann auf und ab hüpfend; schließlich die verschlossene Kammer selbst, in der eine mumifizierte Leiche vor sich hin gammelt. Vohrer lässt seine Wallace-typisch behäbige Krimigeschichte mit solcher Selbstverständlichkeit ins Krass-Pulpige umkippen, dass es wie das Normalste von der Welt erscheint. Humor ist ihm der Fugenkitt, mit dem die Schnittstellen bis zur Unsichtbarkeit zugespachtelt werden. Sein größter Helfer dabei ist natürlich Eddie Arent als Holms, dessen kleine Clownereien hier tatsächlich witzig sind: Ganz groß, wenn der ehrenwerte Anwalt Haveloc ihm den Hut in die Hand drückt, als sei er sein Diener, und Holms diesen kurzerhand einfach wegwirft. Da ist er wieder, der untrügliche Blick für die kleinen Details mit der großen Wirkung. Und folglich ist DIE TÜR MIT DEN SIEBEN SCHLÖSSERN bis hierhin der zweitbeste Wallace-Film nach Vohrers DIE TOTEN AUGEN VON LONDON.
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Eddie Arent (9. Wallace-Film),  Klaus Kinski (5.), Sabine Sesselmann, Pinkas Braun, Ady Berber, Jan Hendriks (2.). Es debütieren: Heinz Drache, Gisela Uhlen, Siegfried Schürenberg, Werner Peters. Regie: Alfred Vohrer (2.), Drehbuch von Harald G. Petersson (1.), Johannes Kai (2.) und G. F. Hummel (1.). Kamera: Karl Löb (3.), Musik: Peter Thomas (3.), Schnitt: Carl Otto Bartning (1.), Produktion: Horst Wendlandt (7.), Jacques Leitienne. 
Schauplatz: London, Scotland Yard, das Schlösschen Selford Manor. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel.
Titel: Bezieht sich auf das zentrale Geheimnis des Films.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Richard Martin, sein Partner Holms (Eddi Arent) und Damsel in Distress Sybil Landsdown.
Schurke: Der größenwahnsinnige Arzt Dr. Staletti, das verbrecherische Ehepärchen Cody, der hünenhafte Killer Giacco, schließlich der ehrenwerte Anwalt Haveloc.
Gewalt: Tod durch Giftspritze, Erwürgen, Erschießen.
Selbstreflexion: Alfred Vohrer absolviert zwei Cameo-Auftritte, Eddie Arent wendet sich zum Schluss ans Publikum und wünscht einen „guten Heimweg“.

Der Chicagoer Gangsterboss Kerkie Minelli (Eric Pohlmann) wird wegen Steuerhinterziehung aus den USA ausgewiesen: Die Hinrichtung der Konkurrenzbande von O’Connor konnte man ihm nicht nachweisen. Er lässt sich in London nieder, wo auch „der schöne Steve“ (Klaus Kinski), O’Connors einstige rechte Hand, eine neue Heimat gefunden hat. Bald liegen die Organisationen der beiden erneut im Clinch: Sie versenden Erpresserschreiben an die wohlhabenden Bürger Londons und ermorden jeden, der auf ihre Forderungen nicht eingeht. Scotland-Yard-Inspector Weston (Adrian Hoven) zieht angesichts der sich häufenden Todesfälle den FBI-Mann Allerman (Christopher Lee) hinzu. Während ihrer Ermittlungen machen sie Bekanntschaft mit der schönen Lilian Ranger (Marisa Mell), die als Sekretärin in den Diensten des ermordeten Tanners (Fritz Rasp) stand und erfährt, dass er sie seinem Neffen, dem Orchideenforscher Edwin (Pinkas Braun), als Erbe vorzieht. Damit ist die Schöne natürlich selbst ein potenzieller Erpressungskandidat …

Um an dieser Stelle mit einem kurzen Zwischenfazit einzusteigen: Ich bin überrascht, wie divers die Edgar-Wallace-Filme der Rialto bislang sind, ganz entgegen der landläufigen Meinung, sie seien allesamt nach demselben steifen Schema gestrickt. Doch von einer lückenlos perfektionierten Schablone ist wenigstens bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viel zu merken, wenn man einmal von einigen Details absieht: Meistens gibt es einen Scotland-Yard-Protagonisten und ein weibliches Opfer, das es zu beschützen gilt, meist ist Eddie Arent als Comic Relief anwesend, sind die Kriminalfälle verschlungen und ist die Lösung erst nach zahlreichen Todesfällen in Sicht. Vor allem tonal decken die Filme eine große Bandbreite ab, reichen von straighten Gangster- und Quasi-Actionfilmen wie DER FROSCH MIT DER MASKE über Mystery-Krimis wie DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE, DIE BANDE DES SCHRECKENS und DIE SELTSAME GRÄFIN bis hin zum Proto-Giallo DAS GEHEIMNIS DER GELBEN NARZISSEN, dem Pulp-Horror von DIE TOTEN AUGEN VON LONDON oder dem gediegenen Whodunit der Marke DER FÄLSCHER VON LONDON. DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE knüpft mit seiner Geschichte um zwei verfeindete Syndikate an Reinls ruppigen Einstand mit DER FROSCH MIT DER MASKE an, verquickt den Gangsterfilm-Stoff jedoch mit den komischen, selbstreflexiven Elementen, die vor allem Jürgen Roland in die Reihe einführte. Ashleys Gangsterfilm ist der bislang temporeichste und humorvollste Film der Reihe, funktioniert bisweilen fast als Persiflage und steckt voller schöner Regieeinfälle, die ihn zur kleinen Pulp-Perle machen.

Eddi Arent hat seine bislang witzigste Rolle als „Todesbutler“, der seinen Namen der Tatsache verdankt, dass seine Arbeitgeber stets kurz nach seiner Einstellung den Anschlägen der Erpresser zum Opfer fallen. Anstatt sich aufgrund dieser Schicksalsschläge jedoch selbst als verflucht oder zumindest vom Pech verfolgt zu begreifen und die Todesfälle bei seinen Bewerbungen geheim zu halten, begreift er sie gerade als seine besondere Qualifikation. Und alle lassen sie sich von ihm überzeugen, nur um kurze Zeit später dann doch ins Gras zu beißen. Seine Bemühungen, seine Arbeitgeber in Sicherheit zu bringen, nehmen teilweise bizarre Formen an: Die alte Mrs. Moore (Sigrid von Richthofen) schickt er mitten in einer Regennacht mit dem Auto nach Schottland, wo ihr nichts passieren könne, den Abenteurer und Soldaten Oberst Drood (Herbert A. E. Böhme) unterstützt er mit Stahlhelm und Gewehr bei der Verteidigung seines Schlosses vor heranrauschenden Flugzeugen. Aber er ist nur das herausstechendste komische Merkmal in einem Film, der enorm viel Witz schon durch sein Erzähltempo und seinen Schnitt erzeugt. Als plötzlich ein und dieselbe Person zwei verschiedene Erpresserbriefe – jeweils eines von jeder Bande – erhält, kommentiert Weston dieses Vorkommnis mit der Vermutung, dass sich nun beide Banden an einen Tisch begeben und eine Abmachung über eine künftige Zusammenarbeit treffen müssen. Nach einem Schnitt passiert genau das: Die beiden Gruppen sitzen an einem langen Tisch und palavern über ihre künftige Partnerschaft und die Aufteilung ihres Vermögens. London wird mittels einer vertikalen Linie auf dem Stadtplan kurzerhand in zwei Reviere geteilt, so einfach kann das gehen. Urkomisch ist auch die Szene, in der der greisenhafte Tanner seine Sekretärin Ms. Ranger zu sich ruft: Er gesteht ihr, dass er sich um ihre Zukunft sorge und sicherstellen wolle, dass es ihr an nichts im Leben fehle. Und dann kulminieren seine Worte in dem alles andere als zärtlich herausgebellten Satz: „Wollen Sie mich heiraten?“, der weniger eine Frage als vielmehr eine Aufforderung darstellt und das ganze Unbehagen des alten Mannes zum Ausdruck bringt.

Man kann sich darüber streiten, ob Adrian Hoven ein guter Ersatz für Joachim Fuchsberger ist: Ich finde den Österreicher etwas zu glatt, zu schmierig, zu selbstzufrieden und vor allem zu unbeweglich, um als Actionheld zu funktionieren. Er ist annehmbar in seiner Rolle, scheint sich aber selbst nicht richtig wohl zu fühlen und bleibt somit der einsame Schwachpunkt einer sonst kongenialen Besetzungsliste: Christopher Lee ist gewohnt ehrfurchtgebietend (er spricht sich auch in der deutschen Fassung selbst), Marisa Mell umwerfend und deutlich weniger hilflos als ihre Vorgängerinnen, Pinkas Braun angemessen diabolisch, ohne allzu offensichtlich böse zu sein. Die besten Rollen haben aber Klaus Kinski und Eric Pohlmann abbekommen; gerade letzterer überzeugt mit herrlichem Ösi-Akzent als italoamerikanischer Gangster, der nur halb so gewissenlos ist, wie er tut. Es ist nicht so leicht, die Qualitäten von DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE auf den Punkt zu bringen: Ich würde sagen, er überzeugt, weil er großes Gewicht auf stimmige Details legt, weil er randvoll und dicht ist und somit auch dann glaubwürdig und echt wirkt, wenn er den größten Blödsinn veranstaltet. Relativ zu Beginn wohnt man einem Einsatz der Polizeibeamten auf einer Großbaustelle bei: Sowohl Allerman als auch Weston sind wie ihre Kollegen als Bauarbeiter verkleidet, treiben sich auf dem Gelände herum, bis es schließlich zur Sache geht: Da fühlt man sich fast in ein Roland’sches Police Procedural versetzt, scheint Ashleys Film plötzlich deutlich realistischer und moderner als alle anderen Wallace-Filme vor ihm, nur um den Realismus im Anschluss dann gleich wieder zu unterlaufen. Es passiert einfach unglaublich viel in DAS RÄTSEL DER ROTEN ORCHIDEE, es kommt niemals Langweile auf. Vielleicht bietet er als erster Film der Reihe einen Ausblick darauf, wie sich die Wallace-Reihe im Speziellen und das Exploitationkino im Allgemeinen in den kommenden Jahren verändern sollten. Aber auch wenn man lieber vorsichtig sein möchte mit allzu vollmundigen Zuschreibungen: Dieser Film hat eine ganze Menge zu bieten. Und – das sollte auch mal erwähnt werden – er macht saumäßig Spaß.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Eddi Arent (8. Wallace-Film),  Fritz Rasp (5.), Klaus Kinski und Ernst Fritz Fürbringer (4.), Sigrid von Richthofen (3.), Christopher Lee, Hans Paetsch, Horst Breitkreuz, Peter Frank, Benno Gellenbeck, Kurt A. Jung, Charles Palent und Friedrich G. Beckhaus (2.), Pinkas Braun und Frank Straass (1.). Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Egon Eis (als Trygve Larsen) (5.), Kamera: Franz X. Lederle, Musik: Peter Thomas (3.), Schnitt: Herbert Taschner (2.), Produktion: Horst Wendlandt (5.). 
Schauplatz: Chicago, London, Scotland Yard, diverse Büros und Wohnsitze, eine Bank, ein Tabaklädchen. London, Hamburg und Cuxhaven.
Titel: Bezieht sich auf die Identität des Erpressers. Im Grunde genommen ist der Titel ein Spoiler, weil erst er überhaupt suggeriert, dass an dem Orchideenforscher Edwin etwas „rätselhaft“ ist. Zum vierten Mal ist ein Farbwort enthalten (zum zweiten Mal „rot“), zum zweiten Mal eine Blume.
Protagonisten: Scotland-Yard-Inspektor Weston, FBI-Mann Captain Allerman und Damsel in Distress Lilian Ranger.
Schurke: Die Gangsterbosse Kerkie Minelli und „der schöne Steve“, diverse ihrer Killer und ein mysteriöse Mann im Hintergrund.
Gewalt: Diverse Erschießungen und Erstechungen, ein Rasiermessermord, Tod durch einen auf der Landstraße aufgestellten Spiegel und durch Autobombe.
Selbstreflexion: Cora Minelli liest das Goldmann-Taschenbuch von Wallace‘ „Die toten Augen von London“, Eddie Arent wendet sich direkt ans Publikum.