12. hofbauer kongress: it’s all for sale (alexander maxwell, usa 1969)

Veröffentlicht: Januar 5, 2014 in Film
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Ein noch kurze, aber bereits immens liebgewonnene Tradition des Hofbauer-Kongresses ist der so genannte „triste Überraschungsfilm“, den Christoph uns diesmal weniger als Film, denn als „Bild und Ton“ zu rezipieren mahnte. MYSTERIEN DER PORNOGRAPHIE, wie IT’S ALL FOR SALE in Deutschland hieß, gehört im weitesten Sinne zu jenen Filmen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren unter dem Deckmantel der Aufklärung nackte Tatsachen unters Volk brachten. Was ihn von der Masse jener Filme (auf einen besonders ernüchternden Vertreter des Genres werde ich in einem späteren Eintrag zurückkommen) wohltuend unterscheidet, ist dass er die seriöse Fassade selbst schon nach kurzer Zeit aufgibt: IT’S ALL FOR SALE wird damit unbewusst zu einem schönen, beredten Kommentar auf die moralisierende Heuchelei, die Aufklärungsfilme sonst so oft auszeichnet.

Ein Mann – Typ: unbestechlicher Wissenschaftler – sitzt eine Pfeife schmauchend an seinem über und über mit Zeitungsseiten bedeckten Schreibtisch. Er wolle uns in den kommenden 80, 90 Minuten in die „Unterwelt des Sex“ entführen, in der man buchstäblich alles kaufen könne (der Satz, identisch mit dem Originaltitel, wird im weiteren Verlauf geradezu mantraartig wiederholt). Mit versteckter Kamera und Mikrofon habe er sich für uns mitten hinein in diesen Sündenpfuhl begeben, um uns zu zeigen, was es so alles gibt. Im Folgenden beobachten wir ihn beim Studium der Kleinanzeigen, beim Gruppen- und Swinger-Sex, beim Aktfotografieren, als Empfänger sowohl einer weiblichen als auch einer schwulen Massage, beim Gespräch mit einer Sexspielzeug-Verkäuferin und zu Besuch bei einer schwarzafrikanischen Magierin. Außerdem führt er uns Ausschnitte aus Nudistenfilmen und SM-Pornos vor.

Die konservative Fassade, die sowohl im betont wissenschaftlich-seriösen Gestus des Professors als auch in seinem stets etwas aufgeregten Hinweis auf die Käuflichkeit nahezu jeder sexuellen Leistung zum Vorschein kommt, beginnt schon nach kurzer Zeit zu bröckeln: Bei seiner Fotosession mit einem Nacktmodel weicht die zunächst noch vorhandene Distanz mehr und mehr der sichtbaren Erregung („Puh, da kommt man ganz schön ins Schwitzen!“), wird der wissenschaftliche Auftrag zum Vergnügungsausflug. Kaum weniger putzig ist das Zusammentreffen mit dem schwulen Masseur, einem kräftig gebauten, mittelalten Seemann, der dem Professor erst nette Komplimente macht („Du hast so schöne weiche Haut.“), mit seiner Erregung dann schon bald gar nicht mehr an sich zu halten weiß. Die Abwehrversuche des Professors sind aber keineswegs von Ekel oder Empörung geprägt, wie man das von ähnlichen Szenen aus anderen Filmen zu Genüge kennt, sondern von Belustigung. Als der Masseur schließlich einsieht, dass sein Werben keinen Erfolg haben wird, kauert er sich auf dem Rücken seines Kunden zusammen und beginnt bitterlich zu weinen.

Der vordergründige, sensationalistische Ton des Films scheint in IT’S ALL FOR SALE also gleichermaßen ökonomischen Erwägungen zu entspringen, wie dem Wissen, einem möglicherweise konservativeren Publikum auf halbem Weg entgegenkommen, seine Erwartungen zumindest scheinbar erfüllen zu müssen. Neben dem entspannten Fluss des Films, der wesentlich von dem relaxten Gitarrenscore geprägt wird, ist es diese nicht minder entspannte Haltung zur angeblichen „Unterwelt des Sex“, deren Zugang nicht vernagelt, sondern im Gegenteil weit aufgestoßen wird.

 

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Kommentare
  1. […] to cap off the Sixties in August 1969, a completely unremembered film outside a German blog, but more importantly, a chance to note one of the great cat films of the decade a few blocks away […]

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