12. hofbauer-kongress: la philosophie dans le boudoir (jacques scandelari, frankreich 1971)

Veröffentlicht: Januar 5, 2014 in Film
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Zenoff (Lucas de Chabaneix), ein junger Mann, verschafft sich Zugang zum Schloss des  reichen Aristokraten Yald (Fred Saint-James), um ihm die Verlobte, die schöne Xenia (Souchka), in die er selbst verliebt ist, zu entreißen. Er tritt ein in eine Welt der Exzesse, der ungehemmten Lust und der frei wuchernden Triebe, denn „der einzige Gott, den wir anbeten, ist der Gott der Geilheit“, wie es der Hausherr ausdrückt. Gemeinsam mit seiner Gefolgschaft feiert er eine nicht enden wollende Orgie, deren Amoralität Zenoff mit Entsetzen betrachtet. Er muss Xenia befreien – doch vielleicht braucht die junge Frau gar keinen Retter …

Marquis de Sades gleichnamiges Werk nutzt Scandelari als Vorlage für eine in betörenden, artifziellen Bildern eingefangene Enzyklopädie der Fetische und Perversionen. Da räkeln sich halbnackte Menschen auf dem Boden, malen sich die Gesichter mit barocker Kriegsbemalung an, reiben sich mit schleimigen Fischen ein, lassen sich von Hunden durch den Wald hetzen und auspeitschen, wird ein grunzender Tiermensch losgelassen, kurz: dem Hedonismus ein dekadentes Mahnmal errichtet. Die Kamera fängt diese Entgleisungen in makellosen Bildern ein, die vor allem in den erwähnten Jagdszenen ungeahnte Beschleunigung erfahren. Kameramann Jean-Marc Ripert (u. a. VIVA LA MUERTE und THEMROC) profitiert dabei nicht zuletzt von der fantastischen Ausstattung des Films: Das Dekor, eine jenseits jeder konkreten Epoche verorteten Synthese aus historisch-barocken und modernen, an Pop-Art und Psychedelia erinnernden Elementen, ist wahrscheinlich der herausragendste Aspekt des Films, und findet seine Forsetzung im nicht minder schönen Score, der betörende symphonische Stücke mit dem Sixties-Rock von Iron Butterflys „In-a-gadda-da-vida“ kurzschließt. Was der Film an sinnlichen Reizen bereithält, lässt er sowohl intellektuell wie erzählerisch aber weitestgehend vermissen: Die Geschichte um die Liebe zwischen Zenoff und Xenia und seinen Befreiungsversuch endet nach zahlreichen Beinahe-Enden im Nichts, die Freiheitsphilosophie De Sades – in deklamierenden Monologen des Haushern immer wieder wortgewaltig beschworen – erweist sich in Scandelaris Adaption als Legitimation zum fantasievollen Rudelbums, zu dem der Film aber keinen rechten Standpunkt entwickelt. Ein bisschen kritisch soll es schon sein, aber irgendwie ist das ja auch alles ganz geil, was da passiert, sexuelle Revolution und so. Nur einmal formierten sich die Eindrücke zu einer Szene, die tiefer drang: Zenoff wird herausgefordert, in einem Raum gleich maskierter Damen innerhalb dreier Versuche „seine“ Xenia zu finden. Gelingt es ihm, so darf er sie mitnehmen. Doch alle demaskierten Frauen erweisen sich als Fremde. Mit großer Gelassenheit und souveränem Lächeln beugt sich das vermeintlich egoistische, der reinen Körperlichkeit verfallene Yald zu einer Frau hinab, greift ihre Maske und enttarnt Xenia, die Frau, an der er doch angeblich gar kein echtes, wahres Interesse habe. Liebe ist komplexer, als es uns romantische Vorstellungen wahrmachen wollen. Gleiches gilt aber auch für De Sade und diesen schönen und opulenten, letztlich aber doch eher platten Film.

 

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