12. hofbauer-kongress: cover girls (josé bénazéraf, italien/frankreich 1964)

Veröffentlicht: Januar 6, 2014 in Film
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2013101612530628269_artikelCOVER GIRLS, der zweite Film des Porno- und Erotikfilmers José Bénazéraf, der auf dem Kongress lief (neben ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN), war seine einmalige Chance, im sogenannten Mainstream Fuß zu fassen. Mit einem vermutlich großzügigen Budget ausgestattet, drehte der gebürtige Marokkaner einen unendlich prächtig und teuer aussehenden Film, der seinen betörenden Schönheiten für 90 Minuten eine adäquat luxuriöse Heimstatt bietet, sie in erlesen komponierte Bilder hüllt wie in teure Stoffe und sie in schillernde Farben bettet. Aber diese visuelle Pracht ist weitaus mehr als nur der formale Rahmen für eine Schmonzette aus der Welt der Reichen und Schönen: COVER GIRLS ist vielmehr eine beinahe essayistische Auseinandersetzung mit Fragen nach dem Wesen der Schönheit und ihrer Verbindung zu Persönlichkeit und Charakter. Anstatt diese Fragen im Verlauf des Films mit einer eindeutigen Antwort zu würdigen, lässt Bénazéraf sie so stehen, fällt wie der Zuschauer mehr und mehr in den Bann seiner magischen Frauen, die so die Kontrolle über den Film ganz an sich reißen und ein Ende machen mit der Hoffnung auf Eindeutigkeit und Klarheit.

Dabei ist COVER GIRLS bestimmt kein kryptischer oder gar hermetischer Film: Der Diskurs, den er anreißt, begleitet uns ja auch heute noch. Ist es richtig, Frauen als Projektionsflächen männlicher Begierden – und als Mittel zum Verkauf – zu inszenieren? Sie auf ihr Gesicht und ihren Körper zu reduzieren? Dies alles von Männern initiieren zu lassen, die die Damen hinter den Kulissen dann allzu oft ein zweites Mal benutzen? Was ist Schönheit, wenn nicht auch die Ahnung von Persönlichkeit mit ihr verbunden ist? Aber bei Bénazéraf mündet die Meditation über diese Fragen nicht in einer wissenschaftlichen Hypothesen, in politischen Debatte oder einer sozialpsycholgischen Untersuchung, sondern in ein frei fließendes Poem. Figuren sind keine Charaktere mit psycholgisch fundierter Motivation, sondern bloße Sprachflächen oder auch Musikinstrumente, die Bénazéraf improvisieren lässt, um zu einem neuen Thema zu kommen. Die Dialoge sind gleichermaßen hochverdichtet wie artifiziell, es wird kein Sinn gesucht, sondern der reine  Sinneseindruck beschworen.

Ein bisschen wirkt COVER GIRLS, als habe Bénazéraf den Versuch, einen gewöhnlichen Erzählfilm zu machen, nach kürzster Zeit gelangweilt aufgegeben. Nein, als habe er das einfach gar nicht gekonnt, gewollt. Tatsächlich beginnt der Film mit einer relativ herkömmlichen Exposition, die den Weg eines Plots vorzuzeichnen scheint, der dann doch nicht eingeschlagen wird. Schon nach kürzester Zeit kommt Bénazéraf von diesem Weg ab, weil ihn die kleinen Seitenstraßen und Sackgassen, die von ihm abzweigen, sehr viel mehr interessieren als das Ziel, auf das er sich zubewegen soll. Nur zu gern lässt er sich ablenken, in die Irre führen, aufhalten, umleiten. Da verschwinden vorgeblich wichtige Figuren plötzlich für außergewöhnlich lange Zeit, bevor sie dann ebenso unvermittelt zurückkehren, zerschlagen Ellipsen den Rhythmus, bleibt der Film ganz einfach stehen, um den Blick schweifen zu lassen, nachzudenken, Eindrücke aufzusaugen, Bilder und Gedanken zum Klingen zu bringen.  Widersprüche sind keine mehr – zumindest nicht als krisenhafter Zustand, der überwunden werden muss. „Adieu, schönes Mädchen mit den traurigen Augen, ich habe heute abend viel gelacht.“ Genau so ist auch der Film.

(Mit Dank an Jochen Werner, der das Zitat festgehalten hat.)

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