im banne des unheimlichen (alfred vohrer, deutschland 1968)

Veröffentlicht: Januar 10, 2014 in Film
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Als die Angehörigen den Sarg des verstorbenen Sir Oliver Ramsey aus der Kirche tragen, ertönt urplötzlich ein schallendes Lachen. Der Bruder des Verstorbenen, Sir Cecil (Wolfgang Kieling), eh schon ein überaus nervöser, labiler Zeitgenosse, glaubt sofort daran, dass Sir Oliver von den Toten auferstanden ist. Als nur wenig später eine Gestalt mit Totenkopfgesicht gesehen und eine weitere Leiche – ermordet durch ein seltenes Gift – gefunden wird, ist Cecil felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei seinem Bruder um einen Zombie handelt. Inspektor Higgins (Joachim Fuchsberger) greift mit seinem Vorgesetzten, Sir Arthur (Hubert von Meyerinck), ein. Und die Journalistin Peggy Ward (Siw Mattson) weicht ihnen nicht von der Seite.
 
In meinem Eintrag zu DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE erwähnte ich bereits den Rummelplatz-Charme, der vor allem die späten, farbigen Wallaces der Rialto in Beschlag nimmt. IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fungiert zur Bestätigung meiner Behauptung als Paradebeispiel: Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie die Gestalt des „Unheimlichen“, eines Menschen mit einer klobigen Totenkopfmaske, schwarzem Hut, Mantel und Zottelperücke, von dem man immer mal wieder ein lautes, mit Echo belegtes Lachen vernimmt, nach der dritten Kurve der Geisterbahn mit glühbirnigem Blick und Kreischgeräusch aus einer Nische hüpft. Die Verkleidungen der Edgar-Wallace-Täter, zu Beginn noch recht weltlich – dem FROSCH MIT DER MASKE etwa reichte noch eine schnöde Taucherbrille, um zum Schreckgespenst für brave Bürger zu werden -, klar dem Zwecke der Tarnung verpflichtet, alte Sagengestalten höchstens als Vorbild aufgreifend, um vom meist durch und durch profanen Tatmotiv abzulenken (siehe DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE), wurden in den letzten Jahren der Serie immer absurder, unpraktischer und unverkennbar zum Selbstzweck. DER MÖNCH MIT DER PEITSCHE sollte mit seinem knöchellangen roten Gewand und der hohen Zipfelmütze besser nicht in Kämpfe oder gar Verfolgungsjagden verwickelt werden, DER BUCKLIGE VON SOHO bekommt gar einen unpraktischen Plastikbuckel aufs Kreuz geschnallt, dessen Zweck einzig in seinem Schauwert besteht, innerhalb der Handlung aber völlig sinnlos ist. Nun also der Unheimliche, der die Opfer in Vohrers zwölftem Wallace-Film mit einem putzigen Skorpionring umbringt, bevor sie angesichts seiner Karnevalskostümierung einem Lachanfall erliegen.
 
Die Seriösität und der (relative) Ernst, mit dem die Wallace-Filme bis auf einige wenige Ausnahmen noch bis Mitter der Sechzigerjahre inszeniert wurden, sind in IM BANNE DES UNHEIMLICHEN fast vollständig getilgt. Die Geschichte um den vermeintlichen Rächer aus dem Jenseits setzt sich aus den sattsam bekannten Zutaten zusammen – die Adelsfamilie mit dem dunklen Geheimnis, die Dutzenden von Opfern und Verdächtigen, der skurrile Modus operandi des Mörders, das Zusammenspiel von Ermittler und Vorgesetztem, die Verortung des Geschehens in mondänen Adelssitzen und nebligen Wäldern -, die mittlerweile aber ohne echte Überzeugungskraft miteinander vermischt werden. Der Effekt ist Vohrer alles, weshalb der Plot mehr und mehr hinter die grellbunte Ausstattung und Bildkomposition zurücktritt. Am schönsten zeichnet sich dieser Drang zum Plakativen in der Figur des Steinmetzes Ramiro (Peter Mosbacher) ab. Bei seinem ersten Auftritt weiß man nicht, was einen mehr irritiert: dass er mit seinem unverkennbar grünen Teint aussieht wie der unglaubliche Hulk in der beliebten TV-Serie oder dass niemand im Film über seinen ungesunden Hautton irritiert zu sein scheint. Erst in seiner letzten Szene wird sie überhaupt einmal angesprochen, bekommt man eine Erklärung für sie (zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits an meinem Verstand oder zumindest an der Farbechtheit der DVD gezweifelt) und sie ist von beeindruckender Einfalt: Ramiro leidet an einer seltenen Krankheit, die seine Haut verfärbt. Doch dass niemand sich gewundert hat, liegt vor allem daran, dass er sich als Kreole getarnt hat, deren Haut nun einmal „olivgrün“ sei. Hier hatte man sich beim Make-up wohl von der im angelsächsischen Raum gebräuchlichen Verwendung des Wortes „olive“ zur Beschreibung eines bestimmten Hauttons allzu sehr hinreißen lassen. Ob die Zuschauer von IM BANNE DES UNHEIMLICHEN damals wirklich glaubten, dass irgendwo auf der Erde Menschen mit grüner Haut herumlaufen? Man wünscht es sich fast, denn mich riss jeder Auftritt des armen Tropfs immer vollkommen aus dem Film heraus.   
 
Als Fazit lässt sich sagen, dass IM BANNE DES UNHEIMLICHEN genauso gut oder schlecht wie seine unmittelbaren Vorläufer sind: Es ist reine Geschmacks- und Veranlagungsfrage, ob man den Mummenschanz der späten Wallaces als deutsche Variante des US-amerikanischen Exploitationkinos zu würdigen weiß oder schlicht für albern und wertlos hält. Vohrer weiß natürlich wie knarziger Kintopp funktioniert, somit gibt es handwerklich nichts an seinen Filmen auszusetzen, sehen sie stets fantastisch aus, aber auch er kann sich nicht ganz über die zunehmend einfallsloser werdenden Drehbücher hinwegsetzen. Mir hat IM BANNE DES UNHEIMLICHEN als Vertreter eines marginalsierten deutschen Bizarro-Kinos wieder etwas besser gefallen als DER HUND VON BLACKWOOD CASTLE, auch weil mit Wolfgang Kieling ein Schauspieler bereitsteht, den ich immer gern sehe. Keiner gibt dieses stets vor dem Kollaps oder dem Sturz in den Wahnsinn stehende Nervenbündel mit den rotgeäderten Augen so gut wie er. Vermissen muss man hingegen Siegfried Schürenberg, der von Hubert von Meyerinck zwar mit viel Elan vertreten wird, aber eben unersetzlich ist. Er pausierte noch für zwei weitere Filme und kam dann 1971 für DIE TOTE AUS DER THEMSE noch einmal aus der Pension zurück.  
 
Die Edgar-Wallace-Checkliste:
 
Personal: Joachim Fuchsberger (11.), Pinkas Braun, Ilse Pagé, Eva Ebner (4.), Siegfried Rauch, Hubert von Meyerinck, Otto Stern, Ewa Strömberg, Thomas Danneberg (2.), Michael Miller (1.) Regie: Alfred Vohrer (12.), Drehbuch: Ladislas Fodor (1.), Musik: Peter Thomas (16.), Kamera: Karl Löb (12.), Schnitt: Jutta Hering (9.), Produktion: Horst Wendlandt (23.), Fritz Klotsch (5.).
Schauplatz: Das Schloss der Familie Ramsey und Umgebung. Gedreht wurde in Berlin, u. a. auf der Pfaueninsel, und in London.
Titel: Der „Unheimliche“ ist der masikierte Mörder – eine vermeintlich lebendige Leiche.
Protagonisten: Fuchsberger tritt erneut als Inspektor Higgins auf. Statt des pensionierten Sir John bringt er diesmal Sir Arthur mit. Higgins zur Seite steht die Journalistin Peggy Ward.
Schurke: Der maskierte Unbekannte übt die Morde aus, um sich für ein vergangenes Verbrechen zu rächen.
Gewalt: Die Mordwaffe ist ein Ring mit einem vergifteten Stachel, außerdem Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.

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