der gorilla von soho (alfred vohrer, deutschland 1968)

Veröffentlicht: Januar 13, 2014 in Film
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gorilla_von_soho_derDer Titel suggeriert eine Verwandtschaft mit DER BUCKLIGE VON SOHO, doch tatsächlich handelt es sich bei Rialto-Wallace-Nr. 27 um ein Remake von Vohrers eigenem DIE TOTEN AUGEN VON LONDON (ursprünglich war DER GORILLA VON SOHO als eigenständiger neuer Film geplant, doch Probleme während der Preproduction machten ein Umschreiben des Drehbuchs in Richtung Remake unumgänglich). Gegenüber dem „Original“ werden nur geringfügige, kosmetische Änderungen vorgenommen, ansonsten aber ganze Handlungsstränge, Personenkonstellation und selbst kleinere Details übernommen. Tappert übernimmt die Rolle Fuchsbergers, Friedrichsen die von Eddi Arent, Uschi Glas ersetzt Karin Baal, Herbert Fux gibt den Ganoven, der zuvor von Harry Wüstenhagen gespielt wurde, Ralf Schermuly ersetzt Klaus Kinski – inklusive der Sonnenbrille – und Albert Lieven schlüpft in den Schurkenanzug von Wolfgag Lukschy. Statt des „blinden Jacks“ führt nun ein Mann im Gorillakostüm die Verbrecherbande an, die hier nun nicht mit einem Versicherungsunternehmen zusammenarbeitet, sondern mit einer Wohltätigkeistorganisation: Die wohlhabenden Männer, die ermordet werden, haben kurz zuvor die LPFP – Love and Peace for People – als Alleinerben in ihrem Testament bedacht. Leidiglich die Szenen in einem maroden Mädchenheim, in dem auch eine rußige Puppenwerkstatt untergebracht ist, scheinen eher von DER BUCKLIGE VON SOHO inspiriert. 
Stilistisch geht Vohrer seinen Weg unbeirrbar weiter, verbindet den altmodisch-gemütlichen Charme der alten Wallace-Filme mit dem bonbonbunten, grellen Popappeal der späteren, farbigen Beiträge und erzeugt so eine sehr eigenständige Pulp-Mischung. Nicht fehlen darf der Ausflug ins Rotlichtmilieu, hier eine plüschig eingerichteter Nachtclub, der durch die Anwesenheit des als sittliches Korrektiv fungierenden Tapperts gleich doppelt so sleazig und verkommen wirkt (das Hinterzimmer, in dem Hobby-Aktfotografen gegen Bezahlung leicht bekleidete Schönheiten ablichten können, gibt es auch in Vohrers 8 Jahre später entstandenen DERRICK-Folge TOTE VÖGEL SINGEN NICHT). Die Szenen in der Mädchenanstalt hingegen erinnern an die etwa zur selben Zeit in Europa populär gewordenen WIP-Filme und warten dann auch mit beliebten Versatzstücken wie dem taubstummen Mädchen auf, dass sich nur in Zeichensprache verständigen kann. Der Humor geht auf das Konto von Friedrichsen, als jungem, leicht übermotivierten und vorlauten Filou „Sergeant Pepper“ (ein Poster der Beatles hängt auch mal irgendwo rum), der am Ende die Uschi abgreifen darf, und auf das von Hubert von Meyerinck, dessen Sir Arthur ständig eine junge, auf ihn wartende Frau im Nebenzimmer seines Büros versteckt, jedem Rockzipfel hinterherjagt, die Schlussfolgerungen und Argumentationen von Perkins aber nur bedingt versteht. Als Schlussgag des Films besteigt er mit seiner gut 40 Jahre jüngeren Gespielin einen Fahrstuhl, dessen penisförmiger Zeiger dann mit einem Vibrieren auf „Ende“ stehenbleibt: Hier kündigen sich die in den Siebzigerjahren zu erreichenden Humorniederungen des deutschen Films schon an.
DER GORILLA VON SOHO reicht weder an sein Vorbild noch an DER BUCKLIGE VON SOHO heran, ist in seiner kruden, wilden Mischung aus frivolem Lustspiel, Krimischmier und Horror ein Paradebeispiel für die Freuden, die German Expoitation so bereithält. Putzig sind immer wieder die logischen Volten, die der Film schlägt, um Sensationen aufzubieten: Da wird ein Mordopfer unter Maschinenpistolendrohung an eine bestimmte Stelle gelotst, an der er dann von einer herabschnellenden Kranschaufel erschlagen werden soll. Der Plan misslingt, das Opfer kann fliehen und die Schurken werden sich fragen lassen müssen, warum sie nicht einfach geschossen haben. Der Zuschauer indes freut sich über die bedingungslos eingehaltene Unterhaltungsmaxime.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:
Personal: Ilse Pagé (5.), Uschi Glas, Hubert von Meyerinck, Hilde Sessak (3.), Horst Tappert, Inge Langen, Albert Lieven, Claus Holm, Bernd Wilczewski (2.),  Maria Litto, Franz-Otto Krüger (1.). Regie: Alfred Vohrer (13.), Drehbuch: Horst Wendlandt (1.), Alfred Vohrer (1.), Musik: Peter Thomas (17.), Kamera: Karl Löb (13.), Schnitt: Jutta Hering (10.), Produktion: Horst Wendlandt (24.).
Schauplatz: London, Scotland Yard. Gedreht wurde in Berlin und London.
Titel: Ein Mörder im Gorillakostüm.
Protagonisten: Inspektor Perkins ermittelt gemeinsam mit seinem Partner Sergeant Pepper und mit der Unterstützung von Susan McPherson. Ihr Vorgesetzter ist Sir Arthur.
Schurke: Der Geschäftsführer eines Wohltätigkeitsvereins und seine Handlanger.
Gewalt: Diverse Erwürgungen und Erschießungen.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.

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