der mann mit dem glasauge (alfred vohrer, deutschland 1969)

Veröffentlicht: Januar 15, 2014 in Film
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Der_Mann_mit_dem_Glasauge[1]Die Tänzerinnen der „Las Vegas Girls“, der Hauptattraktion des Odeon-Theaters in London, fallen einem geheimnisvollen Mörder zum Opfer, der am Tatort ein Glasauge zu hinterlassen pflegt. Inspektor Perkins (Horst Tappert) ermittelt gemeinsam mit dem vorlauten Sergeant Pepper (Stefan Behrens) und kommt einem Mädchenhändlerring auf die Schliche, der aus einem Billardsalon namens „Glasauge“ heraus operiert …

Die Titlesequenz ließ mein Herz in Liebe entflammen und mich glauben, ausgerechnet in einem der letzten Beiträge der auch kommerziell fast bis zum letzten Tropfen gemolkenen Serie ihren Höhepunkt gefunden zu haben: Zum schrillen, treibenden Lounge-Jazz von Peter Thomas werden die Credits wie schillernde Neonreklame präsentiert, eingefügt in die kaum weniger verlockenden Bilder nächtlicher Londoner Vergnügungsviertel. In den wenigen Minuten, die die Sequenz dauert, bündelt Alfred Vohrer alles, was die farbigen Wallace-Filme der späten Sechziger von ihren etwas altmodischen Vorläufern unterschied, transferiert er ihren grellen Charme endgültig in die poppigen Swingin‘ Sixties, treibt er ihnen aus, was bis zu diesem Zeitpunkt noch vom Geist der staubigen Schmöker des Namenspatrons übrig geblieben war. Auch danach noch schöpft Vohrer zunächst aus dem Vollen: DER MANN MIT DEM GLASAUGE sieht nicht mehr nur bunt aus wie die unmittelbaren Vorgänger, sondern geradezu opulent. Über das subtile Farbenspiel, das sich aus dem Miteinander von Bruce‘ (Fritz Wepper) fliederfarbenem Hemd und dem Grün der Wand hinter ihm in einer eigentlich nebensächlichen Hotellobby-Szene ergibt, könnte ich wahrscheinlich mehrere Absätze lang schwärmen. Überhaupt ist DER MANN MIT DEM GLASAUGE, mit dem Vohrer seinen Abschied von Wallace feierte, ein Film der schmückenden Kontraste: Dem autoritären, beinahe elitär auftretenden Perkins mit seinem an einen Zauber- oder Exerzierstab erinnenden Zeigestock (hier übte Tappert bereits für DERRICK) steht der pubertäre, im anhaltenden Stimmbruch gefangene Sergeant Pepper gegenüber, beiden wiederum der schon fast infantile Sir Arthur (Hubert von Meyerinck), der sich nicht recht entscheiden mag, ob er nun homosexuell oder doch ein Weiberheld sein möchte. Die ruppige Härte des jedes übersinnlichen Elements beraubten Krimiplots  kollidiert heftig mit dem an frühere Wallace-Filme gemahnenden, naiven Zirkus-Setting mit seinem Buffalo-Bill-artigen Messerwerfer Rubiro (Jan Hendriks), dem dicken Bauchredner mit der hässlichen Puppe und dem „Inspizient“ im weißen Wissenschaftlerkittel. Und ist die Story ausnahmsweise einigermaßen plausibel, sind es die barocken Spielereien, die DER MANN MIT DEM GLASAUGE in die Edgar-Wallace-Welt zurückwerfen: Einmal steigen zwei der Tänzerinnen vor dem Haus eines Mannes in eine gläserne Kabine, die sie dann auf Schienen hineinfährt. Wozu dieses umständliche Brimborium abgehalten wird, wo die beiden doch sehr viel einfacher und schneller einfach zu Fuß durch die Tür hätten eintreten können, wird nicht weiter erklärt. Einer der am Fall beteiligten, der Puppenmacher Nuthacher (Rudolf Schündler) führt mit seinem überfüllten Geschäft und dem grauen Gesicht direkt zu den Wurzeln des Gothic Horrors und das Glasauge ist auch so ein ornamentaler Geisterbahn-Kniff, der reichlich überstrapaziert wird. Vohrers Film setzt sich schwungvoll und fest entschlossen zwischen alle Stühle: Da werden immer wieder kleine Papierbeutelchen mit Heroin vertilgt wie Traubenzucker, ohne dass die Auswirkungen der Sucht jemals ernsthaft thematisiert würden, gibt es plötzlich eine ausufernde Keilerei im Billardsalon, an der auch Bud Spencer und Terence Hill ihren Spaß gehabt hätten, sind Sir Arthur und seine Sekretärin Mabel (Ilse Pagé) für den Comic Relief in Form Schreikrämpfe und Facepalms induzierender Zoten zuständig.

Dieses hübsche Tohuwabohu hätte durchaus das Zeug zu einem der größten deutschen Psychotronik-Erzeugnisse gehabt, doch leider geht DER MANN MIT DEM GLASAUGE im letzten Drittel ein wenig die Puste aus. Plötzlich muss das alles eben doch noch sinnvoll zu Ende erzählt werden, auch wenn das doch eigentlich von Anfang an niemanden wirklich interessiert haben kann. Und die Auflösung ist dann eben nur halb so aufregend wie das, was Vohrer mit dem ganzen Aufbau bis dahin anzustellen wusste. Dennoch: DER MANN MIT DEM GLASAUGE ist eine Sternstunde des wilden deutschen Kinos und nimmt eine kleine Sonderstellung innerhalb der kurz vor ihrem Ende stehenden Reihe ein. Auch wenn Edgar-Wallace-Puristen diesen Film wahrscheinlich am liebsten den Fluten des Vergessens überantworten würden. Noch ein Fakt am Rande: Iris Berben feierte hier ihr Leinwanddebüt.

Die Edgar-Wallace-Checkliste:

Personal: Ilse Pagé, Jan Hednriks, Harry Wüstenhagen, Kurd Pieritz (6.), Tilo von Berlepsch, Heinz Spitzner (5.), Hubert von Meyerinck, Arthur Binder (4.), Horst Tappert, Ewa Strömberg, Rudolf Schündler, Harry Riebauer (3.), Heidrun Hankammer, Maria Litto, Narziss Sokatscheff, Otto Czarski, Franz-Otto Krüger, Paul Berger, Michael Miller, Günther Notthoff (2.), Christiane Krüger (1.). Regie: Alfred Vohrer (14.), Drehbuch: Paul Hengge (1.), Ladislas Fodor (2.), Musik: Peter Thomas (18.), Kamera: Karl Löb (14.), Schnitt: Jutta Hering (11.), Produktion: Horst Wendlandt (25.), Fritz Klotsch (6).
Schauplatz: London, Scotland Yard, ein Varieté-Club namens Odeon-Theater und ein Billardclub. Gedreht wurde in London, Berlin und Hamburg.
Titel: Ein Mörder mit Glasauge, der die fragilen Glubscher als Visitenkarte hinterlässt, sowie ein Billardclub gleichen Namens.
Protagonisten: Inspektor Perkins ermittelt erneut mit seinem Partner Sergeant Pepper. Ihr Vorgesetzter ist Sir Arthur.
Schurke: Ein Ring von Mädchenhändlern und ein unbekannter Rächer.
Gewalt: Mehrere Wurfmesser-Morde und Erschießungen, Tod durch Giftnadeln und Strangulation.
Selbstreflexion: Begrüßungsformel zu Beginn, Alfred Vohrer absolviert einen Cameo-Auftritt.

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