der rote rausch (wolfgang schleif, deutschland 1962)

Veröffentlicht: Januar 24, 2014 in Film
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Ein Mann (Klaus Kinski) bricht aus einer Nervenheilanstalt aus. Es handelt sich um einen mehrfachen Frauenmörder, der allerdings weder ein Bewusstsein über seine Taten noch überhaupt über seine Identität besitzt. Auf seiner kopflosen Flucht landet er in einem kleinen Ort an der Grenze zur DDR, wo ihn Katrin (Brigitte Grothum), die Tochter des Schilfbauern Vollbricht (Jochen Brockmann), aufnimmt. Nicht nur aufgrund seines Namens – er nennt sich „Martin“ – fühlt sie sich sofort an ihren verschollenen Ehemann erinnert, auf dessen Rückkehr sie seit Jahren vergeblich wartet. Der junge Mann erfährt zum ersten Mal seit langem Zuneigung, die wiederum dem für Katrin schwärmenden Arbeiter Karl (Sieghardt Rupp) gar nicht passt. Doch es dauert nicht lang, da wird „Martin“ mit den dunklen Seiten seiner Persönlichkeit konfrontiert. Und auch die Polizei kommt ihm immer näher …

DER ROTE RAUSCH ist ein filmischer Glücksfall, begünstigt durch die Trends seiner Zeit, war seiner Zeit leider ein Stück zu weit voraus und geriet daher schnell wieder in Vergessenheit. Inszeniert von Wolfgang Schleif, der vor allem für sein Pferde-und-Mädchen-Opus DIE MÄDELS VOM IMMENHOF bekannt ist, war ihm weder bei der Kritik („Wir raten ab!“, schrieb der Katholische Filmdienst gewohnt apodiktisch) noch beim Publikum Erfolg beschieden und nach einer frühen Fernsehauswertung galt er 40 Jahre lang als ebenso verschollen wie Katrins Ehemann. Erst 2002 tauchte er wieder auf und liegt heute dank des verdienstvollen Labels „Filmjuwelen“ in schöner DVD-Edition vor, die jeder im Schrank stehen haben sollte. Dass dieser Film seinerzeit entstehen konnte (nach einem Hörzu-Fortsetzungsroman), war wohl nicht zuletzt dem Erfolg der Edgar-Wallace-Krimis zu verdanken: In Titel, Besetzung (Kinski, Grothum, Borsche, Brockmann) und Sujet bemühte man sich redlich, Parallelen zu der immens erfolgreichen Serie herzustellen. (Ein alternativer Bootlegtitel lautet sogar EDGAR WALLACE: DAS GEHEIMNIS DES ROTEN BAUMSTAMMES, was nun überhaupt nichts mit dem Film zu tun hat.) Fraglich, ob man dem Film damit nicht eher einen Bärendienst erwies, denn wer damals in Erwartung eines schaurig-schönen Krimis ins Kino ging, musste sich fast notgedrungen enttäuscht sehen. Schleifs Film ist ein durchweg ernstes, in der tristen bundesrepublikanischen Realität des Jahres 1962 angesiedeltes Psychodrama, das sich um Empathie und Verständnis für seine tragische Hauptfigur bemüht und dabei keinerlei Interesse an grellem Schange hat.

Kinskis Protagonist, dessen richtiger Name Josef Stief lautet, ist nicht nur ein Gefangener seiner eigenen Fantasien, über die er die Kontrolle verliert, sobald er eine rote Korallenhalskette erblickt, sondern auch einer Umwelt, die noch keinen Weg gefunden hat, mit ihm umzugehen. Sein Arzt, Professor Lindner (Dieter Borsche), wusste sich nicht anders zu helfen, als jede Erinnerung Josefs an seine Taten auszulöschen und ihn einzusperren. Die so friedliche Dorfgemeinschaft verwandelt sich in einen entfesselten Lynchmob, kaum dass sie weiß, wer sich da in ihrer Mitte niedergelassen hat. Auch die Polizei scheint nur auf seine Flucht gewartet zu haben, um das „Monster“ endlich umbringen zu können. So beginnt eine gnadenlose Hetzjagd, an deren Ende dem jungen Mann, der doch gar nichts Böses wollte, nichts anderes übrig bleibt, als zu dem Ort zurückzukehren, den er so sehr hasst: Am Schluss steht er vor der Pforte der Heilanstalt, aus der er zu Beginn geflohen war und in die er nie zurück wollte, und weist sich selbst ein. „Nummer 327“, antwortet er dem Pförtner auf die Frage, wer er ist, sein trauriges Schicksal in letzter Konsequenz annehmend. DER ROTE RAUSCH ist der Film einer Niederlage. Einer Niederlage für Josef und für die Menschlichkeit.

Schleifs Film zeichnet sich natürlich durch seinen Hauptdarsteller aus, der hier zum ersten Mal in einer Hauptrolle erahnen ließ, wozu er fähig war: Kinskis Josef ist ein verletzlicher, sensibler, verstörter Mann, ein Kind im Körper eines Erwachsenen, völlig orientierungslos in der Welt und ohne die Möglichkeit, sich irgendjemandem anzuvertrauen: Er weiß ja selbst nicht, wer er ist. Kinski wirft sich in diese Rolle, geht ganz in ihr auf, ja, verschwindet geradezu in ihr. Der Berserker mit dem gefährlichen Funkeln in den Augen, den vor allem Herzog immer wieder aus ihm herauskitzelte, der aufgedunsene Popanz seiner letzten Lebensjahre, er ist hier noch gänzlich abwesend. So wird DER ROTE RAUSCH zu einem bewegenden Film über Toleranz und Nächstenliebe, menschliche Qualitäten, die besonders da auf dem Prüfstand stehen, wo sie nicht mit Kusshand zu vergeben sind, sondern auf innere Widerstände stoßen. Gerade der, der am meisten Hilfe braucht, dem wird sie mit voller Härte entzogen, ja, der darf sich nur unseres Hasses gewiss sein. Eine bittere Lektion, die auch heute noch ohne Abstriche ihre Gültigkeit besitzt, wie man sehr leicht in hetzerischen Boulevardblättern nachlesen kann, wenn dort wieder einmal aufgefordert wird, einem „Kinderschänder“ die Eier abzuschneiden oder ihn am besten gleich am nächsten Baum aufzuknüpfen.

Was mir aber am besten an DER ROTE RAUSCH gefallen hat, das ist sein absolut ungewöhnliches Setting und sein starker sense of place. An einem nicht näher lokalisierten Ort an der noch recht jungen innerdeutschen Grenze angesiedelt, zehrt Schleifs Film von einer fast außerweltlichen Atmosphäre. Der Nebel schließt das in einem anscheinend unendlichen, unwirtlichen Flachland liegende Dorf ganz ein, schneidet es vom Rest der Welt vollkommen ab. Irgendwo hinter dem wogenden Schilf und hinter dem See (den man nie sieht) liegt irgendwo das, was von allen nur als das „Drüben“ bezeichnet wird. Angst schleicht sich in ihre Stimmen, wenn sie von diesem Drüben sprechen, von wo es keine Rückkehr zu geben scheint – nur Josef, der hat es wie durch ein Wunder geschafft. DER ROTE RAUSCH gewinnt so eine allegorische Kraft, die seine Geschichte eines singulären Schicksals plötzlich zu einer ganz allgemeingültigen Aussage über das Miteinander des Menschen macht.

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