der würger vom tower (hans mehringer, deutschland 1966)

Veröffentlicht: Januar 24, 2014 in Film
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Eine Frau wird ermordet. Der Mörder nimmt ihr ein Schmuckstück ab, eine Kette, die mit einem wertvollen Smaragd besetzt ist. Bei Scotland Yard ist der Assistent von Inspektor Harvey (Hans Reiser) hin und weg beim Anblick der Leichenfotos – „Eine reizende, eine nette Frau diese Miss Wilkins“ – und absolut untröstlich: „Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf: Ich finde es tragisch, dass wir es immer nur dienstlich mit schönen Frauen zu tun haben und meistens erst dann, wenn sie tot sind.“ Das Polizistenleben ist ein hartes.

Inspektor Harvey hat indes keine Zeit für Sentimentalitäten, steckt mitten in der Klärung des Falles: „Nach den Untersuchungen haben wir es ganz eindeutig mit dem Würger zu tun.“ Der Assistent, noch nicht im Bilde, hakt nach – „Wer ist das?“ – und wird sogleich enttäuscht:  „Das wissen wir leider nicht. Die letzten Morde beging er vor einem Jahr. Ihr Glück, dass Sie damals noch beim Überfallkommando waren, der Bursche hat uns ganz schön zu schaffen gemacht.“ Noch im Überfallkommando-Modus, hakt der Assistent nach: „Ein Raubmörder?“ Harvey konsterniert: „Hm. Vielleicht ein Auftragsmörder. Das wissen wir leider nicht.“ Der Assistent lässt nicht locker: „Haben Sie denn keine Ahnung, wie er aussieht?“ „Keine Ahnung. Einmal glaubten wir auf seiner Spur zu sein, sie führte zum Tower. Deshalb nannten wir ihn auch den ,Würger vom Tower.‘ Aber dabei blieb es.“

WurzelWer nach diesem Dialog zu der Auffassung gelangt, dass Scotland Yard keinen ganz so souveränen Eindruck macht, wird sich im Laufe des Films noch mehrfach bestätigt fühlen: Da erlaubt man der Tochter der Ermordeten ein für die Ermittlungen wichtiges Beweisstück aus privaten Gründen einfach mal „etwas später“ vorbeizubringen – und verliert sie prompt an die Schurken. Da führt eine Spur zum Juwelier Clifton (Charles Regnier) und zu dessen Geschäft Clifton & Clifton, doch die sehr naheliegende Frage, wer denn der andere Clifton ist, wird erst viel, viel später gestellt, als bereits zahlreiche Menschen über die Klinge gesprungen sind. Einmal sagt Harvey sinngemäß, dass es ja zu ihrem Beruf gehöre, ständig zum Warten verdammt zu sein: Ist das wirklich so ist oder ist das nicht eher Beleg für die Ideenlosigkeit Harveys? Ständig kommt er zu spät, verlässt sich auf die Hilfe anderer und wenn es mal zum Kampf kommt, zieht er mit seinen Helfern den Kürzeren, sodass der Vorgesetzte gar Nahkampftraining anordnet. Der Gipfel ist sicher, dass einer der Kriminalbeamten einen Mann, den er wenige Stunden zuvor erst gesehen hat, nicht erkennt, als er ihm später erneut von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht.

FresseNein, DER WÜRGER VOM TOWER, ein offenkundiges Rip-off der zur selben Zeit so erfolgreichen Edgar-Wallace-Filme aus der Schmiede des Schweizer Produzenten Erwin C. Dietrich, will als spannender Krimi nur bedingt funktionieren. Aber, bei Gott, ist der Film ein Fest! Die Schurken nennen sich „Brüdergemeinschaft der ausgleichenden Gerechtigkeit“ (no shit!), tragen putzige Roben und Kapuzen und treffen sich in einem Verlies unter dem Tower. Ihr Ziel: Alle fünf Pavati-Smaragde in ihren Besitz bringen, die angeblich magische Kräfte haben und ihrem Träger zu Reichtum und Wohlstand verhelfen. Behauptet zumindest die Göttin Kali, der die Klunker in grauer Vorzeit mal gehörten. Aber die Gerechtigkeitsbrüder legen keineswegs selbst Hand an: Sie beschäftigen stattdessen den „Würger“, einen fetten Einfaltspinsel mit Hinkebein (Adi Berber), der die Drecksarbeit für sie erledigt. Drahtzieher scheint zunächst besagter verschollener Clifton (Charles Regnier), der wegen zahlreicher Betrügereien aus England fliehen musste, aber mittlerweile heimlich zurückgekehrt ist. Er lebt im Haus der Krimiautorin Grace Harrison (Kai Fischer) – „Mehr als zwei Bücher in der Woche schaffe ich nicht.“ – und tut dort nichts anderes, als sich den lieben langen Tag mit Whiskey volllaufen zu lassen. Regnier hatte sichtlich Spaß an seiner Rolle.

TischEs fällt dann auch nicht so leicht, DER WÜRGER VOM TOWER rundheraus als Baddie zu verreißen. Vor allem die Kameraarbeit von Andreas Demmer (der bis in die späten Siebziger die Sexfilme Dietrichs fotografierte) setzt Glanzlichter, findet herrlich knarzige, kontrast- und schattenreiche Bilder, die die angepeilte Wallace-Gruselstimmung schaffen. Einige betont artifizielle Bildkompositionen lassen gar echte Ambitionen erkennen, doch man kann sicher sein, dass die von der hölzernen Regie Mehringers immer wieder torpediert werden. Einstellungen dauern stets die entscheidenden Sekundenbruchteile zu lange, die Schauspieler, die eh schon mit den stulligen Dialogen zu kämpfen haben, werden völlig im Stich gelassen, und der Plot um die wertvollen Smaragde und den Geheimbund ist eh nicht mehr zu retten. Doch dem Psychotroniker, der sich mit solche Schwächen eh gern arrangiert, wird einiges geboten: Jede Menge dubioser Klischeefiguren – u. a. ein mafiöser Italiener und ein natürlich näselnder schwuler Tanzlehrer –, schwofige Striplokal-Szenen untermalt von loungiger Jazzmusik, ein rustikaler Kerker, in dem auch mal gepeitscht wird, und eben die furchige Fettfresse von Adi Berber, die für sich genommen schon eine Schau ist. Es hat eines zweiten Anlaufs bedurft, bis ich mich auf den Charme des Films eingestellt hatte, doch dann habe ich den Mund kaum noch zubekommen. Hans Mehringer hat außer einer Hand voll Fernseharbeiten leider keine Regie mehr geführt. DER WÜRGER VOM TOWER lässt vermuten, dass dem Freund des ungewöhnlichen Films eine deutsche Antwort auf Ray Dennis Steckler entgangen ist.

Noch ein paar Impressionen:

Inspektor Harvey weiß Bescheid.

Inspektor Harvey weiß Bescheid.

Puck, die Stubenfliege.

Puck, die Stubenfliege.

Die Frisur wurde von Kirk Douglas' Kinn inspiriert.

Die Frisur wurde von Kirk Douglas‘ Kinn inspiriert.

Die alte Corman-Schule: Man muss zeigen, was man hat.

Die alte Corman-Schule: Man muss zeigen, was man hat.

"Ja, richtig, Sie sprechen mit dem Gartenzwerg-Verleih."

„Ja, richtig, Sie sprechen mit dem Gartenzwerg-Verleih.“

KREISCH!

KREISCH!

Charles Regnier let's himself go.

Charles Regnier is living la vida loca.

Ekstase.

Ekstase.

Erster und Zweiter Vorsitzender sowie Kassenprüfer der Brüdergemeinschaft der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Erster und Zweiter Vorsitzender sowie Kassenprüfer der Brüdergemeinschaft der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Ihre Tochter musste immer aus der Reihe tanzen.

Ihre Tochter musste in Kleidungsfragen immer aus der Reihe tanzen.

Bildschirmfoto 2014-01-23 um 21.13.39

Charles Regnier (Bildhintergrund) will auch endlich mitspielen.

The Birth of Cool.

The Birth of Cool.

Immer gut: Fette Glatzköpfe mit Peitsche und Vollbart.

Immer gut: Fette Glatzköpfe mit Peitsche und Vollbart.

Suchbild: Wer findet den schwulen Tanzlehrer?

Suchbild: Wer findet den schwulen Tanzlehrer?

Kommentare
  1. Sebastian sagt:

    Herrliches Review. Vor allem die kommentierten Impressionen! 😀 Von Deinem Text angefixt, hab ich ein bißchen über den Regisseur gegoogelt. Hans Mehringer war offenbar langjähriger Assistent und Koszenarist von Kurt Früh, einem Lokalmatador des Zürcher Films der 50er und 60er Jahre. (Mit Früh wollte ich mich schon lange mal beschäftigen, aber die Schweizer DVDs sind, wie es sich gehört, ziemlich teuer.) Von Mehringer habe ich noch diesen (für deutsche Ohren eher schwerverstädlichen) Kurzfilm auf der Seite des Schweizer Fernsehens gefunden: http://goo.gl/s2dAvQ Uf wiederluege!

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