der mörder mit dem seidenschal (adrian hoven, deutschland/italien 1966)

Veröffentlicht: Januar 25, 2014 in Film
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Exif JPEGWien. Kurz bevor ihre Mutter, die Nachtclubsängerin Prisca (Helga Liné) ermordet wird, kann die kleine Claudia (Susanne Uhlen) einen Blick auf den Täter erhaschen. Es ist der Ganove Boris Garrett (Carl Möhner), der in der Folge nichts unversucht lässt, die Kleine in seine Hände zu bekommen. Polizeirat Erwin Moll (Folco Lulli) und Oberinspektor Charly Fischer (Harald Juhnke) versuchen ihrerseits alles, der Kleinen habhaft zu werden, während sie weiter nach dem Motiv hinter der Tat suchen. Bewegung kommt in die Ermittlungen als sie den Falsch- und Glücksspieler Waldemar Fürst (Adrian Hoven), genannt „der sanfte Waldemar“, befragen …

Als „Wilhelm Arpad Hofkirchner“ 1922 in Österreich geboren, kam Hoven in den Vierzigerjahren zum Film und entwickelte sich auch dank seines guten Aussehens zum gefragten Darsteller in Liebes-, Heimat-, Kriegs- und Kriminalfilmen. Will Tremper, berühmter stern-Journalist und Regisseur von etwa DIE ENDLOSE NACHT oder PLAYGIRL, erinnert sich in seiner lesenswerten Autobiografie „Meine wilden Jahre“ an Hofkirchner, dessen Umbenennung er mitinitiiert haben weil, weil er „gar nicht wie so’n Tiroler Lackl“ ausgesehen habe:

„Als Adrian Hoven hat der Peter Hofkirchner noch 1949 in dem Zirkusfilm ,Tromba‘ von Helmut Weiß seinen Durchbruch erlebt, im Jahr darauf in ,Föhn‘ dem Hans Albers schon die Lilo Pulver ausgespannt, und danach war seine Karriere nicht mehr aufzuhalten. In großen Filmen, wie ,Canaris‘ und ,Wien, du Stadt meiner Träume‘, und sogar bei Faßbinder hat er mitgemischt, gut und gern fünfzigmal. Und natürlich ist er völlig durchgeknallt, der ,Sepp‘, behauptete plötzlich, sein wirklicher Vorname sei ,Arpad‘ und Weiß habe ihn als ,Werkspilot von Messerschmitt‘ für den Film entdeckt. Und dann führte er unter dem Namen Percy Parker auch noch selbst Regie und ruinierte sich als Produzent mit heillosen sado-masochistischen Horrorfilmen, die er selbst schrieb und ,Im Schloß der blutigen Begierden‘ [sic!] und ,Hexen – geschändet und zu Tode gequält‘ titelte. Im Wartezimmer unseres gemeinsamen Zahnarztes in Grünwald habe ich ihn kurz vor seinem Herztod, 58 Jahre alt, noch einmal getroffen und zum erstenmal erkannt: Mit seinen Mißerfolgen wird fast jeder fertig, mit Erfolg nur die wenigsten.“

Hovens eigentliches Regiedebüt, eben diesen DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL, lässt Tremper aus, wahrscheinlich, weil er ihn vergessen oder auch nie gesehen hat, möglicherweise aber auch einfach, weil er nicht so recht reinpassen will in die von Tremper erdachte Dramaturgie vom schönen Glückspilz, der auf seinen eigenen Erfolg hereinfällt und größenwahnsinnig wird. Laut eigenen Aussagen drehte Hoven den Film, weil er genug hatte von der betulichen Schönfärberei der Heimatschnulzen und Liebesfilme, die er bis dahin in Reihe gemacht hatte, und ein anderes Wien zeigen wollte: das Wien der Nachtclubs, der kleinen schmierigen Ganoven, der dunklen Gassen, der Halblichtgestalten. Und das ist ihm mit DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL ausgezeichnet gelungen. Sein Thriller ist klassischer Suspense-Stoff, getragen von der stimmungsvollen Fotografie an Originalschauplätzen, der authentisch wirkenden Milieuzeichnung und den ausgezeichneten, unverbraucht und frisch agierenden Darstellern (allen voran Folco Lulli und Hoven selbst, der als „sanfter Waldemar“ eine Glanzleistung abliefert). In der Verbindung dieser Elemente entwickelt der Film einen unnachahmlichen sense of place, der mich tief in seinen Bann zog und erst im etwas zu sehr in die Länge gezogenen Finale wieder losließ.

Es sind immer wieder die kleinen Momente, die einen förmlich aufschrecken lassen und die Konventionen eines gleichmäßig fließenden „Spannungsfilms“ aufbrechen. Die Ohrfeige, die eine Prostituierte von ihrem Zuhälter verpasst bekommt schallt so heftig, schüttelt sie so ordentlich durch, dass selbst die Darstellerin davon überrascht scheint. So kann man das unmöglich spielen: Ich vermute, die Schauspielerin wusste gar nicht, dass sie eine gelangt bekommen würde. Die Dialoge zwischen den halbseidenen Charakteren sind direkt auf der Straße aufgeschnappt worden, ermöglichen einen Blick in eine fremde Welt, die nach ganz eigenen Gesetzen funktioniert.  Von der ganzen Dimension dieser Welt vermittel der Film nur eine leise Ahnung, was ihn umso größer erscheinen lässt. Außergewöhnlich auch Folco Lullis Polizeirat, ein gemütlicher dicker Familienvater, dem wir einmal beim ausgelassenen Spiel mit seinen Kindern beiwohnen. Seine absolut glaubwürdige Sorge um Claudias Sicherheit bestimmt alle seine Handlungen und hebt ihn deutlich ab von anderen Ermittlerfiguren, die gerade im Kriminalfilm ja nur zu gern jede Vorsicht vermissen lassen und oft genug sogar absolut fahrlässig handeln. Hier zeigt der Film ein menschliches Herz, das ihn über das bloße Reißertum hebt.

So steht am Ende ein fesselnder, aufregender Thriller, der – wie Hoven das intendiert hatte – einen Blick auf ein anderes Wien ermöglicht, eines abseits der bekannten Touristenströme und -attraktionen. Leider wusste das damals niemand zu schätzen: Urteile wie jenes aus dem Evangelischen Film-Beobachter, der DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL in völliger Verkennung seiner Qualitäten als „unglückliche Mischung aus hartem Kriminalreißer und rührseliger Schnulze“ bezeichnet, zudem als „unbeholfen und auch in den halbdokumentarischen Polizeiteilen wenig glaubwürdig“, und zu dem harten, apodiktischen Schluss gelangt: „Für Erwachsene ohne jede Empfehlung“, trugen ihren Teil dazu bei, dass der Film an der Kasse durchfiel. Wahrscheinlich war es diese Enttäuschung darüber, mit einer Herzensangelegenheit gescheitert zu sein, statt eines von Tremper diagnostizierten, diffusen Größenwahns, der Hoven dazu bewegte, es mit sensationalistischen Horrorfilmen zu versuchen. Wenn er schon für einen hervorragenden Milieuthriller wie DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL unverdientermaßen Schläge einstecken musste, dann konnte er auch gleich mit beiden Händen aus dem Vollen schöpfen. Zwei Jahre später entstand dann also IM SCHLOSS DER BLUTIGEN BEGIERDE, der Hovens Abstieg in den Exploitationsumpf besiegelte. Und siehe da: Er hatte damit Erfolg. Wer wollte ihn dafür verurteilen, der Meute das gegeben zu haben, was sie offensichtlich verlangte?

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