heißer hafen hongkong (jürgen roland, deutschland/italien 1962)

Veröffentlicht: Januar 26, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

bildagentur_coverpicture_heisser%2Bhafen%2Bhongkong%2B%2528filmbild%2529Durch eine Verkettung von Zufällen gelangt der Hamburger Journalist Peter Holberg (Klausjürgen Wussow) kurz nach seiner Ankunft in Hongkong in den Besitz eines Mikrofilms, nach dem sich der dubiose Geschäftsmann Marek (Horst Frank) die Finger leckt. Der eigentliche Bote sowie der Empfänger bezahlen ihre Verwicklung in die Sache mit ihrem Leben und so ahnt Holberg, dass auch er in Lebensgefahr schwebt. Zusammen mit der Journalistin Joan Kent (Marianne Koch), die vermutet, dass Marek auch für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist, und Inspektor McLean (Brad Harris) nimmt er den Kampf gegen den schurkischen Marek auf …

Der Film geht mit der Erschießung eines nichtsahnenden Japaners gleich in die Vollen: Es war nur ein armer Tropf, der von gewissenlosen Schurken als Köder in den Tod geschickt wurde, um den eigentlichen Boten zu schützen. Man weiß gleich: Da, wo der Film uns hinführt, sind Menschenleben ganz, ganz billig. Darüber kann auch der enthusiastische chinesische Fremdenführer nicht hinwegtäuschen, der Holberg – und uns – auf dem Weg ins Hotel versichert, dass das Bild Hongkongs, das wir aus dem Kino kennen, nicht der Wahrheit entspricht. Nicht umsonst verfügt die britische Kronkolonie vielleicht über die beste Polizei der Welt! Die kann nach den folgenden Kapitalverbrechen aber auch nicht viel mehr tun, als die Leichen wegzuräumen. Man muss ihr zugutehalten, dass Holberg sich nicht allzu kooperativ verhält. Wussow ist mit seiner jovialen Art zwar nicht direkt herablassend, aber hinter seiner lausbübischen Aufmüpfigkeit erkennt man doch einen gewissen Chauvinismus: Zu Hause in Deutschland macht man das alles viel besser. Einmal wirft er einem ganzen Rudel von Straßenkindern Kleingeld vor die Füße, um das folgende Gebalge mit breitem Grinsen zu fotografieren! Wie sich das für solche dem Exotismus frönenden Sechzigerjahre-Abenteuer-Kolportagen gehört, nehmen Held und Heldin die Lösung des Kriminalfalles in die eigenen Hände, riskieren dabei mehr als einmal ihr Leben und können sich beim Drehbuchschreiber bedanken, dass sie nicht ebenso barsch aus dem Weg geräumt werden wie die Nebenfiguren. Als Holberg, von seiner unermesslichen Wirkung auf das andere Geschlecht felsenfest überzeugt, mit der Nachtclub-Schönheit Colette May Wong (Dominique Boschero) – die mit Marek unter einer Decke steckt – ausgeht, von ihr betäubt und schließlich in einer dunklen Hafengasse abgeladen wird, verliert er dabei jedenfalls noch nicht einmal seine Brieftasche. Und das, obwohl man immer wieder Lautsprecherdurchsagen hört, die Touristen vor Taschendieben warnen! Erst als es ganz heikel wird, darf Inspektor McLean dann doch noch eingreifen: Brad Harris, der die Schmach der Hongkonger Polizeiuniform (kurze Shorts und Kniestrümpfe) erträgt, ohne eine Miene zu verziehen, wird es ihnen gedankt haben.

HEISSER HAFEN HONGKONG ist gemessen an den Exploitationschandtaten des kommenden Jahrzehnts geradezu brav und bietet mit seiner McGuffiniade nicht gerade übermäßig spektakuläre Unterhaltung. Aber Roland hat einfach ein Händchen für diese Kolportagen, die Verbindung von Krimi, Action, Abenteuer, melodramatischen und dokumentarischen Elementen. Seine Inszenierung ist direkt und unverstellt, schnörkellos und geradeaus und so kommt auch HEISSER HAFEN HONGKONG schwungvoll über die Rampe, entwickelt Tempo und Drive, ganz ungeachtet der Tatsache, dass man nicht auf aufwändige Action-Choreografien zu warten braucht. Rolands Blick, seine Art zu inszenieren, erinnern mich immer mehr an Samuel Fuller, je mehr Filme ich von ihm sehe. Es gibt einige Parallelen zwischen den beiden, etwa die Verbindung zum Journalismus, die Gründung ihrer Geschichten auf tagesaktuellen Ereignissen und Schlagzeilen, ein kommentierender Ton, der sich gern in Form eines Voice-overs in den Film mischt, der knallige Einstieg, der das Äquivalent zur fetten Schlagzeile ist. Aber vor allem scheint es mir, als hätten sich beiden nicht von äußeren Umständen – kleinen Budgets und den damit verbundeen Beschränkungen – in dem Glauben beirren lassen, dass die Geschichte, die sie erzählen wollten, die aufregendste der Welt ist. Was man unter anderen Umständen vielleicht als unfreiwillig komisch oder unbeholfen bezeichnen würde, das wirkt bei ihnen deshalb authentisch, roh und eben echt. Vielleicht ist Roland gerade aufgrund dieser Qualitäten bis heute einer der ganz wenigen deutschen Filmemacher, denen es gelang, so etwas wie genuin deutsche Action zu machen: Roland inszeniert diese deutsche Piefigkeit und Provinzialität immer mit, anstatt sie zu leugnen und Deutschland zum Trabanten der USA zu machen. In einer Szene in HEISSER HAFEN HONGKONG sitzt die Journalistin Joan mit zwei ausländischen Kollegen, einer davon aus Deutschland, auf einer Café-Terrasse mit atemberaubendem Blick über den Hongkonger Hafen. Der deutsche Kollege lässt sich von diesem Panorama freilich nicht beeindrucken, stellt die Attraktivität Hongkongs rundheraus infrage und lobt mit kölschem Idiom den Blick von der Rheinterrasse bei einem „kühlen Bierschen“. Das ist nicht die Perspektive Rolands, aber er wusste wohl, dass es die (eines Teils) seines Publikums war.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.