miss muerte (jess franco, spanien/frankreich 1966)

Veröffentlicht: Februar 3, 2014 in Film
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Der greisenhafte, im Rollstuhl sitzende Dr. Zimmer (Antonio Jimènez Escribano) hat die Stelle im Gehirn gefunden, in der die Befähigung zum moralisch guten wie bösen Handeln verortet ist, und einen Weg, sie zu stimulieren bzw. zu betäuben. Als er seinen Kollegen auf einem Neurologen-Kongress davon berichtet und von ihnen die Erlaubnis möchte, seine Thesen an einem menschlichen Versuchsobjekt zu verifizieren, ruft er damit Zorn, Entrüstung und Spott hervor. Zu viel für sein altes Herz: Er verstirbt noch an Ort und Stelle. Seine Tochter und Assistentin Irma (Mabel Karr) plant die Rache an seinen „Mördern“, indem sie sein Werk fortsetzt. Sie lockt die Nachtklub-Tänzerin Nadia (Estella Blain), die in ihrer Tanznummer als verführerische, aber todbringende Spinnenfrau „Miss Muerte“ die männlichen Besucher in Erregung versetzt, unter einem falschen Vorwand in ihr Haus, macht sie mit einer technischen Apparatur willenlos und setzt sie im Folgenden auf die drei Wissenschaftler an (darunter Howard Vernon), die ihren Vater in den Tod getrieben haben …

MISS MUERTE (oder THE DIABOLICAL DR. Z, wie der Film international heißt) war, wenn ich mich recht erinnere, mein erster Film von Jess Franco und ich sah ihn back in the day, als sich das Fantasy Filmfest noch den unverschämten Luxus einer Retrospektive leistete, sogar im Kino. Die damalige kleine Franco-Huldigung war überaus liebevoll zusammengestellt und bot Uneingeweihten mit einigen gut „konsumierbaren“ und – im Rahmen seines Gesamtwerks eher unüblichen – straighten Filmen die ideale Einstiegsdroge, die auf manch härter zu knackende, aber umso nachhaltiger wirkende Nuss vorbereitete. MISS MUERTE führe ich heute noch gern an, wenn es darum geht, Ortsunkundigen eine gut ausgebaute Zufahrtsstraße ins unübersichtliche Francoland zu weisen. Wie mein kompetenter Kollege Thomas Groh neulich in einem semiöffentlichen Privatgespräch (= Facebook) richtig sagte, ist MISS MUERTE einerseits repräsentativ genug für das Werk des Spaniers, um eine Vorstellung davon zu vermitteln, was ihn auszeichnet, andererseits funktioniert er als geradliniger Genrefilm, in dem man sich dank bekannter Motive schnell zurechtfindet. Der Plotverlauf ist denkbar einfach und vom Start weg relativ genau vorhersagbar, sodass man sich auf die vielen kleinen Details von Inszenierung und Gestaltung konzentrieren kann, die MISS MUERTE erst so richtig interessant machen. Anders als in einigen anderen Filmen Francos – siehe als kürzlich von mir gesehene Beispiele DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA oder DER TODESRÄCHER VON SOHO –, gewinnen diese Details hier jedoch nie ganz die Oberhand: Man wird nicht von ihnen überrumpelt, sondern ganz sanft indoktriniert, bekommt eine kleine Einführung in mundgerechten Happen, auf der man dann mit weiteren Filmen des Meisters aufbauen kann.

So macht man also Bekanntschaft mit Howard Vernon, einem der vielen Stammschauspieler Francos, wohnt einer jener fantasievoll-exzentrisch-erotischen Tanznummern bei, von denen Franco im Laufe seiner Karriere noch einige drehen sollte, lernt, dass London auf der iberischen Halbinsel liegt und das vermeintliche Gütesiegel „gedreht an Originalschauplätzen“ etwas für fantasielose Pedanten und Faktenhuber ist. Am wichtigsten: Man bekommt ein Gefühl für die Franco’sche Ästhetik, die Langsamkeit und Schwerelosigkeit seiner Inszenierung, diese seltsam hypnotische Qualität, die seine Bilder – unterstützt von seinen jazzigen Impro-Scores – entwickeln: Wie sich in seinen Filmen Kategorien wie „Raum“ und „Zeit“, aber auch „Sinn“, „Bedeutung“ und „Kausalität“ und mit ihnen der Rückbezug auf eine Welt außerhalb des Kinos plötzlich vollständig auflösen und nur noch der Film bleibt als makellose, rätselhafte, unerforschliche Quelle nicht enden wollenden Wunders. Wer logische oder handwerkliche Schwächen in den Filmen ds Spaniers bemängelt, hat den Witz einfach nicht verstanden. Man schaue sich bloß diese Szene an, in der Howard Vernon als Dr. Vicas im Speisewagen eines Zuges dem Charme der Miss Muerte erliegt und die Welt um ihn herum förmlich verschwindet, und sage mir danach ins Gesicht, dass das nicht eine der gelungensten Darstellungen von Verführung in der Filmgeschichte ist. So vermessen, zu beurteilen, welchen Stellenwert MISS MUERTE im Gesamtwerk Francos einnimmt, bin ich indes nicht. Von seinen laut IMDb 201 Filmen habe ich nur einen lächerlichen Bruchteil gesehen und es gehört mit zur Franco-Faszination, dass da immer noch ein Riesenberg auf einen wartet, von dessen Reizen man sich keine Vorstellung macht. Aber, und auch in dieser Hinsicht ist MISS MUERTE ein guter Startpunkt, man bekommt wahnsinnige Lust darauf, diesen Berg zu erklimmen. Am besten ohne Seil und Sauerstoffgerät.

 

Kommentare
  1. […] Viel gibt es auch wieder bei Oliver Nöding auf Remember It For Later zu entdecken. 2x Franco („Miss Muerte“ und „Necronomicon“), die Fortsetzung der sehr interessanten „Derrick“-Sause […]

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