die endlose nacht (will tremper, deutschland 1963)

Veröffentlicht: Februar 9, 2014 in Film
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DIE ENDLOSE NACHT, der zweite Film von Will Tremper, dessen Laufbahn in den letzten Kriegsjahren als Fotograf und Journalist in Berlin begonnen hatte, ist in jeder Hinsicht ein Glücksfall. Wie ein Fotograf, dessen Erfolg wesentlich davon abhängt, ob es ihm gelingt, diesen einen Moment zu antizipieren, den mit seiner Kamera festzuhalten lohnt, hat Tremper als Regisseur mit jeder intuitiv getroffenen Regieentscheidung das richtige Näschen bewiesen. DIE ENDLOSE NACHT zeichnet sich nicht durch einen geniale Idee aus – man müsste richtigerweise sogar sagen, dass der Schlüssel zu seinem Erfolg der Verzicht auf ein vorbelastendes und einengendes Konzept war –, sondern durch eine unbeschreiblich dichte Atmosphäre, das Gefühl für den Moment, den Blick für das kleine, aber bedeutsame Detail, den Mut, die Dinge laufen, den Augenblick atmen, sich entwickeln zu lassen. Immer nachts drehte Tremper in der Abflughalle des Flughafens Tempelhof, versammelte Freunde und Bekannte um sich, brachte zufällig Vorbeikommende dazu, spontan mitzumachen (so landete etwa Mario Adorf für ein paar Sekunden im Film und in den Credits), und überlegte sich von einer Sekunde auf die nächste, was sie für ihn spielen sollten. Ein Drehbuch gab es nicht, nur einen losen Plan und ein Team, das die Bereitschaft zeigte, die Ideen ihres Regisseurs in die Tat umzusetzen. Das Faszinierende an DIE ENDLOSE NACHT: So sehr der Film von dieser Spontaneität profitiert – über die Darbietung von Hannelore Elsner schreibt Tremper in seinem Buch „Große Klappe“ etwa, sie habe stets „genau auf der Grenze zwischen ,Was tue ich eigentlich hier?‘ und ,Mal sehen, was das wird!'“ gespielt, man merkt ihm zu keiner Sekunde an, dass er quasi on the spot improvisiert wurde, keiner der Betiligten zu Beginn einer Szene wirklich wusste, wie sie enden würde. Das verleiht dem Film seinen enormen Realismus, der wiederum wie das Ergebnis akribischer Planung anmutet.

Man könnte sagen, dass Tremper den Kern seiner Geschichte, wenn man sie denn so nennen will, zum bestimmenden Paradigma seiner Erzählung macht: Es geht um die Verwischung der Grenze zwischen Zufall und Schicksal, um die Gleichzeitigkeit des Banalen und des Bedeutungsvollen, das Ineinanderfließen der beiden. Angesiedelt an einem Nicht-Ort, der Abflughalle eines Flughafens, der eine Art Limbo darstellt, in dieser endlosen Nacht mehr noch als sowieso schon, weil alle, die sich dort aufhalten müssen, zum ungewissen Warten auf das Ende des Nebels verdammt sind, der allen Flugverkehr auf unbestimmte Zeit zum Erliegen gebracht hat. Der Ort hat für sich genommen keinerlei Bedeutung, weil er nur einen Knotenpunkt markiert: Er ist nur in Bezug auf seine Funktion, Menschen von A nach B zu bringen, wichtig. Und an diesem Nicht-Ort finden sich verschiedenste Menschen auch in einem existenziellen Dazwischen, vor die Frage gestellt, wie es von hier aus weitergehen soll. Da ist der Unternehmer Spitz (Harad Leipnitz), der auf die Ankunft eines Geschäftspartners wartet, dessen Geld allein ihn vor dem Gefängnis bewahren kann, und seine Freundin Lisa (Karin Hübner), die er als „Incentive“ einzusetzen gedenkt; eine Frau (Louise Martini), die im Begriff ist, mit ihrem italienischen Lover (Narziss Sokatscheff) durchzubrennen, bevor dann ihr Gatte (Werner Peters) mit den gemeinsamen Kindern im Schlepptau auftaucht; ein Starlet (Hannelore Elsner), das ohne einen Pfennig Geld gestrandet ist und nun verzweifelt nach einem Mann sucht, der sie aushält; ein alternder Theaterschauspieler (Fritz Rémond), der durch die Verspätung des Fliegers nach Hannover vor dem Karriereaus steht; ein Handwerker, der die unerwartete freie Zeit dazu nutzt, seine Geliebte aufzusuchen, bevor ihm einfällt, dass seine Ehefrau es ihm gleichtun könnte; schließlich ein Geschäftsmann (Bruce Low), der sich in eine Schalterangestellte (Alexandra Stewart) verliebt und sie davon zu überzeugen versucht, mit ihm zu kommen. Ihre Wege – und die einiger weiterer Figuren – kreuzen sich, sie beeinflussen sich mal mehr, mal weniger, bevor sie sich wieder trennen und ihren Weg allein weiterverfolgen. Für manchen trägt der Ausgang dieser Nacht schicksalhafte Züge, für andere ist es nur eine weitere von vielen Nächten. Manche Geschichten sind dramatisch, andere beinahe banal, bei manchen hängt die Bewertung von der Perspektive ab. Es ist nicht zuletzt der Ort, die beinahe sakrale Atmosphäre, die in dieser riesigen Halle hängt und Menschen zusammenführt, die sich sonst nie begegnet wären, die den einzelnen Episoden ihre Bedeutung verleiht.

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Zum Zeitpunkt seines Erscheinens wurden DIE ENDLOSE NACHT und Will Tremper als die Hoffnung des deutschen Kinos gefeiert, als Versprechen eines neuen, echten, relevanten deutschen Films. Er wurde mit Preisen überhäuft, erhielt den Preis der deutschen Filmkritik und das Filmband in Silber. Harald Leipnitz wurde ebenso ausgezeichnet wie Walter Buschhoff, Komponist Peter Thomas und Kameramann Hans Jura (der zuerst der Meinung war, man könne aufgrund der Lichtverhältnisse in Tempelhof unmöglich in CinemaScope drehen). Nur das Publikum wollte diese Euphorie nicht teilen und verhinderte letztlich, dass der Film die Erwartungen seiner Fürsprecher erfüllen konnte. Tremper, ein eher rastloser Charakter, drehte im weiteren Verlauf der Sechzigerjahre noch einige Filme mit (in seiner Film-Autobiografie gut nachvollziehbarem) stetig nachlassendem Interesse und wandte sich dann schließlich wieder der Schreiberei zu. DIE ENDLOSE NACHT, ein außergewöhnlicher deutscher Film, der im Idealfall vielleicht eine Art deutscher Nouvelle Vague hätte lostreten können, geriet mit seinem Schöpfer in Vergessenheit und wurde erst vor zwei Jahren wiederentdeckt. Er bietet seinem Betrachter nicht nur ausgesucht schöne Bilder nächtlicher Melancholie, sondern darüber hinaus ein absolut magisches, sinnliches Erlebnis, dessen Wirkung sich einfach nicht adäquat in Worte kleiden lässt. Schon jetzt ganz sicher einer der Höhepunkte meines Filmjahres.

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