necronomicon – geträumte sünden (jess franco, deutschland 1968)

Veröffentlicht: Februar 10, 2014 in Film
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2005102388788_artikel[1]Ich habe NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN nicht verstanden. Einigermaßen erleichtert nahm ich daher zur Kenntnis, dass der unvergleichliche Jess Franco selbst keine Ahnung hatte, wovon sein Film eigentlich handelte, sich eher von spontanen Eingebungen und visuellen Einfällen treiben ließ. Der große weltweite Erfolg, den er mit dem Film landete, überzeugte ihn davon, dass ein Publikum einen Film nicht kognitiv erfassen können muss, um ihn zu mögen. Er muss sie visuell fesseln, sich mit Bildern bei ihnen einbrennen. Und eindrucksvolle Bilder hat NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN tatsächlich reichlich, sodass an seiner von Godard entlehnten Behauptung durchaus etwas dran sein könnte. Andererseits liegt der Verdacht nahe, dass die Kinogänger von der nackte Tatsachen und scharfe Sexpraktiken verheißenden Werbung in seinen Film gelockt wurden und ihn nach knapp 80 Minuten reichlich verdattert wieder verließen.

Versuch einer Zusammenfassung: Lorna Green (Janine Reynaud) arbeitet als Künstlerin in einem Berliner Nachtklub, wo sie auf der Bühne in bizarren SM-Inszenierungen als dominante Bestraferin auftritt. Ein Mann namens Pierce (Michel Lemoine) behauptet, sie „geschaffen“ und zu einer perfekten Verkörperung des Bösen gemacht zu haben. Ein anderer Mann (Jack Taylor) hat sie in Lissabon kennengelernt und ist mit ihr zusammen. In wilden Träumen unterhält sie sich mit ihrem Psychiater (Adrian Hoven) und sucht ein Schloss auf, in dem sie einem Admiral (Howard Vernon) begegnet und mit ihm seltsame Assoziatonsspiele spielt. Wenig später sieht sie bei einer öffentlichen Aufbahrung seinen übel zugerichteten Leichnam. Auf einer Party wird ihr und den anderen Gästen von einem Zwerg LSD verabreicht, woraufhin man über sie herfällt. Eine blonde Frau wird von Lorna in das Schloss gelockt, dort in eine Schaufensterpuppe verwandelt und schließlich ebenso von ihr ermordet. Ihr Geliebter plant schließlich mit Pierce, die unkontrollierbar gewordene Lorna aus dem Weg zu räumen, doch seltsamerweise überlebt sie das Attentat und bringt dann ihrerseits ihren untreu gewordenen Partner um.

I’m at a complete loss: Ja, einige Handlungsfragmente deuten darauf hin, dass der Film eine Reise in das Unbewusste einer schizophrenen oder paranoiden Frau darstellt. Der Hinweis auf eine erfolglos verlaufene Therapie, das Verschwimmen von Traum und Realität, das Einbrechen realer Ereignisse in die Sphäre des Traums sind nur die markantesten Anhaltspunkte für diese Annahme. Doch selbst wenn man sich an diese naheliegende Interpretation klammert, bleibt NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN kryptisch, wenn nicht gar hermetisch, läuft nicht auf einen narrativen Endpunkt zu, sondern versandet irgendwie in einem nicht näher definierten Nichts. Die sinnliche Fotografie von Franz X. Lederle, der alles mit einem gleißenden Schleier aus mediterranem Licht umhüllt und die Farben förmlich explodieren lässt (das kann natürlich auch der der mir vorliegenden DVD von Blue Underground liegen), ist sicherlich das prägnanteste formale Charakteristikum des Films und wesentlich für dessen entrückte, schlafwandlerische Atmosphäre verantwortlich. Zusammen mit der Musik von Friedrich Gulda und den gespreizten, artifiziellen Dialogen, die eher an moderne Lyrik als an gesprochene Worte erinnern, verhindern sie aber auch ein echtes Eintauchen in und die Anteilnahme am Film. NECRONOMICON – GETRÄUMTE SÜNDEN ist wohl auch ein Produkt der zur damaligen Zeit kursierenden Hippie-Ideale (siehe die LSD-Party), das die Identifikation für den heutigen Zuschauer massiv erschwert, ja ihn geradezu ausschließt, wenn er mit der damaligen Rhetorik nicht vertraut ist. Mir liegt der böse Vorwurf der Prätentiosität auf der Zunge, die Einschätzung des Films als artsy-fartsy, als schön und rauschhaft zwar, aber auch als unangenehm solipsistisch und verblendet. „Nehmt den Hippies die Kamera weg!“, sagte Lukas Foerster dazu treffend anlässlich der Sichtung des ähnlich gelagerten LA PHILOSOPHIE DANS LE BOUDOIR beim Hofbauer-Kongress im Januar. Dass Franco – gern mal etwas überschwänglich – im Interview anführt, sein Film sei kurz nach Veröffentlichung in Psychologievorlesungen deutschen Universitäten als Anschauungsmaterial vorgeführt und für die präzise Darstellung paranoider Wahnvorstellungen gelobt worden, passt zur von mir kritisierten self-importance des Films, der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen scheint mir aber, ehrlich gesagt, dennoch eher unwahrscheinlich. Vielleicht bin ich angesichts der Vorstellung, dass in den Sechzigerjahren Franco-Filme an der Uni gezeigt wurden, aber auch nur neidisch.

Fazit: Nicht ohne ästhetischen Reiz, aber für Franco-Verhältnisse erstaunlich verkopft und anstrengend. Zum jetzigen Zeitpunkt not quite my cup of tea.  Für Franco-Aficionados und solche, die es werden wollen, ist der Film aber dennoch bedeutsam: Es war der erste Film, den der Spanier komplett außerhalb seiner Heimat drehte, und er stellte die erste Zusammenarbeit mit Jack Taylor und Janine Reynaud dar.

 

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