beatrice cenci (lucio fulci, italien 1969)

Veröffentlicht: Februar 14, 2014 in Film
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Der Fall der Beatrice Cenci (1577 – 1599), der Tochter des wohlhabenden Adligen Francesco Cenci, eines brutalen Menschenschinders, die ihren Vater nach mehreren erlittenen Grausamkeiten gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren Brüdern umbrachte, und dafür enthauptet wurde, erregte seinerzeit die Gemüter des italienischen Volkes, beschädigte nachhaltig den Ruf des Papstes Clemens VIII., ging in die italienische Kriminalgeschichte ein und beschäftigte im Laufe der folgenden Jahrhunderte Dichter wie Filmemacher. Die Verfilmung Fulcis stellt, glaubt man der IMDb, bereits die siebte Aufarbeitung des berühmten Falles dar: Unter anderem hatte sich Riccardo Freda 1956 der Geschichte gewidmet.

Fulci erzählt die berühmte Geschichte nonlinear, beginnt mit den Vorbereitungen zur Hinrichtung, erzählt die Vorgeschichte dann in einer Rückblende, innerhalb derer er immer wieder Details ausspart, die dann erneut rückblickend aufgedeckt werden. Diese Erzählstrategie verstärkt den Eindruck eines schicksalhaften, unabwendbaren Verlaufs der Dinge und entzieht seinen Charakteren Autonomie und Handlungsmacht. Psychologie spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle: Gerade die Titelheldin (Adrienne Larussa) bleibt eine Chiffre, bis zum Ende undurchschaubar. Dass die Cencis genug Gründe hatten, ihr Familienoberhaupt auszuschalten, wird als Tatsache mehr oder minder vorausgesetzt, ihre Leidensgeschichte interessiert Fulci eigentlich nicht. Im Vordergrund stehen bei ihm die politischen Implikationen. Auch wenn BEATRICE CENCI in der Neuzeit angesiedelt ist, liegt er mit seiner Thematisierung der Korruption von Politik und Staat doch ganz im Rahmen des in Italien zu jener Zeit so populären Cinema di denuncia.

Francesco Cenci (Georges Wilson) genießt trotz brutaler Verbrechen den Schutz der Kirche, die genau weiß, was sie an dem Mann hat. Jedes seiner Vergehen lässt sie sich von ihm nämlich teuer bezahlen, um sich die Kasse vollzumachen. Seine Zügellosigkeit ist eine willkommene Einnahmequelle und man hat kein Interesse, diese versiegen zu lassen. Eine Art unmoralisches gentlemen’s agreement. Doch sie leistet so der Rache der Familie an dem Mann, der sie quält und demütigt, Vorschub. Alle Versuche Beatrices, ihm zu entkommen, schlagen fehl: Als er erfährt, dass sie in ein Kloster gehen will, sperrt er sie ein und vergewaltigt sie, damit sein Ende besiegelnd (die Vergewaltigung ist historisch nicht bestätigt, wohl aber, dass Cenci einen sexuell ausschweifenden Lebensstil pflegte und sich dabei an beiden Ufern umtrieb). Die Ermordung – verübt mithilfe des in Beatrice verliebten Dieners Olimpio (Tomas Milian) und eines räudigen Banditen (Ignazio Spalla) – wird zwar als Unfall getarnt, dennoch dauert es nicht lang, bis die Täter inhaftiert sind und nach grausamer Folter geständig sind (hier übt Fulci schon für die späteren Splatterfilme, die man leider fast ausschließlich mit ihm verbindet). Dass die Kirche ein so großes Interesse daran zeigt, die Täter zu fassen, und sie dann mit ganzer Härte des Gesetzes bestraft, hat nichts mit der Wahrung der Moral zu tun: Es geht allein ums Geld. Denn die Reichtümer Cencis, die mit seinem Tod nun unerreichbar sind, fallen komplett an die Kirche, nachdem die gesamte Familie ausgerottet ist. Als Krönung der Bigotterie erteilt Clemens VIII. der Mörderin Beatrice just in dem Moment die Absolution, indem er über den Vollzug ihrer Enthauptung unterrichtet wird.

BEATRICE CENCI – in Deutschland völlig irreführend und wohl auf das Bahnhofskino-Publikum abzielend DIE NACKTE UND DER KARDINAL betitelt – ist ein visuelles Fest, dabei jedoch nicht, wie die Monumentalfilme der vorangegangenen Jahrzehnte, von überschwänglichem Pomp, Prunk und Kitsch, sondern vor allem von Dekadenz und Verfall geprägt. Der Adel ist durch und durch verkommen, Francesco Cenci nicht weniger als ein widerliches, kulturloses kapitalistisches Schwein, der Klerus ein Haufen profitgeiler Machtmenschen, die ihr Fähnchen zielsicher in den Wind hängen, die Anwälte der Cencis diskutieren das Ergebnis ihrer gescheiterten Verteidigungsbemühungen stilecht im Puff. Kameramann Erico Menczer fängt das Geschehen in dunklen, meist statischen, dabei aber ungemein dramatischen Bildern ein, die verdeutlichen, dass sich in dieser Welt nichts von allein bewegt, alles gesteuert ist. Ein großartiger Film, einer der besten, die ich von Fulci kenne.

Bildschirmfoto 2014-02-14 um 16.21.01

Kommentare
  1. Philipp Hinz sagt:

    Hallo Oliver,
    Da ich seit kurzem wieder auf Fulci gestoßen bin,lese ich täglich deine Filmberichte über ihn.
    Diese erinnern mich an tolle Momente,die ich mit vielen Texten der Splatting Image hatte.
    Großartig!
    Danke dafür!

    Ich bin großer Verehrer von Contraband,Cenci,Ripper und Aldila.
    Ich hoffe,dass es von Cenci bald eine BR gibt.
    Ich wünsche eine schöne Woche.

    Beste Grüße
    Philipp
    Philipp

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