tante trude aus buxtehude (franz josef gottlieb, deutschland 1971)

Veröffentlicht: Februar 25, 2014 in Film
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Gerda Börner (Elisabeth Krogh) und ihre Freundin Karin (Mascha Gonska) sind außer sich: Gerda hat von ihrer Tante Trude aus Buxtehude (der erste von unzähligen Riesengags des Films) eine Million DM geerbt. Die Ernüchterung folgt, als der vermeintliche Geldkoffer bei ihr ankommt: Statt dicker Bündel Geldscheine findet sie einen Haufen hässlicher Kleider, die der klapprige Kumpel Moritz (Ilja Richter) sofort verkaufen geht. Dummerweise stellt sich dann jedoch heraus, dass die exzentrische Tante den Schlüssel zu einem Schließfach in eines der Kleider eingenäht hat. Die Jagd nach ihm führt die zwei Mädels gemeinsam mit Moritz und dem smarten Rudi (Rudi Carrell) nach Kitzbühel, wo der Boutiquenbesitzer Tony (Chris Roberts) mittlerweile versucht, die Designerstücke an den Mann zu bringen. Bis die Million in Karins Händen liegt, sind zahlreiche Hürden zu nehmen, Verwechslungen aufzudecken, Musiknummern zu durchleiden und hirnrissigste Slapstick-Einlagen zu überstehen …

Ein Monument des Leids. Hatte ich im Falle von DIE SUPERNASEN zuletzt noch versucht, eine Lanze für die deutsche Gaga-Komödie zu brechen, so muss ich hier kampflos die Waffen strecken. Mit TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE – einer Art Sequel zum vorangegangene Carrell/Richter-Film WENN DIE TOLLEN TANTEN KOMMEN – hat Regisseur Gottlieb eine echte Stinkbombe vorgelegt, einen Film, der so durch und durch daneben ist, dass es schwer fällt, eine Erklärung für das sich dem Betrachter bietende Chaos zu finden. Dass Gottlieb über Wochen das Trinkwasser der agierenden Darsteller mit halluzinogenen Drogen versetzte oder sie mit einem aggressiven Hirnparasiten infizierte, scheint durchaus plausibel. Das unfassbare Elend beginnt schon mit der Gestalt Ilja Richters: Der absolviert hier nicht nur den Basiskurs in Slapstick, indem er mit dem Kopf vor alle sich irgendwie darbietenden Hindernisse rennt, ständig in Ohnmacht fällt oder anderen „lustigen“ Unfug treibt, er entblößt gleich mehrfach seinen pathologisch dürren Körper, der blankes Entsetzen (und Ekel) beim empathiebefähigten Zuschauer hervorruft. Aber er ist natürlich nicht alleinverantwortlich für den Angriff auf körperliche und geistige Unversehrtheit, den TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE darstellt.

Schlagerschönling Chris Roberst muss sicherlich auch noch genannt werden: In einem Film, dessen in den schönsten augenkrebsverurschenden Farben schillernden Kostüme bereits Legende sind, ist er der König der Geschmacklosigkeiten. Egal ob er einen leberwurstfarbenen Rollkragenpulli in Hüfthöhe mit einem Ledergürtel umschlingt, pinke Polyesterhemden mit sonnengelben Asbest-Pullundern kombiniert oder schließlich im zitronengelben Veloursmantel mit Plüschbesatz herumstolziert, er sieht immer scheiße aus. Und als gäbe er sich so noch nicht genug der Lächerlichkeit preis, sind seine Lieder ausnehmend für Gehirnamputierte komponiert: „Mein Name ist Hase“ ist sicherlich das seltsamste Ständchen, das man einer prinzipiell paarungswilligen Dame halten kann. Tatkräftige Unterstützung in Sachen musikalischer Geschmacksverwirrung bekommt er von Ramona: Die könnte rein physisch nicht nur die Zwillingsschwester von Ilja Richter sein, ihr wahrscheinlich nach 12 Litern zähflüssigsten Espressos eingehämmerter Hit „Alles, was wir woll’n auf Erden“, den sie darbietet, als erleide sie einen epileptischen Anfall oder stehe unter Strom, verkörpert die entfesselte Aggressivität und die buchstäblich ätzende Qualität des Films perfekt. Richters eigenes Ständchen, geadelt von dem Refrain „Ich will barfuß über den Broadway tanzen und am Straßenrand Blümchen pflanzen“ macht gewisermaßen „den Deckel drauf“.

Alles, wirklich alles, was man am Genre der deutschen Schlagerkomödie grauenvoll findet, findet man in TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE in geballter, vielfach potenzierter Form. Männer tragen Frauenkleider und sehen sich sogleich den Avancen diverser Idioten ausgesetzt, eine breit ausgedehnte Gagreihe dreht sich um ein Plastikskelett, das ohne erkennbaren Grund auftaucht und an immer neuen Orten Angst und Schrecken verbreitet, und als Lebenselixier gibt es unzählige Verwechslungen, Verwechslungen, Verwechslungen. Das kulminiert dann darin, dass am Ende gleich drei Männer als „Tante Trude“ in der Bank vorstellig werden und die Million für sich beanspruchen.  Außerdem droht das Liebesglück von Gerda und Toni zu scheitern, weil sie aufschnappt, dass „Toni“ die blonde Ricki heiraten will. Bei diesem Toni handelt es sich dann aber nicht um ihren feschen Schlagerbarden, sondern um das Ski-As Toni Sailer, der hier als Gaststar auftritt, bei Ricki wiederum um des Roberts Schwester, die in TANTE TURUDE AUS BUXTEHUDE keinen anderen Zweck erfüllt, als für eben diese Verwechslung zu sorgen. Neben Sailer-Toni machen alle „Größen“ des Genres ihre Aufwartung: Theo Lingen spielt den zunehmend verzweifelteren Chefportier eines Hotels, Rainer Basedow einen streitsüchtigen Gast in einer Kneipe, Gunther Phillip einen wahnsinnigen Arzt, Hans Terofal gibt den dusseligen Friseur (der von Carrell mit Chloroform betäubt wird), Alexander Grill den minderbemittelten Hoteldiener, der mantraartig gesteht: „Des woas I net“, Rudolf Schündler den Satzteile verwechselnden Notar, Jochen Busse einen „Kleiderhändler“ und Herbert Fux einen Ganoven – vielleicht der einzige Lichtblick des Films. Es gibt eine immerhin spektakulär choreografierte Skinummer, ansonsten ist der ganze Film eine einzige Qual, bei der man sich fragt, womit man das verdient hat. Und was ist eigentlich in Gottlieb, der doch mit DAS SIEBENTE OPFER bewiesen hatte, dass er sich durchaus auf Humor versteht, der nicht das Gehirn beschädigt. Ich habe mir diesen Albtraum jetzt zum zweiten Mal angetan. Ein drittes Mal wird es in diesem Leben nicht geben.

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