das finstere tal (andreas prochaska, österreich/deutschland 2014)

Veröffentlicht: Februar 26, 2014 in Film
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In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt ein junger Mann aus den USA in ein abgelegenes Tal irgendwo in den österreichischen Alpen und bittet in einem kleinen Dorf um Quartier. Von den sechs Söhnen des bettlägerigen Brenner (Hans-Michael Rehberg), des Dorfpatriarchen, wird er ausgesprochen feindselig aufgenommen, darf aber bleiben, nachdem er ihnen gezeigt hat, was er kann: Er ist Fotograf. Doch Greider (Sam Riley), wie er sich nennt, ist nicht da, um Fotos zu machen. Das werden die Brenners, die mit eiserner Hand über das Dorf regieren und alle Einwohner in einem dauerhaften Zustand der Angst halten, bald schmerzhaft erfahren …

Vorab: DAS FINSTERE TAL ist derzeit auf unseren Leinwänden zu sehen und sollte von jedem, der sich für bildgewaltiges, ungewöhnliches, intelligentes und emotionales Kino interessiert, gesehen werden. Zumal er, immerhin deutsch koproduziert, eindrucksvoll zeigt, wie eigenwilliges deutsches Kino jenseits von Bildungsauftrag und ästhetischem Einheitsbrei, aber mit gleichermaßen kommerziellem wie künstlerischem Anspruch aussehen könnte. Ein Österreicher macht es (wieder mal) vor: Andreas Prochaska hatte mich vor Jahren schon mit dem unerwartet vielschichtigen, düsteren IN 3 TAGEN BIST DU TOT 2, dem Sequel zu dem ebenfalls von ihm inszenierten, mir aber noch unbekannten IN 3 TAGEN BIST DU TOT, völlig auf dem falschen Fuß erwischt, und stellt hier erneut unter Beweis, dass er sich nicht damit zufrieden geben mag, schnell wieder vergessenes Gebrauchskino oder schnöde Fernsehunterhaltung zu machen. Da lässt jemand großen Ehrgeiz erkennen und, was noch wichtiger ist, eine Idee, wie das aussehen könnte, das große, massentaugliche, aber anspruchsvolle deutschsprachige Genrekino, das es hierzulande in den vergangenen Jahrzehnten sehr schwer gehabt hat.

Prochaska hat offenkundig von den Besten gelernt. DAS FINSTERE TAL  ist gleichermaßen Aneignung fremder Motive und Stilistiken wie es daran erinnert, auf welch reiche und große Tradition deutsche und österreichische Filmemacher eigentlich zurückblicken können. Ein amerikanischer Antiheld mit österreichischen Wurzeln hält selbstbewussten Einzug in das Alpensetting, das ein wenig an matschig-nasse Italowestern wie KEOMA oder DJANGO erinnert, um dort den HIGH PLAINS DRIFTER zu spielen. Den metaphysischen Überbau braucht er nicht, schließlich kennt man sich in diesen Breiten ja aus mit Vergangenheit und ihrer Scheinbewältigung, mit dem Festhalten an alten Gewohnheiten, deren einschneidende Wirkung man sich schönredet, statt sich ihrer zu entledigen.  „Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gerne machen lässt.“, lautet die Tagline des Films. Geäußert wird sie dort nicht etwa am Anfang, sondern ganz am Ende und was genau sie bedeutet – vielmehr: was die Beschenkten mit ihrer Freiheit nun anfangen, oder besser: nicht anzufangen wissen –, lässt der Film offen. Aber es liegt nahe, in in diesen Worten auch die treffende Beschreibung einer in Österreich (und Deutschland?) vorherrschenden Geisteshaltung und eine Prophezeiung noch in der Zukunft liegender Schandtaten zu erkennen, auf die die Schweinereien der Brenners nur ein Vorgeschmack waren.

DAS FINSTERE TAL ist zu gleichen Teilen period piece, geprägt von dem Bemühen, die historischen Hintergründe möglichst authentisch abzubilden, wie er Mythologisierung betreibt. Aber beide Impulse lassen sich nicht mehr klar voneinander trennen, Geschichte und Mythos greifen ineinander, bedingen sich gegenseitig und stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Das wird schon zu Beginn klar, wenn die zu diesem Zeitpunkt noch gesichtslose Protagonistin dem heutigen Zuschauer via körperlosem Voice-over erklärt, dass die Vergangenheit die Zukunft prägt, auch wenn man sie noch so sehr totschweigt. Die Wahrheit, sie sickert durch, und wenn sie auch nie offen zu Tage tritt, so steckt sie doch in den Dingen, lässt sich nie vollständig und spurenlos tilgen. Das zeichnet sich auch in der Gestalt Greiders ab, dem Fremden, der in diesem Fall zwar einen Namen hat, aber eben einen, bei dem man nicht weiß, ob er nicht doch nur ein Scherz ist. Greider klingt auffällig wie „Rider“ und als solcher kommt er ja auch in das Dorf, sein knabenhaftes Gesicht eine leicht ironisierte, den Todesengel als Engel tarnende Variante von Eastwoods Hundeschnauze. Ein großes Geheimnis macht er aus seiner Vergangenheit und dem Grund seines Aufenthalts, nur wenig Worte hat er übrig für die Fragenden, aber diese Schweigsamkeit dient nicht allein der Tarnung. Der Rider ahnt bereits, dass die Ereignisse der Vergangenheit, die er nun geraderücken will, ihn ganz direkt betreffen. Doch wie sehr er wirklich in das Schicksal des Dorfes und seiner Einwohner verwoben ist, wird ihm erst im Verlauf seiner Rache klar. Dann läuft ihm eine einzelne Träne über die Wange. Vielleicht ist gar nicht die Freiheit der Dorfbewohner gemeint, die die Protagonistin da als ungewolltes Geschenk bezeichnet, sondern die des Riders, der sich wünscht, hinter seine bittere Erkenntnis zurückzufallen?

DAS FINSTERE TAL ist bild- und tongewaltiges Monumentalkino, wortkarg und assoziationsreich. Der Winter, der die Bewohner des Tals von der Außenwelt abschneidet, fährt auch dem Betrachter in die Glieder, setzt sich im Nacken fest wie ein nagendes, schlechtes Gewissen. Das Krachen der Baumstämme auf dem gefrorenen Boden, das Knacken der Dielenböden, das Klirren der Sporen an den Stiefeln, das Heulen des Windes, das Splitternd er Eisschicht auf dem Wasser: Die ganze Welt ist aufgeladen mit Leben, das sich gegen das dräuende Unrecht erheben möchte, aber keine Stimme findet, sich Gehör zu verschaffen. Unter der Oberfläche, unter dem Schnee, dem Schlamm, den wuchtigen, dem Himmel entgegengetürmten Holzhäusern da versteckt sich die Schuld, das Leid, die Ungerechtigkeit, und alle helfen sie mit, sie noch tiefer in den Boden zu stampfen, sie noch tiefer in der Erde zu vergraben. Aber sie sind dann immer noch nicht verschwunden, verseuchen stattdessen das Grundwasser, geraten von da aus in die Pflanzen und Bäume zu geraten und gehen schließlich, am Ende des Kreislaufs, als Regen und Schnee hernieder. Der Mensch hat sich sein eigenes Gefängnis gebaut. und wartet im finsteren Tal auf seinen Greider.

Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Wie dich auch hat mich vor allem der Ton beeindruckt. Deine Assoziation mit Leben/Unrecht hatte ich zwar so nicht (ansonsten stimmen wir erstaunlich überein), aber wie es überall und überlaut ächzte und knarrte, kam fantastisch im Kino (ähnlich empfand ich bspw. in dem mittelprächtigen „Gnade“).

    Wo ich mir nicht sicher bin bzw. es durchaus als Schwachpunkt sehe, ist die absolut klassische Struktur des Films. Sowohl Hintergrundgeschichte als auch Handlungsverlauf sind 1:1 Western bzw. überhaupt nicht überraschend. Sicher ist diese Schnörkellosigkeit auch extra so umgesetzt, aber dann hätte ich gerne wenigstens etwas mehr Action gehabt. Die aber natürlich sehr intensiv umgesetzt ist.

    Eine meiner Lieblingsszenen war daher, als Tobias Moretti kurz vor dem Ende der Brüder seine Waffe nachlädt und dabei mehr vor Angst als vor Kälte zittert (und das als eigentlich schießwütiger Bad Guy). Dagegen hätte Greider ruhig mehr erleiden können. Aber vielleicht passt es auch gerade zu dem Film, dass ihn kein Brenner verwunden kann und er am Ende an einer Wundinfektion zu sterben droht.

    • Oliver sagt:

      Ich gebe dir hinsichtlich der Struktur zwar Recht, würde aber tatsächlich behaupten, dass der „Verzicht“ auf Spannung sehr konsequent ist, eben weil Prochaska durch seine Treue zu den Vorbildern von Anfang an kaum einen Zweifel daran lässt, wie diese Geschichte ausgehen wird. Daher auch mein Hinweis auf deutsch-österreichische Historie: Mir schien es in DAS FINSTERE TAL eben gerade nicht um ein Einzelschicksal zu gehen, sondern um das Verschwinden des Einzelnen auf den Irrwegen der Zeit. Greider ist nur das vollstreckende Organ in einem großen Ganzen. Was aus ihm persönlich wird, ist deshalb auch nicht so entscheidend.

      Als einzigen echten Schwachpunkt – ich habe in meinem Text dazu nichts geschrieben, weil ich keine Lust hatte, auf Schwächen herumzureiten, wenn es so viel über die Stärken zu sagen gibt – war der Einsatz der Popsongs. Zum Auftakt und Ende fand ich das noch OK, aber in der Schießerei empfand ich die Vewendung der Musik unangenehm klischeehaft und unoriginell. Hat mich richtig ein bisschen rausgerissen.

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