la banda del gobbo (umberto lenzi, italien 1978)

Veröffentlicht: März 2, 2014 in Film
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Nach über einem Jahr Abwesenheit kommt der bucklige Berufsverbrecher Vincenzo Marazzi (Tomas Milian) aus dem korsischen Exil zurück in seine römische Heimat. Er hat gleich einen neuen Plan: den Überfall auf einen Geldtransporter mithilfe von Rauchbomben. Als Komplizen sucht er sich den dubiosen Autohändler Perrone (Luciano Catenacci) und dessen Kumpane Sogliola (Guido Leontini) und den „Albaner“ (Sal Borgese) aus. Weil die aber wissen, dass sie mit einem buckligen Partner für die Polizei leichte Beute sind, beschließen sie, Marazzi noch am Tatort umzulegen. Dummerweise misslingt der Plan, und der Hintergangene kann entkommen. Mithilfe seiner Freundin, der Prostituierten Maria (Isa Danelli), und seines Zwillingsbruders Monezza (Tomas Milian) vollzieht er seine Rache an den Verrätern – und hat bald die Polizei in Person seines alten Feindes Kommissar Sarti (Pino Colizzi) auf dem Hals …

Ich kenne nicht alle Polizei- und Gangsterfilme von Lenzi, aber von den mir bekannten sind dieser hier und MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE die beiden besten. MILANO ODIA ist möglicherweise der direktere, löst mit seinen sprachlos machenden Gewaltausbrüchen und seinem entfesselten Protagonisten einen stärkeren Affekt aus als LA BANDA DEL GOBBO, der dafür aber runder und emotionaler ist. Was beide teilen ist ihr Hauptdarsteller, der auf dem absoluten Gipfel seiner Kunst zu sehen ist. Tomas Milian erweckt hier die beiden denkbar unterschiedlichen Zwillinge zum Leben: Vincenzo ist die ernstere Figur, ein intelligenter, nicht unsympathischer Mann, der die Verlogenheit und Ungerechtigkeit der italienischen Gesellschaft genau durchschaut hat und letztlich einfach das Pech hatte, auf der falschen Seite geboren worden zu sein. Zum Revoluzzer fehlt ihm der nötige Idealismus, also arbeitet er lieber nur auf eigene Rechnung. Er hat mehrere tolle Szenen: Am ehesten im Gedächtnis bleibt sein Auftritt in einer von der feinen Gesellschaft frequentierten Nobeldisco, in die er sich Zutritt verschafft, um seiner Freundin einen schönen Abend zu machen. Als er von den Anwesenden für seinen etwas ungeschickten Tanz hemmungslos ausgelacht wird, dreht er den Spieß um und hält eine flammende Rede, die nicht wenig an Tony Montanas „You need people like me“-Monolog in SCARFACE (beide Versionen) erinnert. Um den reichen Herrschaften einen mitzugeben für ihre Niedertracht, beraubt er sie nicht nur an Ort und Stelle, er verabreicht ihnen auch eine Ladung Abführmittel. Aber noch beeindruckender ist eine eher leise, unwichtige Szene: Maria hat von ihm den Auftrag bekommen, bei seinem Kumpel Carmine (Nello Pazzafini) eine Waffe für ihn zu besorgen, doch sie kann nicht zu ihm, weil der bereits unter heftiger Polizeibewachung steht. Um nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen, besorgt sie Vincenzo in einem Geschäft eine Gaspistole – mit der er natürlich nichts anfangen kann. Er schaut auf den Karton mit der Waffe, dann auf sie, und man erwartet eigentlich einen Ausbruch, darauf, dass der italienische Macho seiner Frau für ihre Dummheit eine reinhaut. Stattdessen nimmt er sie auf seinen Schoß, umarmt und küsst sie zärtlich. Es ist ein absolut rührender Moment. Dass sie keinen echten Begriff davon hat, in welcher Welt er sich bewegt, ist für ihn kein Makel, sondern im Gegenteil absolut bewahrenswert. Man merkt in LA BANDA DEL GOBBO immer wieder, dass Vincenzo kein Verbrecher aus Leidenschaft, sondern aus Not ist. Zu gern würde er dieser Welt entfliehen. Aber er kann nicht.

Monezza ist hingegen eine von Milians komischen Rollen, gewissermaßen das kleinkriminelle Gegenstück zu seinem Polizisten Nico Giraldi, den er insgesamt elf Mal verkörperte. Im Blaumann, mit Turnschuhen und Afrofrisur ist Monezza das römische Schlitzohr, der ewige Loser und Gebeutelte, der den Tiefschlägen des Lebens aber immer mit einem gewissen Humor und einem lockeren Spruch auf den Lippen begegnet. „An dem Tag, an dem Scheiße zu Gold wird, werden die Armen ohne Ärsche geboren“, sagt er zu Beginn und liefert damit so etwas wie den Leitspruch zu Lenzis Film. Er übernimmt aber nicht nur die rein strukturelle Funktion, den harschen Ton von LA BANDA DEL GOBBO aufzubrechen, er trägt auch dazu bei, Vincenzo weiter zu vermenschlichen. „Familie“ spielt eine nicht unwichtige Rolle in Lenzis Film. Immer wieder erinnern sich die beiden Brüder an ihre Mutter, zitieren ihre Lebensweisheiten. Ihre bedingungslose Freundschaft zueinander ist ihnen in die Wiege gelegt worden und bei allem, was sie tun, denken sie an den anderen. Monezza tut alles für den zehn Minuten älteren Bruder und er tut das, ohne Fragen zu stellen. Einmal frisst er sogar Zigaretten, um bei den Polizisten keine Aussage über den Verbleib des Bruders machen zu können. Die sich anschließende Episode um seine Einlieferung in eine Heilanstalt – einen langhaarigen Zivilpolizisten hält er im Fieber für Jesus – hat eher tangentiale Bedeutung für die Handlung, scheint vor allem dazu da zu sein, Monezza mehr Raum zu bieten. Aber das lohnt sich, denn wir verdanken ihr die urkomische Szene, in der der behandelnde Psychiater ein Assoziationsspiel mit Monezza spielt. Auf Nennung eines beiebigen Wortes solle der den ersten Begriff sagen, derihm in den Sinn komme. Das tut der vulgäre und hemmungslos ehrliche Monezza und sagt immer wieder „Fotze“, was dem Arzt willkommener Anlass ist, ihn für paranoid zu erklären.

Ihr merkt, ich gerate ins ziellose Erzählen und Schwärmen, wenn es um LA BANDA DEL GOBBO geht. Tatsächlich verbindet mich mit diesem Film eine innige Beziehung und er hat viel damit zu tun, dass ich das italienische Kino vor 20 Jahren in mein Herz schloss. Das Wiedersehen nach vielen,vielen Jahren war wunderbar: Es hat lange gedauert, bis LA BANDA DEL GOBBO in einer verständlichen Fassung digital zur Verfügung stand. Eine DVD wurde immer mal wieder angekündigt, nur um dann doch nicht zu erscheinen. Die Videokassette, die ich mal für 3,95 DM in einer Videothek abstaubte (zusammen mit Lenzis DER BERSERKER und DIE VIPER: Es war ein güldener Tag.), habe ich immer noch, aber einen funktionstüchtigen Player besitze ich schon seit Jahren nicht mehr. Das Warten hat sich gelohnt: LA BANDA DEL GOBBO ist wunderbar, unglaublich packend, dabei viel facettenreicher und wärmer, als ich ihn in Erinnerung hatte, und die DVD von filmart lässt keinerlei Wünsche offen. In satten, leuchtenden Farben erstrahlt er in der Qualität, die er verdient und Franco Micalizzis treibende Beats pumpen kraftvoll aus den Boxen. Vincenzo und Monezza mögen nicht unbedingt die Menschen sein, die ich im echten Leben als Freunde haben möchte: Aber in den 90 Minuten, die dieser Film dauert, werden sie auch zu meinen Brüdern.

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Das „Am Tag an dem Scheiße zu Gold wird…“ sowie der herrliche psychologische Schlagabtausch mit dem Doktore („Du und deine Mut…äh…deine Frau…diese läufige Hündin…diese lahme Feige!“) haben den Film für mich bereits nach Erstsichtung unsterblich werden lassen. Wunderbar.

  2. Faniel Dranz sagt:

    Der Berserker allerdings ist dann wieder ein ganz anderer…wesentlich schmerzvollerer Stiefel.

  3. Sascha sagt:

    Hört sich super an! Nach deinem Schwärmen muss ich La Banda del Gobbo jetzt unbedingt sehen. Jetzt! Sofort!!

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