parapsycho – spektrum der angst (peter patzak, deutschland/österreich 1975)

Veröffentlicht: März 5, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Drei Episoden, die sich mit übersinnlichen Phänomenen beschäftigen: REINKARNATION handelt von einem Reisenden (Helmut Förnbacher), der wie von Geisterhand geführt zu einem leerstehenden Schloss kommt und dort mit einer Frau (Marisa Mell), die eigentlich bereits vor 35 Jahren verstorben ist, eine Liebesnacht verbringt. METEMPSYCHOSE erzählt die Geschichte eines Universitätsprofessors (William Berger), der ein Verhältnis mit einer Studentin (Mascha Gonska) hat und seine Frau so in den Suizid treibt. Zwischen seiner Geliebten und seiner Tochter entsteht daraufhin eine verhängnisvolle Bindung, die zur Katastrophe führt, als die Studentin sich ebenfalls umbringt. TELEPATHIE schließlich widmet sich dem übersinnlichen Treiben eines Künstlers (Matthieu Carrière), der eine frisch verheiratete Frau mithilfe seiner Fähigkeiten in seine Gewalt bringt.

PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST beginnt mit dem Blick auf ein leeres Blatt, auf das eine ratternde Schreibmaschine die Credits hämmert. Danach wird dem Betrachter in derselben Form kurz der Rahmen für die drei folgenden Kurzgeschichten dargelegt. Wie viele Menschen glauben an übersinnliche Phänomene, wie viele behaupten, schon einmal entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben? Welche Experimente wurden durchgeführt, um dies herauszufinden, welche Phänomene wurden beobachtet? Bei dem Stichwort „Massenpsychose“ wird vom Blatt auf Archivaufnahmen eines Fußballspiels geschnitten, dessen Ton als Radiokommentar dann auch in die erste Episode des Films hineinblutet. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt ist die stilistische Marschroute von Patzaks zweitem Spielfilm klar: Er bewegt sich irgendwo zwischen dem (pseudo)wissenschaftlichen Duktus der zu jener Zeit gerade abebbenden REPORT-Filme, dem leicht warnenden, angstschürenden Charakter von Fernsehformaten wie „Aktenzeichen XY ungelöst“ und dem experimentellen deutschsprachigen Autorenfilm. Als lupenreiner Horrorfilm im herkömmlichen Sinne ist PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST nur bedingt zu gebrauchen: Zu wenig ist Patzak an Suspense und Schocks interessiert, zu wenig an klassisch erzählerischer Dramaturgie oder an psychologisch glaubwürdig ausgeformten Charakteren. Trotzdem ist ihm ein herausragend unangenehmer und bizarrer Film gelungen, der umso tiefer trifft, als er sich eben diesen  herkömmlichen Handlungsmustern und Motiven verweigert. Seine verheerende Wirkung – ich merkte gestern nach dem Film auf dem dunklen Flur, wie sich mir plötzlich ohne besonderen Anlass die Nackenhaare aufrichteten und der Fluchttrieb mir befahl, mich schnell unter meine Bettdecke zu verkriechen –  entfaltet er fast ausschließlich über die formale Gestaltung, der sich aus dieser ergebenden fremdartigen Atmosphäre und dem seltsamen Ton, den er anschlägt und der sich kaum adäquat beschreiben lässt.

PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST ist ein kalter, aggressiv abstoßender statt einladender Film. Seine Figuren sagen nur wenig, scheinen alle entfremdet von ihrer unmittelbaren Umwelt, krampfhaft bemüht, Normalität vorzugaukeln, die gar nicht mehr da ist. Sie bewegen sich vorsichtig, gehemmt, als seien sie nicht mehr ganz Herr ihrer Körper, als würden sie ferngesteuert. Keinen von ihnen möchte man als „sympathisch“ bezeichnen. Die Räume, in denen sie sich eingerichtet haben, sind entweder dunkel und niederdrückend oder karg und klinisch, und sie wirken darin wie deplatzierte Einrichtungsgegenstände. Beziehungen existieren auf dem Papier oder bestenfalls als Ideen, aber eine echte Bindung spürt man zwischen den Figuren nicht. Diese Beziehungslosigkeit oder sogar -unfähigkeit steht dann auch im Zentrum aller drei Episoden, was die berechtigte Frage aufwirft, inwieweit sie tatsächlich von paranormalen Phänomenen handeln: Der männliche Protagonist aus Episode 1 sucht förmlich nach dem amourösen Erlebnis außerhalb der Ehe, findet mehr Liebe bei einem Geist als bei seiner Gattin, der er nach seiner Heimkehr nur einsilbige Floskeln als Begründung für seine Verspätung anbietet. Der Professor aus Episode 2 lässt es sich mit seiner 20 Jahre jüngeren Geliebten gutgehen, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken, und gibt ihr mitleidlos den Laufpass, als er merkt, was er angerichtet hat. Besonders augenfällig wird die frappierende Abwesenheit jeder Liebe in Episode 3, die nicht nur ein fürchterlich desillusionierendes Ehepaar aufbietet, sondern auch einen Mann, der Frauen versklaven muss, um sie für sich zu gewinnen. PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST zeichnet eine Welt, die ihre Bewohner längst nicht mehr begreifen. Sie spielen das Spiel nach den Regeln, die sie irgendwann einmal gelernt haben, aber ohne jede Überzeugungskraft. Die meisten von ihnen scheinen nur noch körperlich anwesend, während ihr Geist irgendwo in den Wolken schwebt, verzweifelt nach dem verloren gegangenen Sinn suchend. So werden die „übersinnlichen Phänomene“, die Patzak zu behandeln vorgibt, zu Bildern, die den gewissermaßen „unsichtbaren“ Zustand ihrer Entfremdung greifbar machen, illustrieren und herausschälen.

Das allein machte PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST nun noch nicht zu einem unheimlichen Film. Aber in Verbindung dieser inhaltlichen Ausrichtung mit Musik, Ton, Bild, Schnitt, Schauspiel und Set-Design entfaltet Patzaks Film seine ganze verheerende Kraft. Der aus heutiger Sicht retrofuturistische Score von Manuel Rigoni und Richard Schönherz, der irgendwo zwischen Krautrock, Beatmusik und früher Elektronikmusik oszilliert, akzentuiert ebenso wie die gruseligen Settings im Seventies-Chic das künstliche, synthetische, fremde und menschenfeindliche Moment des Films, die Darsteller ergänzen mit ihrem artifiziellen, unterkühlten Spiel und ihren sparsamen, ruhig vorgetragenen Dialogzeilen die auf Dissoziation zielende Arbeit von Kamera und Schnitt, und plötzliche, den ruhigen, fast schlafwandlerischen Rhythmus aufbrechende und umso heftiger wirkende expressive Stilelemente wie Zeitlupen, Freeze Frames oder schonungslos dokumentarische Bilder von einer Autopsie stellen eine brodelnde Quelle der Verunsicherung dar. Man weiß nie, wohin die Reise gehen wird, und so zittert man bald nicht mehr so sehr um die Protagonisten, sondern beginnt vielmehr, sich vor dem Film selbst zu fürchten, der wie das Werk eines bösartigen Roboters wirkt.

Definitiv kein leichter Film und für Menschen auf der Suche nach schotigem Eurotrash und -sleaze zum Ablachen, Beklatschen, Bejohlen oder sonstwie Abfeiern, dürfte er eher einer Rosskur gleichkommen. Patzaks Film ist zwar höchst seltsam, aber eben in einem tatsächlich sehr eigenwilligen Sinne und nicht in einem, der durch Begriffe wie „Psychotronik“ schon wieder abgezäunt und abgesichert worden ist. Seine Melange aus hüftsteifem Autorenkino, verhaltener Exploitation und dieser bundesdeutschen Seventies-Tristesse, die etwa auch die frühen DERRICK-Jahrgänge auszeichnet – und für die das Hofbauer-Kommando den schönen Begriff „Trunst“ geprägt hat, dürfte im deutschsprachigen Kino annähernd einzigartig sein. Bei mir hat PARAPSYCHO – SPEKTRUM DER ANGST voll funktioniert und mich auf eine Art und Weise berührt, wie das zuletzt keinem anderen Film gelungen ist. Abstoßend schön.

EDIT: 05.03.2014, 20:39 Uhr. Letzten Absatz überarbeitet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.