blau blüht der enzian (franz antel, deutschland 1973)

Veröffentlicht: März 8, 2014 in Film
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blau_blueht_der_enzianBLAU BLÜHT DER ENZIAN ist die Vorwegnahme von FRIDAY THE 13TH mit den Mitteln des deutschen Lustspiels: Kitzbühel ersetzt Camp Crystal Lake, Ilja Richter, Sascha Hehn, Jutta Speidel, Hansi Kraus & Co. sind die obligatorischen Teens, der cholerische, misanthropische Millionär Morton (Heinrich Schweiger) ist Jason, Schlagerbeiträge von Bata Illic („Michaela“ und „Solange ich lebe“), Jürgen Marcus („Ein Festival der Liebe“), Chris Andrews („Sugar Daddy“), Nicki („Yuppididu„) und Wir („David und Goliath“) sind das Äquivalent zu den blutigen Splatter-Nummern, Heinos Wiederholungen im Titelsong – „blau, blau, blau“ und „ro-ro-ro“ – entsprechen dem berühmten „ki-ki-ki, ma-ma-ma“ von Harry Manfredinis Score und das Opfer sind der Zuschauer und Humor.

Der Vergleich ist natürlich Quatsch, aber was diese in den frühen Siebzigerjahren am Fließband gerfertigten deutschen Schlagerklamotten mit dem einige Jahre später in den USA entstandenen Slasherfiilm tatsächlich eint, ist die sich nicht um lausige Logik scherende Zielstrebigkeit, mit der beide zur jeweiligen Sache kommen. BLAU BLÜHT DER ENZIAN wird von einer notdürftigen „Handlung“ zusammengehalten, die einzig dazu dient, die Musiknummern damals populärer Stars und die üblichen Zoten anzustoßen. Antels Film „erzählt“ von ein paar Jugendlichen, die sich in den Ferien in der leerstehenden Hotelfachschule in Kitzbühel einfinden, um dort Urlaub zu machen. Einige von ihnen (Ilja Richter, Jutta Speidel) lernen dort, andere kommen aus dem fernen München zu Besuch (Hansi Kraus, Sascha Hehn). Die Aufsicht über das Gebäude hat Lilo (Catherina Conti), die Nichte des Hausmeisters Haselmeier (Hans Terofal), und der passiert das undenkbare Missgeschick, mit dem das ganze Elend anfängt: Beim Befüllen des Kohleofens weht ein Windstoß einen Umschlag mit 15.000 DM in die Glut, der dem strengen Direktor Ponelli (Jacques Herlin) gehört und den ihr der Onkel zum Aufpassen überlassen hatte. Nun gilt es, den verloren gegangenen Betrag innerhalb von zwei Wochen zu erwirtschaften, um der armen Lilo aus der Patsche zu helfen. Zum Glück hat der schwerreiche Unternehmer Morton, ein unfreundlicher, nie zufrieden zu stellender Kotzbrocken, soeben aus dem benachbarten Hotel ausgecheckt und ist mit seinem Gefolge (u. a. Ellen Umlauf & Eddi Arendt) auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Er landet in der Schule deren jugendlichen Bewohner ihm nun für einen Obolus von 1.000 DM am Tag Hotel vorspielen. Außerdem plant der angehende Musikmanager Stefan (Hansi Kraus) eine große Party, bei der die zahlreichen musikalischen Talente Kitzbühels auftreten und so weiteres Geld in die Kasse spülen sollen. Zum Glück wohnen die oben genannten Schlagerstars alle in dem kleinen Wintersport-Örtchen und halten gern mal ein perfekt instrumentiertes Ständchen am Telefon (Jürgen Marcus), um Stefan von ihrer Eignung für das Festival zu überzeugen.

Es ist natürlich müßig, bei einem Film wie diesem über verpasste Chancen zu reden, aber eigentlich hätte man aus dieser Prämisse eine brauchbare Komödie machen können. Immerhin fuhren in den Achtzigern Dutzende von US-Teeniekomödien mit sehr ähnlich gelagerten Underdog-Geschichten ganz gut. Aber in BLAU BLÜHT DER ENZIAN geht kurz, nachdem die Exposition absolviert ist, alles durcheinander. Da muss dann der trottelige Haselmeier den reichen Geschäftsmann geben, mit dem sich Morton eigentlich treffen will, Ilja Richter in die Rolle von Direktor Ponelli schlüpfen und Stefans Konzert interessiert bald keine Sau mehr. Eine besonders sinnlose Episode dreht sich um eine aus der deutschen Komödie nicht wegzudenkende Koffervertauschung: So steht der Hobbyzauberer Haselmeier bei seinem Auftritt plötzlich mit den Akten Mortons auf der Bühne, während der Geschäftsmann aus Haselmeiers Zauberkoffer nassgespritzt wird, alberne Papierblumen, Miniexposionen und fliegende Tauben bestaunen muss. Ein Riesengag, den man nie wieder vergisst. Oder so ähnlich. Am Ende gibt es – wie schon in TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE – eine Skisequenz mit den widerwillig auf den Brettern gelandeten Richter und Terofal, die ein einsamer „Höhepunkt“ ist. Und bei der finalen Konfrontation mit Ponelli taucht dann das anscheinend verbrannte Geld einfach wieder auf und Morton engagiert Stefan, weil der so ein cleveres Kerlchen ist.

Zuerst habe ich gedacht, BLAU BLÜHT DER ENZIAN sei eine Nummer besser zu ertragen als die zuletzt durchlittenen TOLLETANTENFilme, aber das war ein mehr als naiver Trugschluss. Antels Film ist etwas weniger hysterisch, aber das macht ihn nicht besser, sondern lediglich langweiliger. Die Nervtötung erfolgt hier also nicht durch Überreizung, sondern durch Unterstimulation. Und wenn man dann wehrlos daliegt, dann kommt Heino. Seine Darbietung von seinem Megahit „Blau blüht der Enzian“ mit vier Perlen, die er auf einer Almhütte abgegriffen hat, ist einfach nur gruselig. Womit wir wieder am Anfang wären. Ki-ki-ki, ma-ma-ma …

 

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Schreiben Sie eigentlich für Hard Sensation? Seinerzeit war ja geplant, dass Sie dort zumindest einmal im Monat aktiv werden würden.

    Beste Grüße

    • Oliver sagt:

      Ja, das ist richtig, geplant war das. Das Leben hat dazwischen gegrätscht und ich habe etwas die Lust und Energie verloren, mich so regelmäßig zum Actionfilm auszulassen.

  2. Chrisch sagt:

    Danke für die Info!

    Aber wirklich sehr schade. Ihr damaliger Blog „Sauft Benzin,…“ sowie die Artikel auf Hard Sensations waren immer ein kleines Highlight, da sie dem Actionfilm mit einer selten erlebten, aber meines Erachtens nach durchaus gebotenen Ernsthaftigkeit entgegentraten.

    Würde sehr gerne mal wieder Kritiken zu Actionfilmen von Ihnen lesen. Zu Filmen wie „The Tournament“, „McBain“ oder „Olympus Has Fallen“ wäre eine Kritik von Ihnen sicher mehr als erhellend.

    Beste Grüße

    • Oliver sagt:

      Hallo Chrisch,

      zunächst mal: Können wir uns auf das „Du“ einigen? Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, hier gesiezt zu werden und finde das ein bisschen unpraktisch. 🙂

      Vielen Dank für die Blumen. Ich habe dem Actionkino ja nicht abgeschworen und wenn mich ein Film so sehr interessiert, dass ich ihn mir anschaue, dann schreibe ich auch einen Text darüber. Ich habe aber das Gefühl, damals eigentlich alles gesagt zu haben, weswegen mir die intensive Beschäftigung, die damals Grundlage für die Arbeit bei „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde!“ war, heute etwas fruchtlos erscheint. Dass mir der Partner fehlt, mit dem ich mich „streiten“ könnte wie damals mit dem Außenseiter spielt sicherlich auch eine Rolle. Ich weiß halt, was ich denke, da birgt so eine Tiefenexegese für mich selbst einfach zu wenig Überraschungen.

      Zu McBAIN habe ich übrigens auf Hard Sensations geschrieben, in meinem Artikel über Actionfilme, die in Südamerika spielen.

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