missing in action (joseph zito, usa 1984)

Veröffentlicht: März 15, 2014 in Film
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Ein Jahr, nachdem der Vietnamveteran James Braddock (Chuck Norris) aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrt ist, tobt in seiner Heimat die Debatte um den Verbleib weiterer vermisster Soldaten. Weil die Politiker seiner Meinung nach jedoch gar kein echtes Interesse haben, diese Männer zu finden und nach Hause zu holen, ergreift er die Initiative: Ein diplomatisches Treffen mit den Nordvietnamesen nutzt er, um sich die nötigen Informationen mit Gewalt zu beschaffen. Mithilfe seines Kumpels Jack Tucker (M. Emmet Walsh) dringt er von Thailand aus nach Vietnam ein, haut die amerikanischen POWs im Alleingang raus und bringt sie just in dem Moment nach Hanoi, als der nordvietnamesische General vor den Augen der versammelten Weltpresse die Existenz jeglicher Kriegsgefangener im eigenen Land abstreitet.

MISSING IN ACTION war seinerzeit in den USA ein Riesenhit, spielte ca. das Zehnfache seines Budgets wieder ein und blieb bis zum Schluss einer der größten Erfolge der überaus produktiven Cannon Group der Israelis Menahem Golan und Yoram Globus. Die beiden hatten das Potenzial des brisanten Thema erkannt, das ja nicht zuletzt Präsident Reagan auf seine Fahnen geschrieben hatte, und wussten, dass sie schnell reagieren mussten, bevor ein anderer denselben Einfall haben würde. Der zur selben Zeit gedrehte MISSING IN ACTION 2: THE BEGINNING, der eigentlich die Trilogie eröffnen sollte, wurde zurückgestellt, und somit erschien MISSING IN ACTION noch ein Jahr vor dem ungleich aufwändigeren RAMBO: FIRST BLOOD PART II. (Der noch zuvor entstandene UNCOMMON VALOR hinterließ keinen größeren Eindruck beim Publikum, in Kürze mehr dazu.) Inhaltlich muss MISSING IN ACTION natürlich als überaus kontrovers bezeichnet werden: Wie auch Stallones Film gilt er heute als typisch für die Politik unter Reagan, dem kein Trick zu schäbig war, die geknickte Nation, an deren Spitze er stand, wieder aufzurichten. Das Thema „Kriegsgefangene in Vietnam“ wurde medial massiv aufgebauscht, brachte am Ende aber nicht die gewünschten Ergebnisse. Es muss vermutet werden, dass jene 2.500 vermissten US-Soldaten schlicht Gefallene waren. Sowohl MISSING IN ACTION wie auch RAMBO: FIRST BLOOD PART II ziehen alle quasi-propagandistischen Register, verfolgen die Strategie, dem Publikum sowohl ein griffiges Feindbild wie auch ein Stück Hoffnung zu geben. Dass es diese Kriegsgefangenen geben musste, daran besteht in beiden Filmen nie der leiseste Zweifel – und das Wissen wird dann ja auch bestätigt.

Was die Ideologiekritik, die diese Filme verständlicherweise provozierten, jedoch regelmäßig übersah: Mehr als als aktive Politik lassen sie sich als verzweifelte Trauerarbeit lesen. In MISSING IN ACTION wird das meines Erachtens nach noch deutlicher als im größeren, spektakuläreren RAMBO-Sequel. Zitos Film beginnt mit Rückblenden, Erinnerungen Braddocks an das Schlachtgetümmel in Vietnam, erlittene Grausamkeiten, verlorene Kameraden, und blendet auf den in der Gegenwart auf seinem Bett liegenden Veteranen, der gedankenverloren ins Leere starrt (die Szene erinnert an den Auftakt von APOCALYPSE NOW). Er wird den Krieg nicht los, auch nicht die Gedanken an die möglicherweise noch lebenden Freunde, und das Fernsehen ist voll mit Beiträgen über POWs. Er muss etwas unternehmen, also nimmt er die eigentlich schon mehrfach abgelehnte Einladung zu einem diplomatischen Treffen in Nordvietnam wahr. Dort wirft er jede falsche Höflichkeit über Bord, tritt den Offiziellen mit unverhohlener Verachtung gegenüber, setzt erst gar keine Hoffnungen in „Verhandlungen“. Abends nutzt er eine Gala, um aus dem streng bewachten Hotel aus- und bei dem nordvietnamesischen General Trau (James Hong) einzubrechen. Mit Waffengewalt presst er den Standort des Gefangenenlagers aus ihm heraus, bringt ihn schließlich um und kehrt unbemerkt ins Hotel zurück, wo man ihm nichts nachweisen kann. Nun widmet er sich den Vorbereitungen für seine Mini-Invasion, die er mit größter Effizienz und ohne eine Miene zu verziehen durchführt. Es wird nicht explizit gesagt, aber der Betrachter kann kaum zu einem anderen Schluss kommen, als diesen Braddock für einen schwerst angeschlagenen Psychopathen zu halten, dessen Besessenheit sich durch die Realität nicht begrenzen lässt. Die Nordvietnamesen sind immer noch der Feind, werden diese Rolle in Braddocks Lebenszeit wahrscheinlich auch nicht mehr los. Der Veteran steht ihnen nicht als besonnener Zivilist gegenüber: Für ihn ist der Krieg nie beendet worden. Und er wird sein Ende auch nicht finden, wenn Braddock nicht seiner inneren Stimme folgt.

Anders als seine Kollegen inszeniert Joseph Zito seinen Actionfilm trotz des patriotischen Befreiungsschlags, mit dem dieser endet, ohne den großen emotionalen Überschwang, ohne Euphorie. MISSING IN ACTION ist, seinem Sujet durchaus angemessen, einer der düstersten Genrebeiträge seines Jahrzehnts. Chuck Norris, sonst der stoische Fels in der um ihn tosenden Brandung seiner Filme, wirkt hier absolut prägend: Es ist, als sei der ganze Film eine Verlängerung seines Braddock, ein grober, schroffer Klotz, der alles niederdrückt. Da drängt sich der interpretatorische Wurf, MISSING IN ACTION als Imagination seines Helden zu sehen, geradezu auf. Er agiert in seiner Fantasie das aus, was seine Nation träumte, um sich nicht mit der bitteren Realität abfinden zu müssen.

Der Text, den ich damals mit dem Außenseiter auf „Sauft Benzin, ihr Himmelhunde!“ veröffentlicht habe, halte ich immer noch für lesenswert. Klick hier.

Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    „Der Text, den ich damals mit dem Außenseiter auf “Sauft Benzin, ihr Himmelhunde!” veröffentlicht habe, halte ich immer noch für lesenswert“

    Och, sind da nicht alle noch lesenswert? Oder gibt es vielleicht ein, zwei Texte mit denen du heute völlig unzufrieden bist? Würde mich doch glatt interessieren ;D

    greetz

    • Oliver sagt:

      Ach, keine Ahnung. Ich lese die auch eigentlich nicht mehr. Damals war ich grundsätzlich mit allen zufrieden, aber vielleicht würde ich heute bei den frühen Einträgen, bei denen wir noch in der Findungsphase waren, Abstriche machen.

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