der satan lockt mit liebe (rudolf jugert, deutschland/frankreich 1960)

Veröffentlicht: März 18, 2014 in Film
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Carlos (Ivan Desny) ist aus dem Gefängnis ausgebrochen, kann sich aber in einen Zug stehlen, der in eine nicht näher genannte, vielleicht französische Hafenstadt (Marseille?) fährt. In dem Abteil, das er sich ausssucht, kommt er ins Gespräch mit dem jungen, verträumten Robert (Joachim Hansen), einem Bankangestellten, der nun davon träumt, aus seinem Leben auszubrechen und ferne Länder zu bereisen. In Roberts Brieftasche, das hat Carlos neugierig zur Kenntnis genommen, steckt ein dickes Bündel Geld. Am Ziel ihrer Reise angekommen trennen sich die beiden, nicht jedoch ohne sich für Mitternacht in der „Colibri-Bar“ verabredet zu haben. Carlos ahnt, dass ihm Roberts Geld noch hilfreich sein könnte. Zunächst muss er aber der Polizei entwischen, die bereits den Bahnhof nach ihm absucht. Es gelingt ihm, zu entwischen und sich im Hafen auf der „Lolita“ zu verstecken, dem Schiff des befreundeten Kapitän Philipp (Heinz Engelmann), der ihn nach Australien bringen soll.

Unterdessen trifft der ziellos im Regen umherirrende Robert auf die schöne Evelyn (Belinda Lee), mit der er sich ein Taxi teilt. Der junge Mann ist sofort hingerissen von der sinnlichen Dame und beginnt ihr großäugige, unverblümte Avancen zu machen wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal verliebt ist. Als sich die beiden während einer Reifenpanne in einem kleinen, schäbigen Kiosk unterstellen, plant er schon die gemeinsame Zukunft mit ihr. Evelyn, die auf dem Weg zu ihrem Liebhaber Carlos ist, hat nur wenig Verständnis für solch überbordende Romantik und gibt sich alle Mühe, den Überschwang Roberts zu bremsen. Doch der hat nur noch sie im Sinn. Am Hafen trennen sich die beiden, Evelyn besteigt die „Lolita“, um Carlos zu treffen, der im Innersten getroffene, liebesversehrte Robert geht seines eigenen Weges. Bis zu seiner Verabredung in der „Colibri-Bar“ ist noch ein wenig Zeit.

Auf dem Schiff ist derweil die Besatzung hinter das Geheimnis des neuen Passagiers gekommen. Die Männer sehen ihre Chance, sich das Gehalt aufzubessern, indem sie Carlos und den Kapitän erpressen: Für 20.000 Dollar garantieren sie ihre Verschwiegenheit, ansonsten verpfeifen sie Carlos und mit ihm auch den Kapitän bei der Polizei. Carlos fällt wieder seine Reisebekanntschaft und dessen prall gefüllte Brieftasche ein. Er beauftragt Evelyn, ihrerseits Sängerin in der „Colibri-Bar“, an ihrem Arbeitsplatz um Mitternacht nach Robert Ausschau zu halten, ihn zu verführen und ihm irgendwie das Geld abzunehmen. Die ist zwar wenig begeistert, erkennt zudem, dass Carlos sie behandelt wie seinen Besitz, willigt aber ein. Beide ahnen natürlich nicht, dass Evelyn und Robert sich längst begegnet sind.

Als Robert wie verabredet erscheint, gibt ihm Evelyn mit ihrer erotischen Sangesdarbietung endgültig den Rest. Er sucht sie in ihrer Garderobe auf, um ihr erneut seine Liebe zu gestehen und ihr anzubieten, mit ihm die Welt zu bereisen. Evelyn weiß noch nicht, dass dieser junge Mann eben jener Robert ist, der das rettende Geld besitzt, versucht ihn nur schnellstmöglich loszuwerden. Schließlich erkennt sie ihn an dem Ring, den ihr Carlos beschrieben hatte, und nimmt ihn mit zu sich. Langsam beginnen Roberts Enthusiasmus, seine Ergebenheit und Güte, die im krassen Gegensatz zu Carlos‘ brutalem Egoismus stehen, bei ihr Wirkung zu zeigen. Ernsthaft denkt sie über seinen Vorschlag nach. Weg von hier, zusammen mit einem Mann, der sie auf Händen trägt, statt einem, der sie mit einem anderen ins Bett treibt, um ihn auszurauben, erscheint plötzlich wie ein guter Plan.  Doch als er nach einem Schäferstündchen entschlummert, greift sie sich doch sein Geld und übergibt es dem Kapitän, der damit sich und Carlos freikaufen soll. Gewissensbisse beginnen schon nach kurzer Zeit an Evelyn zu nagen: Sie hat nämlich herausgefunden, dass Robert mitnichten reich ist, sondern das Geld nur gestohlen hat, um sich damit seinen Traum zu erfüllen. Wenn er das Geld nicht zurückzahlt, ist ihm der Weg in die Normalität für immer versperrt, wird er wahrscheinlich enden wie Carlos. Also sucht sie den Kapitän auf und bittet ihn, ihr das Geld zurückzugeben. Er, altersweise und von einem Leben am Rande der Illegalität ermüdet, darauf wartend, endlich einmal etwas wirklich Gutes zu tun, folgt ihrer Bitte und leitet damit die finalen Turbulenzen ein, an deren Ende Robert einer Zukunft mit Evelyn freudig entgegenschauend in seine Heimat zurückreist, um das gestohlene Geld zurückzugeben, während seine Geliebte außerhalb seines Blickfelds von einer Kugel aus Carlos‘ Waffe getroffen tot zusammensackt.

Filme, die ausschließlich in einer einzigen Nacht spielen, zählen regelmäßig zu den größten Geschenken, die das Kino uns macht. Die allgegenwärtige Dunkelheit auf der Leinwand verbindet sich mit der im Saal, Film und Raum verschmelzen zu einer Einheit, die Grenze zwischen beiden wird unsichtbar, durchlässig, der Film streckt seine Hände aus und zieht den Betrachter an und in sich. DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist dann auch filmgewordener Traum, weniger geprägt durch das Bemühen um Authentizität, die nachvollziehbare Etablierung von Zeit und Raum oder psychologisch ausgefeilte Charaktere und Handlungen. Die Welt, die Jugert da auf die Leinwand malt, existiert nur für den Film, ja der Film und die Welt, die er abbildet, sind eins und seine Bewohner nur ihr menschlicher Ausdruck. In dieser einen Nacht wird über alles entschieden, gibt es am Ende keine Offenheit mehr, keine Ungewissheit, kein Vielleicht: Wenn Robert nach Hause und in die Zukunft fährt, dann verlässt er auch den Film, der sich danach in Erinnerung auflöst wie ein nicht mehr in allen Details greifbarer, nur noch als emotionaler Nachhall im Unterbewusstsein existierender Traum. Aber dieser Nachhall wiegt schwerer als alles Feste, Faktische. Die Liebe zwischen Robert und Evelyn sie lässt sich in der Realität nicht denken, aber in DER SATAN LOCKT MIT LIEBE ist sie das einzig Wahre, der einzige Weg, der aus dieser Nacht hinaus- und in ein sonniges Morgen führt, weg von dem gemeinen Carlos, der immer nur auf der Flucht sein, aber nie irgendwo ankommen wird, weg von Philipp und seiner „Lolita“, die immer dort im Hafen liegen, aber nie ablegen werden, weg von der „Colibri-Bar“ mit ihren leeren Gästen ohne Gesichter und Geschichten, weg aus dieser Stadt der ewigen Nacht, durch deren Straßen Polizisten wandeln wie Gesandte des Todes.

Die Musik, schwüler Lounge-Jazz, lockt mit verführerischen Klängen, lässt diese Nacht erstrebenswert erscheinen, suggeriert erotische Reize wie Evelyn bei ihren Auftritten, doch dahinter verbirgt sich nur Ernüchterung und verglimmende Hoffnung. Perspektive ist hier nicht mehr als das eigene Spiegelbild in einer langsam versickernden Regenpfütze oder der Blick aus Evelyns Fenster auf die funkelnden Lichter der Schiffe am Horizont, die auch nur Löcher in einer gewaltigen alles umspannenden Leinwand sein könnten. Um diese Nacht zu zerreißen und den nächsten Tag zu sehen, muss man das Undenkbare tun, einer wildfremden Frau die Welt zu Füßen legen und ihr die Zukunft versprechen. So wie Robert, dessen Offenherzigkeit ihm in der Realität sicher Ohrfeigen und Anzeigen wegen sexueller Belästigung einbrächten, hier aber den einzigen Ausweg weisen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt? Hätte sich Robert vielleicht besser von der ewigen Nacht verzaubern lassen sollen? Nein, denn das Dasein hier bedeutet den ewigen Stillstand. Es ist das Limbo, das sich eiskalt und lähmend um das Herz legt und langsam alles Leben tötet.

Rudolf Jugerts Film ist wahrscheinlich das bislang magischste Erlebnis meines noch jungen Filmjahres gewesen. Näher war das deutsche Kino dem Noir und seinen somnambul in einem nocturnen Zwischenreich irrenden Gestalten vielleicht noch nie. Wie wunderbar muss es sein, diesen Film auf einer Leinwand zu erleben, umgeben von sehnsuchtsvoll ins Licht blickenden Menschen. Aber wer weiß schon, was das Morgen bringt?

Kommentare
  1. Nachts auf den Straßen hattest du noch nicht gesehen, oder? Da gibt sich dann noch so eine kleine Kontextkette. Auch Noir, aber deutlich nachkriegsdeutscher.

    • Oliver sagt:

      Nein, den kenne ich nicht. Du meinst den mit Hans Albers? Vielleicht schaue ich ihn mir mal auf Youtube an, da ist er verfügbar. Danke für dden Tipp!

      • Ja, genau der. Zu dem muß es auch unbedingt noch eine VÖ geben. Keine Ahnung, warum es niemand macht. Da stimmt das Namedropping und der Inhalt…
        Interessant wäre es vielleicht noch, zuvor Die Sünderin zu schauen, weil der imho einen deutlichen Einfluß auf die Besetzung der Knef hatte. Wenn man nicht auf „den Skandal“ hofft, ist der auch ganz possierlich.
        Zur weiteren Verarbeitung könntest du vielleicht noch Detour (Ulmer) und Gas-Oil gebrauchen.

  2. kinotagebuch sagt:

    „Nachts auf den Straßen“ kann ich ebenfalls nur wärmstens empfehlen, wie auch Jugerts Nitribit-Adaption „Die Wahrheit über Rosemarie“. Überhaupt einer der interessantesten bundesdeutschen Nachkriegsregisseure …

    • Oliver sagt:

      Danke für deinen Kommentar! Habe schon viel Positives über Jugert gehört und werde demnächst seinen FRAUENARZT DR. SIBELIUS und DER MEINEIDBAUER schauen.

    • Rosemarie fand ich ganz nett, aber ich fand doch, daß man der Produktion einen gewissen Aktualitätszwang anmerkt. Da geht diese Liebe zum Medium Film flöten, die in den erwähnten Filmen so zwanglos durchscheint.

    • kinotagebuch sagt:

      Der „Aktualitätszwang“ bei Jugert erscheint mit nicht größer als bei Thiele, dessen Version ja noch ein ganzes Jahr aktueller war; ich finde im Gegensatz zum „Mädchen“ den Verzicht aufs Kabarett ganz angenehm, auch bringt Belinda Lee für mich mehr proletarischen Aufstiegswillen mit ins Spiel als Tiller. Na, wie auch immer … „Frauenarzt Dr. Sibelius“ hat ebenfalls seine spezifischen Qualitäten; und den „Meineidbauer“ muß ich nun auch endlich mal ansehen. Bin gespannt auf Deine Kommentare. 🙂 PS: Als grandioser Illustriertenroman sei noch „Ein Herz spielt falsch“ genannt.

  3. Sano Cestnik sagt:

    Deine letzten beiden Absätze beschreiben diesen völlig losgelöst konstruierten filimischen Kolportagetraum ungemein treffend Oliver. Wunderbar, danke dafür.

    Um deine Liste an Jugert-Empfehlungen noch länger zu machen (ja, auch ich finde Jugert ist ziemlich großartig): Sein lockeres Nachkriegs-Musik-Drama HALLO FRÄULEIN (1949) bietet nicht nur einen jungen Peter van Eyck, sondern auch die magische Margot Hielscher (Jugert hat ein Talent für seinen weiblichen Film-Gestalten), die sich zwischen van Eyck und Hans Söhnker entscheiden soll. Pures Kinoglück. Ebenso wie sein 1952 entstandener ILLUSION IN MOLL, in dem ein hermetisches Beziehungsgeflecht aus Verwandschaft, Verpflichtung und Vertrautheit alle Figuren aufs vortrefflichste ineinanderschlingen lässt, um Sybille Schmitz und Hildegard Knef in bizarrste emotionale Verstrickungen zu verweben, denen Hardy Krüger als das eigentliche Highlight des Films sprachlos beiwohnen darf. Noch mehr Kinomagie.

    Und mein liebster Jugert, der mich bei meiner ersten Sichtung wohl ähnlich bezaubert hat, wie dich der Satan: KENNWORT… REIHER (1964), über den ein deutscher Text von mir auf Eskalierende Träume steht, und ein englischsprachiger unter anderem in der Imdb.

  4. Na sieh mal an, wer sich gerade auf den gleichen Spuren der Filmjuwelen befindet. Grüßgrüß. Lustiger Zufall, dass du, Sano, auch gerade „Der Satan lockt mit Liebe“ eingeschmissen hattest. War’s auch Hans Schifferles SGE-Top Five 2014? Im Gegensatz zu euch bin ich aber Jugert-Skeptiker und hoffe jetzt noch ein bisschen mehr auf Christophs Tipp „Ich habe sie gut gekannt“.

    • Sano Cestnik sagt:

      Deine Antwort jetzt erst gesehen ^^

      Ne, ist purer Zufall, und im Zuge meiner Wolf C. Hartwig-Recherchen und Sichtungen einzuordnen. Dass Schifferle den Film in seiner Jahres-Top 5 hatte, hatte ich schon wieder vergessen. Adelt den Film aber natürlich.
      Habe die Meisten Jugerts bisher im Kino gesehen, und gleich mein erster, über den ich auch einen Text für Eskalierende Träume verfasst habe, hat mich damals weggeblasen. Von daher hatte ich bereits einen perfekten Einstieg in Jugerts Universum und bin bisher noch nicht enttäuscht worden.

      Ich habe sie gut gekannt, ist da was ganz anderes, aber ebenfalls ein großartiger Film. Und die junge Stefania Sandrelli könnte ich sowieso stundenlang auf der Leinwand beobachten.

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