die rechnung – eiskalt serviert (helmut ashley, deutschland/frankreich 1966)

Veröffentlicht: März 21, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

rechnung_eiskalt_serviert_dieVon Minute eins des vierten Jerry-Cotton-Films an ist klar, dass er den enttäuschenden Vorgänger UM NULL UHR SCHNAPPT DIE FALLE ZU um Längen übertreffen wird. Nach den immer wieder gern gesehenen New Yorker Straßenaufnahmen leitet ein Voice-over-Kommentator den folgenden Film bedeutungsschwanger ein: Alles begann, so erzählt die Stimme mit vollem Wissen über die Tragweite der folgenden Ereignisse, als Jerry Cotton eines Abends eine Bar aufsuchte, um „sich einen Whiskey on se rocks zu genehmigen“. Er konnte ja nicht ahnen, dass er infolgedessen in einen der größten Raubüberfälle der US-amerikanischen Geschichte verwickelt werden würde. Es ist gar nicht so entscheidend, dass dieser größte aller anzunehmenden Überfälle sich natürlich der vom klammen Geldbeutel der Produzenten diktierten Ästhetik und Logik der Filmserie anpasst – ja, da wird eine Menge Kohle aus einem Transport des New Yorker Schatzamtes geklaut, der Überfall vom gerissenen Charles Anderson (Horst Tappert) mit einigem Geschick und Know-how organisiert, dennoch muss man erstaunt sein, wie leicht ihm und seinen eher unterdurchschnittlich begabten Schergen das Ganze gemacht wird –, wichtiger ist dieser pulpig-sensationalistisch Ton, den Helmut Ashley etabliert und für den die Verwendung der Requisite „Whiskey“ ganz entscheidend ist. Da fährt der kernige FBI-Agent also nachts mal mit seinem Jaguar aus, um sich in Manhattan einen „Whiskey zu genehmigen“ – was man halt als Kerl so braucht, um nach einem anstrengenden Tag voller Verbrecherjagd und Heldentaten wieder runter- und klarzukommen und die Seele baumeln zu lassen – und findet glücklicherweise gleich einen Parkplatz vor der Pinte du jour. Später, nachdem er in eine Schlägerei vor der Kneipe verwickelt worden ist, und sich einem Streifenpolizisten gegenüber als FBI-Mann ausweist, wird er diesen bitten, zurück zu seinem Whiskey zu dürfen, da er sich so schlecht daran gewöhnen kann, wenn der warm wird, und der Polizist entgegnet neidisch, dass er sofort einen trockenen Hals bekommt, wenn er von Whiskey hört. Whiskey, das ist in der Welt von Jerry Cotton ein Geschenk der Götter an die Männer, ein Lebenselixier, das die Welt zu einem besseren Ort macht und die Last, die sie auf ihren Schultern tragen müssen, wenigstens für ein paar Minuten von ihnen abfallen lässt. Aber zurück zum Film: Die in der Bar anwesenden Kellnerinnen können ihre Verzückung vor dem virilen Mittvierziger mit dem Brillantine-Helm kaum verbergen, aber jemand wie Cotton muss sich nicht mit dem Fußvolk abgeben, weshalb es ihn gleich zur erotischen Sängerin Violet (Yvonne Monlaur) zieht. Deren Freund Tommy (Christian Doermer) ist zwar ebenfalls anwesend, doch glücklicherweise wird der in den Coup Andersons involvierte Chemiker bald schon ermordet, sodass Cotton seine öligen Fänge nach ihr ausstrecken kann. Es gibt nach der Ermordung Tommys eine Szene, in der die Kaltschnäuzigkeit von Cotton einen nur noch schockiert: Er ruft Violet in die Pathologie und verhört sie direkt neben der zugedeckten Leiche ihres vor einigen Tagen verschwundenen Liebhabers, ohne ihr mitzuteilen, dass er tot ist und seine Leiche gleich neben ihr liegt! Im weiteren Verlauf des Films lässt er sie die ganze Zeit in dem Glauben, Tommy lebe noch, obwohl er es besser weiß, und lässt zu, dass sie die traurige Nachricht ganz beiläufig von einer Komplizin Andersons erhält. That’s cold!

Kurz zur Handlung: Die Bande um Charles Anderson plant also, den voll beladenen Transporter des New Yorker Schatzamtes auszurauben. Dabei helfen soll ihnen der Chemiker Tommy Wheeler, der einen bestimmten Rauch entwickelt hat, der es ermöglicht, den einmal lahmgelegten Lkw unbemerkt zu leeren. Der Plan gelingt, Mr. Clark (Walter Rilla), der Chef des Schatzamtes, erwägt es, sich umzubringen, da er die Warnungen Cottons, den Transport zu vertagen, in den Wind geschlagen hatte. Cotton nimmt die ganze Verantwortung auf sich, um Clark aus der Schusslinie zu nehmen, wird daraufhin vom Dienst suspendiert und muss nun – Ehrensache für einen Vollblutkriminalisten – „auf eigene Faust“ ermitteln. Er heftet sich an die Fersen der Bande, die unerwartete Konkurrenz von zwei Trittbrettfahrern bekommt: George Davis, einem Mitarbeiter des Schatzamtes (Ullrich Haupt), und dessen Partner Stanley (Rainer Brandt).

Helmut Ashley verbindet die Actionlastigkeit der ersten beiden CottonFilme mit dem eher spannungsorientierten Ansatz von Harald Philipps leider gescheitertem dritten Film. Die erste Hälfte widmet sich sehr ausführlich den Vorbereitungen von Anderson und seiner Männer, integriert gar einen fehlgeschlagenen ersten Versuch, bevor der gelungene Überfall einen ersten, auch inszenatorischen Höhepunkt bildet. DIE RECHNUNG – EISKALT SERVIERT bedient sich hier eindeutig der Mechanismen des Heist Movies, indem er die Planungen in den Mittelpunkt stellt, dem Zuschauer einen Wissensvorsprung gegenüber dem Protagonisten verleiht und ihn sogar etwas mit den Schurken mitfiebern lässt. Die Suspendierung bleibt für den weiteren Verlauf des Films eher folgenlos: Decker (Heinz Weiss) steckt seinem Partner unmittelbar danach seine eingezogene Dienstknarre zu, damit er nicht „nackt“ durch New York laufen muss, und Cotton, dessen Wiedereinstellung natürlich nie wirklich in Zweifel steht, lässt sich von seiner vorübergehenden Arbeitslosigkeit auch nicht sonderlich beeindrucken. Dass Decker und High (Richard Münch) noch weiter in den Hintergrund treten, gibt Ashley vor allem die Möglichkeit, seine Schurken stärker zu konturieren. Horst Tappert ist super als kühler Taktierer, der seine Schergen voll im Griff hat und lediglich die Fassung verliert, wenn seine sich ständig die Nägel feilende Geliebte die Bluse zu weit geöffnet hat („Du weißt doch, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn du halbnackt herumläufst!“). Zu den weiteren Höhepunkten des Films gehört eine Keilerei Cottons mit zwei lustig aussehenden Catchern, eine unerwartet offenherzige Duschszene besagter Geliebter Andersons und das komplett irrwitzige Finale, bei dem Cotton todesmutig vom Dach eines Wolkenkratzers an die Kufen eines startenden Hubschraubers springt. Neben lustigen Klettereien vor Rückprojektionen gibt es auch einen gewagten Hubschrauber-Wasser-Stunt, der Ashley so gut gefallen hat, dass er ihn gleich zweimal einsetzt. Mit Recht! Am Ende ist alles gut und der schurkische Davis war sogar so nett, ein Papier aufzusetzen, dass Cotton von jeder Schuld an dem Raubüberfall entbindet. Somit ist Raum für den fünften Teil, auf den ich mich nach diesem fulminant unterhaltsamen Reißer wieder sehr gefreut habe.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.