gravity (alfonso cuarón, usa/großbritannien 2013)

Veröffentlicht: März 22, 2014 in Film
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Ein bisschen habe ich mich bei der Sichtung von GRAVITY schon geärgert, dass ich ihn damals im Kino versäumt habe. Ich bin zugegebenermaßen nicht der cinephilste Mensch unter der Sonne: Ich schaue sehr gern Filme von der heimischen Couch aus, und mein Fernseher ist groß genug, um ihn als „kleine Leinwand“ bezeichnen zu können. Von den mitunter ätzenden Begleitumständen einmal abgesehen – ich meine hiermit vor allem das oft respektlose Publikum, das einem so manchen Film versauen kann –, bin ich vielleicht nicht empathisch genug für dieses totale Kinoerlebnis, das In-die-Leinwand-gesogen-Werden. Dass der Kinosaal um mich herum verschwände, habe ich eigentlich noch nie erlebt. Nun ist GRAVITY aber durchaus ein Film, der dieses Potenzial entfalten könnte. Schon rein ästhetisch ist er ja darauf angelegt, Leinwand und Saal in der endlosen Schwärze des Alls miteinander zu verschmelzen, und Cuaróns schwerelose Inszenierung, die sich nicht länger von irgendwelchen räumlichen Achsen in Ketten schlägen lässt, unterstreicht das noch. Ließ mich der Film schon im sicheren Wohnzimmer öfter den Atem anhalten oder instinktiv die Beine anziehen, kann ich mir gut vorstellen, dass er im Kino – auf großer Leinwand und möglicherweise gar in 3D genossen – eine überaus intensive körperliche Erfahrung, Nebenwirkungen inklusive, ist. Wie Cuarón die Abwesenheit des Raums nutzt, seine Szenen schwerelos in alle Richtungen zu entwickeln oder auch nur treiben zu lassen, wie er die eindrucksvolle Plansequenz aus CHILDREN OF MEN fortentwickelt, wie er diesen raumlosen Ton einsetzt, ihn mit völliger Stille auch bei tosendem Chaos kontrastiert, endlose Weite, schreiende Leere und distanzlose Enge zusammendenkt (diese Szene, wenn die Kamera in den Helm der orientierungslos im Nichts rotierenden Protagonistin eindringt), dazu dieses unglaubliche Erdpanorama stets im Hintergrund, das ist schon beeindruckend, ja, totales Kino. GRAVITY nahm mich wirklich von der ersten Sekunde an in Beschlag und hatte mich für seine angenehm schlanken 90 Minuten voll im Griff.

Auch sein Storytelling trägt dazu bei: Der Film geht gleich in medias res, der Konflikt ist einfach, von geradezu existenzieller Schlichtheit, die beiden Charaktere wachsen einem umso mehr ans Herz, als sie in kurzen, aber ausdrucksstarken Pinselstrichen auf die Leinwand gebracht werden. Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung von Clooneys Stimme: Warm und einschmeichelnd, voller humorvoller Souveränität ist sie nicht nur für die hoffnungslos überforderte Ryan Stone (Sandra Bullock) ein Anker im Nichts. Wenn sein Matt Kowalski spät im Film eine überraschende Rückkehr feiert, springt das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit sofort auf den Zuschauer über. Und die letzten Bilder sind gerade deshalb so stark, weil Cuarón auf jede bei Happy Ends sonst üblich Emphase verzichtet. Ryan ist zu Hause, die Schwerkraft hat sie wieder, die Erde ist unter, der Himmel über ihr. GRAVITY ist absolute Klarheit. Fast.

Denn leider reicht das alles anscheinend nicht mehr aus. Und so muss da noch ein innerer Konflikt herbeigezaubert werden, das Treiben im Weltall als Metapher für eine psychische bzw. seelische Disposition herhalten, die dem Film eine Teil seiner grandiosen Unmittelbarkeit wieder wegnimmt. Zumal die Diagnose, die der Protagonistin da gestellt wird, doch nur wenig mit dem übereinstimmt, was man bis dahin von ihr gesehen hat. Der Wille, ihrem Leben eine Richtung zu geben, sei gebrochen, seitdem sie ihre kleine Tochter verlor, wird ihr da unterstellt. Das deckte sich ehrlich gesagt überhaupt nicht mit dem Bild, dass ich bis dahin von ihr hatte: immerhin eine Frau, die es auf eine NASA-Mission geschafft hat, und in einer Situation, in der sie eigentlich hoffnungslos verloren ist, ihren Kampfgeist und ihren Mut bewahrt. Cuarón federt diesen Moment etwas dadurch ab, dass er ihn als inneren Monolog der Frau auflöst, aber das ändert für mich nichts daran, dass dieser innere Konflikt dem Film nichts Wesentliches hinzufügt, ihn unnötig aufbauscht und das eigentliche Drama gleichzeitig mit küchenpsychologischen Klischees banalisiert und verwässert. Aus Sicht des Drehbuch-101 mag dieser Kniff, das Äußere im Inneren zu spiegeln, die richtige Entscheidung sein und im Einklang mit den Regeln der Wohlgeformtheit stehen, aber für mich fällt Cuarón genau an dieser Stelle ins Raster des Hollywood’schen Erzählkinos zurück, anstatt etwas Radikaleres, Reineres anzustreben. Ein toller Film ist GRAVITY trotzdem, aber der Beigeschmack einer verpassten Gelegenheit bleibt.

 

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich habe den Film im Kino in 3D gesehen. Und das obwohl auch mich jeder Kinogang mittlerweile
    Überwindung kostet. Ich habe den Film gemocht so lange er dauerte, habe aber keine Lust ihn noch
    mal zu sehen. Obwohl visuell sehr Schön, lies er mich eigentlich kalt.

  2. reda sagt:

    Das ist es ja, warum ich immer sage, dass das der EINZIG relevante 3D-Film ist. Im Kino kann das rührselige Getue dank Bilderbombast plus Spannung plus „Höhenangst“ gut verdrängt werden, im Heimkino versauts dir den Film. Als DVD so unnütz wie INLAND EMPIRE.

    • Oliver sagt:

      Naja, der hat für mich schon auch noch zu Hause funktioniert (genauso übrigens wie INLAND EMPIRE), insofern kann ich dir da nur bedingt zustimmen.

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