lass jucken, kumpel! (franz marischka, deutschland 1972)

Veröffentlicht: März 24, 2014 in Film
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Der Anfang ist richtig toll: Der Bergarbeiter Heiner Lenz (Michel Jacot) läuft da morgens durch die Ruhrgebietstristesse zur Arbeit, die Pappe schon früh am Tag bereits total auf, wie man seinem gereizten inneren Monolog entnehmen kann. In der schnoddrigen regionalen Mundart beklagt er sich über das schmerzende Kreuz, den kaputten Magen, das Sodbrennen, die beschissene Maloche, den klammen Geldbeutel und das auf dem Nullpunkt angelangte Liebesleben mit der Gattin Gisela (Anne Graf) und kommt über diesen Umweg unweigerlich bei dem an, was das Leben noch erträglich macht, zumindest vorübergehend – das Saufen. Eine Rückblende zögert seine Einkehr in der Pinte seines besten Freundes Georgie (Walter Kraus) aber noch ein wenig hinaus. Der Versuch, sich der Gattin zärtlich zu nähern, wird vom Klingeln des Postboten unterbunden, der einen unangenehmen Brief bringt. Wegen sich häufender Fehlzeiten – Bandscheibe – wird Heiner der Lohn gekürzt. Ein grausamer Kreislauf aus Maloche, Krankheit, Frustration und Armut, dem zu entkommen ihm auch die nötige Bildung fehlt. Dann also: Pinte, Frust wegsaufen, und dem ausbeuterischen Obersteiger Eichel (Marcel Nissimoff) die Meinung geigen. Das Wissen über dessen berufliche Verfehlungen bringt Heiner die alte Anstellung zurück, auch wenn sein Arzt ihm eigentlich dringende Schonung verordnet hat.

Franz Marischka erweckt in den ersten zehn Minuten nicht nur den Eindruck, er habe wirklich etwas zu erzählen, sondern auch, als nehme er eine Haltung zu seinen Charakteren ein, die über jene ausbeuterische des fiesen Eichel hinausginge. Der Auftakt von LASS JUCKEN, KUMPEL! suggeriert eine Vielzahl von Geschichten hinter den verschiedenen Gesichtern und den braungrauen Häuserfassaden, eine Tiefe der Figuren und eine hohe Authentizität in der Milieubetrachtung, ein Feingefühl und eine erzählerische Vision, die ich von diesem Film zunächst nicht unbedingt erwartet habe. Leider enttäuscht Marischka an diese Andeutungen geknüpfte Erwartungen im Folgenden weitestgehend und konzentriert sich stattdessen auf ein sexfilmtypisches Kommen und Gehen letztlich folgenloser Nümmerchen, die kaum noch durch einen erzählerischen roten Faden, allenfalls durch das Setting zusammengehalten werden. Heiner will es mit Gisela, kann aber nicht so, wie sie es gern hätte. Gisela mag es häufig, weshalb sie jede sich bietende Gelegenheit wahrnimmt, etwa mit Fritz (André Eismann), einem aus der DDR rübergemachten Amateurfußballer, der bei dem alten, den Lenzens nur wenig wohlgesonnenen Ehepaar Wagner im Erdgeschoss zur Untermiete wohnt. Georgie, ehemals Berliner Polizist, der für die Nummer mit einer Prostituierten aus dem Dienst entlassen wurde, will es mit allen, nimmt Heiner auch mal mit in einen Privatpuff, ist ebenfalls scharf auf dessen Ehefrau und außerdem auf die minderjährige Aushilfe Ute. Seine Frau Rosemarie (Elke Boltenhagen) wiederum wird von dem heißblütigen Italiener Lucky (Rinaldo Talamonti) umgarnt, dessen unermüdliche Manneskraft sich angeblich daraus speist, dass er Wein statt Bier trinkt. Diese kurze Aufzählung des Personals dekliniert Marischka dann in allen möglichen Paarungen durch. Sein Milieu, das einen wunderbar unverbrauchten Kontrast zu den unzähligen Lederhosen-Sexfilmen jener Zeit bildet, verkommt trotz attraktiver Abbildung von maroder Industrieromantik zur Kulisse, die nicht weiter erkundet wird, und auch die inneren Monologe, in die seine Figuren immer wieder verfallen, sind weniger Beleg für eine auszulotende Tiefe, als für die Unbeholfenheit von Drehbuch und/oder Inszenierung. Besonders augenfällig wird das am Ende, wenn wie aus dem Nichts das Drama in Form eines Arbeitsunfalls Heiners zuschlägt, sich jedoch nach nur einer Szene genauso unvermittelt wieder in Wohlgefallen auflöst. Oder steckt doch mehr dahinter?

Wie viele dieser nach traditionellem Verständnis von filmischem Erzählen als Mängel zu bezeichnendne Unzulänglichkeiten aus der „literarischen“ Vorlage von Hans Henning Claer stammen, der auch eine Nebenrolle als Zechenkumpel absolviert, kann ich nicht beurteilen, sicher scheint mir aber, dass seiner Milieukenntnis die Einblicke in den Zechenalltag und die Mundart der Kumpel entspringen: Claer wusste wovon er schrieb und war selbst Bergmann gewesen (außerdem Boxer und Polizist). Und vielleicht ist die oben bemängelte wenig gebügelte, letztlich anscheinend hinter den Möglichkeiten bleibende äußere Form von LASS JUCKEN, KUMPEL! ja auch nur der kongeniale Ausdruck für das Leben der Kumpel. Die fahrige Art von Marischkas Film, in dem sich die tollen und die blöden Momente abwechseln, ein schlüssiger Gesamtentwurf immer wieder durch möglichst „aufregende“Sex-Episödchen torpediert wird, spiegelt, wenn man so will, auch das ziel- und perspektivlose Leben seiner Protagonisten wider, für die die einzigen Lichtblicke in einem ansonsten wenig beglückenden Leben die gelegentlichen Schäferstündchen und das Saufgelage im Kreise der Kollegen sind. Für große Lebensentwürfe ist da längst kein Platz mehr.

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