lass jucken, kumpel! 3. teil: maloche, bier & bett (franz marischka, deutschland 1974)

Veröffentlicht: März 26, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , , ,

Mit dem Verlust des bisherigen emotionalen Zentrums der Malocher-Saga geht auch der Fokus verloren, der den zweiten Teil bei aller Episodenhaftigkeit auszeichnete. Schon während der Titlesequenz vermisst man den Namen Michel Jacot, sein Protagonist Heiner Lenz fehlt im Folgenden dann an allen Ecken und Enden. In der Begründung für sein Fehlen bestätigt Marischkas dritter Film die Zweifel, die ich an der Nachhaltigkeit des Happy Ends des Vorgängers geäußert hatte: Heiner Lenz ist bei einem Betriebsunfall ums Leben gekommen, noch bevor er seine Ex-Frau Gisela (Anne Graf) erneut ehelichen konnte. Die „Sucht“ nach dem Pütt und die mit ihr verbundene Unfähigkeit zum Ausstieg aus einem krankmachenden Leben, die Marischka in DAS BULLENKLOSTER thematisiert hatte, ist Lenz teuer zu stehen gekommen. Fast wie aus Trotz schlägt MALOCHE, BIER & BETT nun aber fast ausschließlich heitere Töne an, beginnt mit der Verlobungsfeier von Lucky (Rinaldo Talamonti) und seiner deutschen Freundin Erika (Ulrike Butz) – eine kleine ruhrpöttlerische THE GODFATHER-Reminiszenz? – und läuft dann, gesäumt von anlässlich Kutters (Johannes Buzalski) Altnazitum eingeflochtenen Landserepisoden aus dem Zweiten Weltkrieg, auf eine klimaktische Doppelhochzeit hinaus: Nicht nur soll Lucky seine Erika heiraten, es sieht alles danach aus, als ob die verwitwete Gisela den Bund der Ehe mit Heiners altem Freund Jupp Kaltofen (Hans-Henning Claer) einginge. Und die Aussicht auf diese nicht zuletzt von Lucky beförderte Eheschließung ist es dann auch, die MALOCHE, BIER & BETT zum reinen, schockierenden Sozialhorror werden lässt.

Jupp ist so etwas wie der krasse Gegenentwurf zu Heiner und außerdem noch einmal gut zwei Jahrzehnte älter. War Heiner zwar schlussendlich nicht in er Lage gewesen, etwas an seinem Leben zu verändern, so verfügte er immerhin über so viel Selbstreflexion, um zu erkennen, dass er unzufrieden war, das Leben nicht so ganz das hergab, was er sich davon immer erhofft hatte. Jupp ist von solcher Einsicht weit entfernt: In schöner Regelmäßigkeit säuft er sich zu bis zur Bewusstlosigkeit, prahlt mit Weibergeschichten, die es nicht gibt oder die weit in der Vergangenheit liegen, und spult eigentlich nur noch ein Programm ab, dessen Ende für den Zuschauer, aber seltsamerweise nicht für die Figuren des Films, abzusehen ist. Dass die Verbindung von Jupp und Gisela von den Beteiligten als erstrebenswert und vor allem gut für den sechsjährigen Sohn Thomas bezeichnet wird, zeigt den Grad an Blindheit, mit der sie alle geschlagen sind. Allen fehlt der Überblick, die Perspektive, um über den Moment hinauszusehen: Sie alle schauen nur auf ihre Füße, bestrebt das Hamsterrad am Laufen zu halten, wissend, dass sie auf die Schnauze fallen, sobald sie stehenbleiben. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf, wird die schicksalhafte Hochzeit erst in letzter Sekunde durch das Offensichtliche vereitelt: Jupp liegt wieder einmal besoffen im Bett, hat seine eigene Hochzeit vergessen und sorgt bei der Zeremonie im Standesamt, zu der er von seinen Freunden dann doch noch hingekarrt wird wie eine Leiche, für einen Eklat als er beim Ja-Wort sternhagelvoll zusammenbricht. Gut möglich, dass diese Szene und mit ihr der gesamte Handlungsstrang um Jupp und Gisela von den Machern als komisch empfunden wurde. Ich fand ihn bei der Sichtung gestern einfach nur schrecklich und deprimierend: Dass es Menschen gibt, die einfach nicht in der Lage sind, schlechte, ja katastrophische Entscheidungen als solche zu erkennen, die immer wieder dieselben Fehler machen, unfähig, das Steuer noch einmal herumzureißen, ihrem Leben eine sinnvolle Wendung zu geben. MALOCHE, BIER & BETT ist voll mit solchen Menschen. Und der heitere, muntere Ton des Films, der das größte soziale Elend noch zum Jux verzeichnet, Resignation nur als Anlass begreift, den eigenen Untergang noch stärker zu befördern, die größten Mängel seiner Figuren als liebenswerte Marotten darstellt, scheint haargenau ihrem Selbstbild zu entsprechen.

So ergibt sich auf Dauer betrachtet eine immense Diskrepanz zwischen dem Bild, das der Film vermittelt, und dem, das sich der Zuschauer selbst davon macht. Und genau das macht MALOCHE, BIER & BETT dann auch so spannend. Marischka trifft die prekäre Malocher-Mentalität wahrscheinlich besser, als ein sich in Siff und Dreck suhlendes Sozialdrama, das die Kumpel als Opfer der Umstände und als Leidende zeichnete. Nein, nein, seit Heiner weg ist, gibt es keine Klagen mehr. Dass seine Protagonisten immer noch im maroden Bullenkloster herumhängen, das im Vorgänger noch ein Ort des Schreckens war, Zeichen dafür, ganz unten angekommen zu sein, findet nicht einmal mehr Erwähnung. Welcome to the bitter end.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.