der wilderer vom silberwald (otto meyer, deutschland 1957)

Veröffentlicht: April 2, 2014 in Film
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wilderer-vom-silberwald-derChristian Pachegg (Rudolf Lenz) kommt in das Alpendörfchen Edlau, um dort seine neue Stelle als Förster anzutreten. Auf dem Weg ins Dorf lernt er Josefa Rohrer (Traute Wassler) kennen, die Erbin des örtlichen Sägewerks, die ihm ihr Leid klagt und damit seine Sympathien gewinnt. Seit dem mysteriösen Unfalltod ihres Gatten sehe sie sich als Zugezogene der offenen Ablehnung der Bewohner gegenüber, müsse allein das Geschäft führen und sich zudem um die Erziehung ihres kleinen Sohns Alois kümmern. Auf der anderen Seite erfährt der Förster bald, dass die Wut der Alteingesessenen nicht gänzlich unbegründet ist: Josefa lässt die für die angrenzenden Felder so wichtigen Wälder rücksichtslos abholzen. Nachdem seine anfängliche Zuneigungzu Josefa aus diesem Grund schnell wieder abgeebbt ist, entdeckt er die burschikose Hobbyfotografin Ulli (Anita Gutwell), Tochter des Oberförsters (Rudolf Carl), für sich. Ihre Romanze wird durch das Auftauchen eines Wilderers unterbunden, der Christians ganzen Einsatz fordert …

Mit deutlich größerem erzählerischen Schwung inszeniert Otto Meyer das Quasi-Sequel zum megaerfolgreichen DER FÖRSTER VOM SILBERWALD, der mit DER WILDERER VOM SILBERWALD indessen nur das Hauptdarstellerpaar und den Beruf seiner männlichen Hälfte gemein hat. Die das Original von Alfons Stummer beherrschende, alles abtötende Bräsigkeit wird nicht zuletzt von ein paar gezielten Modernismen aufgelockert: In Gestalt des Berliner Musikboxen-Bestückers Paul (Wolfgang Jansen) halten großstädtische Schnoddrigkeit und Schlagermusik Einzug, zu der die Dorfjugend dann auch gleich zu Beginn eine flotte Sohle aufs astlochige Parkett der heimischen Bierstube legt. Gleichzeitig dient die Figur natürlich dazu, um an ihr die genretypische Unterlegenheit des Stadtmenschen zu demonstrieren: Nachdem die feiste Zenzi (Brigitte Antonius) Paul dazu benutzt, ihren Herzbuben Franzl (Fritz Muliar) beim obligatorischen Dorffest eifersüchtig zu machen, lädt der den gutmütigen Tölpel zu einem zünftigen Watschentanz ein, bei dem das verweichlichte Bürschlein aus der Großstadt zum Gelächter der Umstehenden kräftig verdroschen wird. Hier ist Mobbing eben noch Ehrensache. Das muss auch Josefa erfahren, der der Film nur wenig Mitleid entgegenbringt. Die altkluge, eingebildete Ulli, die immer noch bei ihren Eltern lebt und mehr zum Spaß als aus wirtschaftlicher Notwendigkeit ein paar Tierfotos knipst, mischt sich ganz dreist in die Erziehung des kleinen Alois ein, der ihr bei ihren Wanderungen nicht von der Seite weicht, und weiß natürlich ganz genau, wie man als alleinerziehende Geschäftsfrau ohne Freunde und Rückhalt so zu leben hat. Auch der selbstgerechte Christian lässt sie fallen wie eine heiße Kartoffel, als er von ihren Rodungen – zu denen sie per Vertrag legitimiert ist – erfährt: Dass Spinnenfrau Ulli schon als Ersatz bereitsteht, oder ihn vielmehr mit doppeldeutigen Jägerliedchen eingewickelt hat, macht seine wortlose Trennung von Josefa natürlich deutlich leichter. Er soll am Ende noch die Quittung für seine Herzlosigkeit bekommen, aber weil auch dieser Heimatfilm mehr am Idyll und der Wiederherstellung der Ordnung interessiert ist als am Konflikt und seiner schonungslosen Aufarbeitung, wird es ihm erspart, daraus zu echter Erkenntnis zu gelangen. Hauptsache er weiß, dass das Wandern des Müllers Lust ist. Die in diesen Filmen immer wieder durchschlagende Unbarmherzigkeit, mit der Menschen, die aus dem Raster fallen, ins Exil gedrängt, moralisch scharf verurteilt oder für minderwertig erklärt werden, fällt gerade deshalb so heftig auf, weil sie sich vor dieser kitschigen Naturkulisse zeigt. Den Protagonisten fehlt jegliches Maß an Selbstreflexion oder die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, die eigene kleine Welt, in der sich Reh und Hase Gute Nacht sagen, als Ausschnitt eines größeren Ganzen zu begreifen. Keiner scheint jemals in der Stadt gewesen zu sein, aber dass es dort nicht ganz koscher zugeht, das wissen sie alle. Ohne mit der Wimper zu zucken, ruft der brave Christian da am Ende zur „Treibjagd“ auf den Wilderer auf, wird flugs ein Lynchmob zusammengestellt, bei dem es an Freiwilligen nicht mangelt. Aber wie fasst es der Oberförster in einem kleinen Liedchen so treffend zusammen: „Manchmal ist es gut, wenn man nichts sieht.“ Für den Zuschauer ist es da aber schon zu spät.

Das Frauenbild ist kaum weniger zum Gruseln: Nicht nur, dass Herzensdame Ulli eine verachtenswerte, selbstgerechte Zicke ist, ihre vermeintliche Selbstständigkeit als Fotografin ist natürlich auch nur geduldet, weil sie sich friedlich in ihr Kämmerlein begibt, wenn der Mann im Haus das befiehlt. Es ist ja bemerkenswert, dass keiner dieser Kerle wirklich etwas kann: Der Oberförster schaut sich Nacktbildchen in der Zeitung an und ist stets besoffen, Christian selbst läuft auch nur dumm mit dem Schießgewehr durch den Wald und lässt sich dafür feiern, wehrlose Tiere abzuknallen, als sei er Gottes Geschenk an die Weiblichkeit. Ullis Bilder hingegen werden tatsächlich irgendwo veröffentlich, Josefa führt ein erfolgreiches Unternehmen und Mathilde (Lucie Englisch), die Ehefrau des Oberförsters, schreibt Liebesromane im Eiltempo: Die drei Damen erbringen damit eine größere intellektuelle Leistung als alle männlichen Figuren des Films zusammen. Ernst genommen werden sie dafür natürlich nicht: Als Christian einmal einen Brief schreiben muss, muss Mathilde den Platz an ihrer eigenen Schreibmaschine sofort räumen. Er lässt ihn dann aber lieber von Ulli tippen, weil er auch zum Schreibmaschinenschreiben zu dumm ist. Nicht aber im Dick-Auftragen: Seinen Spaziergang zum Waldrand, wo er die einhellige Meinung des Ältestenrats über Josefas Tätigkeit nach kurzem Hingucken bestätigt findet, beschreibt er großzügig als „eingehende Prüfung“ und meint das ganz gewiss ernst. Vor diesem Hintergrund erstaunen die oben angesprochenen Modernismen schon ein wenig. Der Hinweis auf die „Hottentotten-Musik“ der Jugendlichen unterbleibt gänzlich, den Auftritt des Schlagertrios „Die Teddies“ kann man fast schon als Cross Marketing beschreiben (oder so) und in einem selbstreflexiven Anfall nennt Mathilde ihren jüngsten Roman „Der Wilderer vom Silberwald“.

DER WILDERER VOM SILBERWALD ist als Spielfilm professioneller, schwungvoller und runder als DER FÖRSTER VOM SILBERWALD und man merkt ihm die mit dem Erfolg des Vorgängers einhergehenden kommerziellen Ambitionen deutlich an. Gruseln kann man sich hier zwar auch, aber immerhin ist ein Verständnis der Macher für das Medium ihrer Wahl erkennbar, während Alfons Stummer kaum mehr als einen mit Ton unterlegten Bilderbogen vorlegte. Im Grunde genommen ist Meyers Film lupenreine deutsche Exploitation und als solche durchaus auch für solche Menschen interessant, die den Heimatfilm bislang weiträumig umfahren haben.

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