winnetou und das halbblut apanatschi (harald philipp, deutschland/italien/jugoslawien 1966)

Veröffentlicht: April 10, 2014 in Film
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Kaum habe ich geschrieben, dass die Rialto-Karl-May-Filme immer die gleiche Geschichte erzählen, dass sie immer wieder in diesen sprichwörtlichen fünf Minuten vor dem Untergang der indianischen Kultur angesiedelt sind, der dann durch den Einsatz der Helden noch einmal abgewendet werden kann, kommt mit WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI der erste Film seit DER SCHATZ IM SILBERSEE, der mit der bewährten Formel bricht. Nicht ganz wohlgemerkt: Das Unheil geht wieder einmal vom Materialismus weißer Ganoven aus, die das Ende des Bürgerkrieges nach Westen gespült hat, und wieder einmal ist es Winnetou, der sie stoppen muss, aber es kommt ohne den Krieg zwischen Weißen und Indianern aus. Philipps zweiter Karl-May-Film nach DER ÖLPRINZ wird so zu einer eher fluffigen und flüchtigen Angelegenheit, die im süßen Püppchengesicht der 22-jährigen Uschi Glas (in den Credits als „Ursula Glas“ gelistet) den passenden Ausdruck findet.

Zu ihrem 21. Geburtstag schenkt der Farmer Mac Haller (Walter Barnes) seiner Tochter Apanatschi (Uschi Glas) eine Goldader, die er vor Jahren gefunden und geheimgehalten hatte. Durch Zufall bekommen Pinky und Sloan, zwei falsche Freunde Macs, Wind von der Sache und wittern die Chance auf den großen Reichtum. Doch bevor Mac ihnen die Goldader zeigen kann, kommt es zum Schussgefecht, bei dem der Familienvater stirbt. Weil Winnetou (Pierre Brice), Old Shatterhand (Lex Barker) und Apanatschis Verlobter Jeff (Götz George) die drohende Gefahr für das Mädchen erahnen, verstecken sie sie in einem Eisenbahnercamp. Pinky und Sloan holen sich inzwischen Verstärkung bei der Bande des Gangsters Curly Bill. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen den Banditen auf der einen und den Eisenbahnern auf der anderen Seite …

WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI ist der erste der Rialto-Karl-May-Filme, der nur noch „auf Motiven“ des beliebten Schriftstellers basierte. Vielleicht war auch das ein Grund dafür, dass die kritischen Laute, die bemängelten, der Film habe mit dem Werk des Autors nichts mehr gemein, immer lauter wurden und der Zuschauerzustrom langsam aber sicher abebbte. Dem Film fehlt der epische Ansatz, den selbst OLD SUREHAND 1. TEIL in Ansätzen noch hatte, das große Thema und ein echtes Zentrum. Uschi Glas kann diese Funktion in ihrer ersten Hauptrolle nicht übernehmen, Winnetou und Old Shatterhand bleiben schattenhaft, Actionhelden ohne echte Persönlichkeit. Wie schon bei UNTER GEIERN wird Götz George mit seiner überragenden physischen Präsenz enorm wichtig für den Film, auch wenn das Drehbuch nicht allzu viel mit ihm anzufangen weiß. Trotzdem hat Harald Philipp wieder einmal einen soliden Timewaster auf die Beine gestellt, was ja auch nicht ganz verkehrt ist: Der Auftakt mit dem Angriff eines Adlers auf einen kleinen Jungen, den Winnetou in höchster Not retten kann, ist trotz zum Teil erbarmungswürdig schlechter Spezialeffekte recht spannend und intensiv, der folgende Konflikt zwischen Macs Familie und den falschen Freunden angemessen unheilvoll umgesetzt. Das folgende Katz-und-Maus-Spiel mit der Bande von Curly Bill, bei dem Jeff wieder einmal in Undercover-Funktion unterwegs ist, ist abwechslungs- und temporeich, kommt aber ohne den ganz großen Höhepunkt aus. Erst im Showdown kracht es dann unter großzügigem Dynamiteinsatz. WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI kann seine große Schwäche, den Mangel einer übergeordneten Idee, eines Konzepts und eines zugkräftigen Schurken nicht verhehlen. Er ist letztlich kaum mehr als ein buntes Sammelsurium bewährter Situationen und Elemente. Wie der Film-Dienst angesichts der Flüchtigkeit dieses Films dazu kam, ihm „eine gehörige Portion Zynismus und Grausamkeit“ zu unterstellen, bleibt ein Rätsel. Ganz daneben liegt das Lexikon des Internationalen Films, dass erkannt haben will, der Film sei“ Gefühlsbetont wie die Vorlage, aber werkwidrig brutal.“ Das macht nun wirklich überhaupt keinen Sinn.

Kommentare
  1. „WINNETOU UND DAS HALBBLUT APANATSCHI ist der erste der Rialto-Karl-May-Filme, der nur noch “auf Motiven” des beliebten Schriftstellers basierte.“

    Fairerweise muß man aber sagen, daß bereits DER SCHATZ IM SILBERSEE sehr weit von der Vorlage entfernt ist. Die Filme sind im Grunde alle Impressionen aus den Werken Mays, mal näher am Stoff orientiert, mal zusammengewürfelte Motive aus verschiedenen Erzählungen und mal ein freier Lustwandel durch die beschriebene Welt. Zum Silbersee empfehle ich als Ergänzung die 89er Puppenadaption aus der DDR, die im Zeichen der Wende vollkommen untergegangen ist. Gibt es von Icestorm auf DVD. Wenn du im Orient angelangt bist, rate ich vor allem auch dazu, die Spirit Media Karl May Box mit dem 30er Jahre Film Durch die Wüste und den beiden Orientfilmen aus den 50ern mit einzubeziehen. Die sollte man sich nicht entgehen lassen.

    • Oliver sagt:

      Ja, aber das (Filme sind mal näher dran, mal weiter weg vom Originalstoff) kann man ja dann mehr oder weniger über jede Literaturadaption sagen. Es gibt einen Roman namens „Der Schatz im Silbersee“, dem der Film mehr oder weniger frei folgt, aber eben keinen namens „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“.

  2. Naja, Band 38 der gesammelten Werke heißt ja „Halbblut und andere Erzählungen“. Man hat da wie bei „Winnetou und sein Freund Old Firehand“ einfach etwas in der Richtung entworfen, wie es im Fundus an Namen vorhanden ist, das stimmt. Bedenkt man aber, daß im Silbersee auch nicht viel mehr vom Originalwerk übrig geblieben ist, wie sich die philosophische Qualität trotz friedlicher Ambitionen in den Filmen dem erwachsenen Leser in den Schriften doch vollkommen anders erschließt, so finde ich das annähernd vergleichbar. Deshalb ja der Hinweis auf den Puppenfilm, der, näher an der Vorlage, wie eine vollkommen andere Geschichte wirkt.

    Als ich im Kindesalter mit den Romanen begonnen habe war ich vollkommen verstört, daß Der Schatz im Silbersee anfangs die ganze Zeit auf dem Raddampfer spielt usw., weil ich ja nur den Kinofilm kannte. Das Gewicht liegt auf ganz anderen Figuren und Schauplätzen. Es ist andererseits aber auch ein Meisterstreich sich für den Film diese verwendeten Details herauszupicken, weil darüber die beliebten Helden etabliert wurden.

    Generell muß man bei den Romanen darüber hinaus ja noch die Perspektive unterscheiden, wobei Der Schatz im Silbersee zu den Jugenderzählungen in der dritten Person gehört. Bei den Reiseerzählungen berichtet May in der Ich-Form und vertieft neben der erwähnten Philosophie und Selbstbeweihräucherung auch meiner Ansicht nach seine Romantisierung z.B. des edlen Winnetous in einer Weise, die Reinl in seinem Silbersee schon überlagernd zu projizieren versucht.

    • Oliver sagt:

      Habe gestern noch über meine Antwort nachgedacht. Wahrscheinlich hast du Recht. Im einen Fall wird ein Roman als Basis für etwas eigenes genommen, im anderen Versatzstücke unter „neuem“ Titel zusammenkomponiert. Das macht nicht wirklich einen Unterschied. Ich habe in meiner Jugend ein paar Karl-May-Bücher angefangen – ich glaube, ich habe wirklich kein einziges durchgehalten. Mein jahrelanger Deutsch-Lehrer war glühender Karl-May-Fan. Sehr seltsam. Das war für den wirklich hohe Literatur. Ich will das erst einmal gar nicht in Abrede stellen, aber das ist definitiv eine Außenseiter-Meinung. 😀

      • Och du, diese Außenseiter-Meinung teile ich in gewissen Aspekten aber auch, seit ich vor knapp 10 Jahren meine alte Liebelei mit dem May wieder aufgenommen habe. 😀

        Die Romane bieten teils wirklich ungeahnte Tiefen, wenn man da als Erwachsener mit Abstand und erweitertem Horizont wieder rangeht. Das bootet seine Weitschweifigkeit sicher nicht aus. Bewahre. Das hat mich als Kind aber auch schon nicht abgehalten, nach Filmen, nahezu allen Hörspielumsetzungen und diversen Freilichtaufführungen auch die Vorlagen zu verschlingen.

        Nachdem ich eine weniger akkurate Auflage nahezu komplett habe, spiele ich mit dem Gedanken, mich noch mal an die historisch-kritische Ausgabe zu machen. Das wäre sicher auch die Form, die ich dir empfehlen müsste, da die Veränderungen anderer Verlage dort nicht blind übernommen worden sind.

        Ansonsten gibt es viele Texte ja auch in der Urform online zu bewundern.

        Speziell vom Silbersee bietet sich außerdem eine ungekürzte Hörbuchfassung an, wenn man denn den Vorleser bevorzugt. Diesbezüglich empfehle ich als Kuriosum dann auch die WDR Produktion „Ja Uff erstmal“. 6 Stunden Hörspielproduktion mit wirklich angemessenem Humoreinschlag fassen die Winnetou Trilogie zusammen. Zufällig habe ich die Originalausstrahlung im Fernsehen erwischt, wo man auch erkennen kann, wie die Comedians in fast allen Fällen respektvoll aber mit Augenzwinkern ihre Rolle bekleiden. Sowas kommt natürlich nur mitten in der Nacht. 🙂
        http://www.karl-may-filme.de/fern/tv-15.html

      • Oliver sagt:

        Ich bin durch die Filme durchaus etwas auf den Geschmack gekommen, es noch einmal mit dem May zu versuchen. Mal sehen.

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