der schut (robert siodmak, deutschland/frankreich/italien/jugoslawien 1964)

Veröffentlicht: April 16, 2014 in Film
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Karl Mays Roman „Der Schut“ bildet eigentlich den Abschluss seiner sechsbändigen Orientreihe, doch Artur Brauner entschloss sich, ihn als zweiten Beitrag seines Karl-May-Engagements zu verwirklichen. Als Regisseur nahm er den deutschen Regieveteran Robert Siodmak unter Vertrag, der zehn Jahre zuvor aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war, an den dort mit Noir- und Krimistoffen erworbenen Ruf aber nicht mehr hatte anknüpfen können. Die Besetzung bestand überwiegend aus mittlerweile Karl-May-erprobten Darstellern: Neben Lex Barker, dessen Kara Ben Nemsi mit Old Shatterhand identisch ist, agierten Ralf Wolter als Comic Relief Hadschi Halef Omar und Rik Battaglia erneut als Schurke. Marie Versini hatte ebenso wie Chris Howland ein Jahr zuvor in WINNETOU 1. TEIL Erfahrungen sammeln dürfen und auch die diversen jugoslawischen Nebendarsteller wussten genau, was zu tun war. Die Tatsache, dass die jugoslawische Berglandschaft im Unterschied zu den Westernfilmen in DER SCHUT tatsächlich als Originalschauplatz bezeichnet werden konnte, dürfte nicht nur die Dreharbeiten erheblich erleichtert haben, der Film erscheint auch dem Zuschauer als deutlich authentischer und, ja, auch ein bisschen reifer. Auf mich haben Karl Mays Orientromane allein mit ihren bildhaften Titeln wie „Durchs wilde Kurdistan“, „In den Schluchten des Balkan“ oder „Durch das Land der Skipetaren“ immer immensen Reiz ausgeübt, und Siodmaks DER SCHUT übersetzt alle meine Vorstellungen und Assoziationen in einen prachtvollen und bildgewaltigen Abenteuerfilm.

Doch so gut mir DER SCHUT gefallen hat, so wenig habe ich eigentlich über den Film zu sagen. Die Geschichte ist angenehm einfach, eine Reise durch die Berglandschaft des Balkans auf der Suche nach dem Schurken, gesäumt von diversen kleinen Begegnungen, Nebenkriegsschauplätzen und Actionszenen, die allesamt professionell inszeniert wurden und zielstrebig auf die finale Auseinandersetzung mit dem Bösewicht hinauslaufen. Für komische Einsprengsel sorgen neben dem trotteligen Hadschi Halef Omar, der beim Abendschmaus im Hause der Galingrés bedauert, dass er als Moslem kein Schweinefleisch essen darf und die listigen Pläne seines Freundes stets missversteht, der britische Sir David Lindsay (Dieter Borsche) und sein Diener Archibald (Chris Howland), die sich auch angesichts größter Not und Gefahr nicht aus der Ruhe bringen lassen. In einem Kerkerloch des Schuts gefangen, machen sie es sich mit dem in einer anscheinend bodenlosen Tasche mitgebrachten Equipment – von der Klappliege über den Sitzhocker und den Teekessel bis hin zur Hängematte ist alles da, was man zum Leben braucht – erst einmal gemütlich und freuen sich verzückt über das aufregende Abenteuer, das sie da erleben dürfen. Eine Episode, die den Film im letzten Drittel eigentlich komplett ausbremst, die ihm aber trotzdem keinen Schaden zufügt, weil sie so endlos entspannt umgesetzt wurde: Borsche und Howland sind großartig. Battaglia versieht den Schut, der sich die Frauen aus den umliegenden Dörfern klaut, gemeinsame Sache mit der Polizei macht, ganze Armeen gedungener Mörder befehligt und in einem palastartig eingerichteten Unterschlupf haust, mit vampiresk-öligem Charme: Auch wenn er sich in der ersten Hälfte des Films als Teppichhändler Nirwan ausgibt, der Schut nur als gestaltloses Phantom durch die Dialoge geistert, besteht eigentlich kein Zweifel an seiner wahren Identität. Vielleicht ein Drehbuchmanko, aber es fällt nicht wirklich ins Gewicht, da DER SCHUT sein Hauptaugenmerk auf die bildgewaltige Inszenierung der schroffen Balkanlandschaft und auf Tempo legt, weniger auf trickreiche Wendungen und raffinierte Plottwists. Hier geht es in jeder Sekunde um nichts anderes, als dem Zuschauer etwas zu bieten, die Zeit an ihm vorbeirauschen zu lassen, um farbenfrohen, die Fantasie anregenden Eskapismus. Lässt DER SCHUT manchesmal auch den dramaturgischen roten Faden vermissen, so vernachlässigt er diese eine übergeordnete Mission doch niemals.

In mir hat DER SCHUT unweigerlich das Bedürfnis nach Mehr geweckt. Leider produzierte Brauner nur noch DURCHS WILDE KURDISTAN aus Karl Mays Orientzyklus: Schade, denn DER SCHUT offenbart doch gerade hinsichtlich seiner Schauplätze endloses Potenzial und zudem eine Bilderwelt, die in dieser Form kaum erschlossen wurde. Die Szene, in der Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in ein winziges, von windschiefen Häusern und kargen Fassaden bestimmtes Bergdorf einreiten, der religiöse Scharlatan Mübarek (Friedrich von Ledebur) – der seine Geener angeblich in Raben verwandeln kann – die dunkel gewandeten Frauen durch die schmutzigen Gassen führt, quillt über vor Atmosphäre, und die wettergegerbten Charakterfressen der jugoslawischen Statisten sehen gleich doppelt so eindrucksvoll aus, wenn sie nicht unter Indianerperücken und Faschings-Kriegsbemalung versteckt werden. Man ahnt, welche Geschichten, Legenden und Abenteuer hier an jeder Wegbiegung, in jeder Schlucht und hinter jedem Gesicht darauf warten, enthüllt und entdeckt zu werden, und auch nach zwei Stunden hat diese Welt nichts von ihrem fast erotischen Reiz verloren. Ein toller Film, der leider nicht den Ruf genießt, der ihm eigentlich zustünde.

 

Kommentare
  1. […] der schut (robert siodmak, deutschland/frankreich/italien/jugoslawien 1964) […]

  2. […] Karl-May-Sause weiter. U.a. mit „Der Schut“ vom Film-Noir-Spezialist Robert Siodmak, der Oliver sehr begeistert hat. – screen/read berichtet von einem Fall von Zensur in […]

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