der schatz der azteken (robert siodmak, deutschland/frankreich/italien 1965)

Veröffentlicht: April 17, 2014 in Film
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Die Installation des Erzherzogs Maximilian von Österreich als Kaiser von Mexiko durch Napoleon III. verursacht einen Bürgerkrieg: Die Truppen von General Benito Juárez (Fausto Tozzi) stellen sich gegen die Machthaber, um für eine Demokratie zu kämpfen. Doch dafür brauchen sie Geld. Der deutsche Arzt Dr. Karl Sternau (Lex Barker) wird von Abraham Lincoln (Jeff Corey) beauftragt, Juárez dessen generelles Wohlwollen zu versichern. Sternau ist außerdem gut mit dem Großgrundbesitzer Graf Rodriganda (Friedrich von Ledebur) befreundet, der die Revolution finanzieren könnte. Doch auf dessen Vermögen hat es auch der spielsüchtige Sohn Alfonso (Gérard Barray) abgesehen, der hoch verschuldet ist. Nachdem er seinen Vater unter Mithilfe seiner intriganten Geliebten Josefa (Michéle Girardon) in ein Duell mit seinem Gläubiger getrieben hat, ändert der noch auf dem Sterbebett das Testament und ernennt Sternau zum Vollstrecker. Nur der sagenumwobene Schatz der Azteken kann Alfonso jetzt noch den Reichtum bringen, den er sich erhofft. Unterdessen wird Sternau als feindlicher Spion von den Franzosen festgenommen. Und der abtrünnige Soldat Verdoja (Rik Battaglia) läuft auch noch frei herum und will Rache am deutschen Arzt, der mitverantwortlich für seinen Rauswurf aus Juárez‘ Armee ist …

Vielleicht merkt man es schon anhand des mäandernden Versuchs einer Inhaltsangabe: DER SCHATZ DER AZTEKEN ist eigentlich nur ein halber Film, den Artur Brauner beschloss, über zwei Teile zu Strecken. Es fällt dann auch schwer, diesen ersten Teil fair zu bewerten: Produktionstechnisch trumpft er wieder einmal mit tollen Bildern und eindrucksvollen Bauten auf, mit denen tatsächlich das kleine Wunder gelingt, Mexiko an den Balkan zu holen (nur einige wenige Aufnahmen wurden einer an Originalschauplätzen gedrehten Dokumentation entlehnt), inhaltlich besteht er aber zu zwei Dritteln aus reiner Exposition und ist daher nur wenig aufregend. Just in dem Moment, in dem man als Zuschauer das Gefühl hat, dass es jetzt endlich losgeht, macht ein gemeiner Cliffhanger der Freude ein jähes Ende. Insofern sollte man DER SCHATZ DER AZTEKEN wahrscheinlich im Zusammenhang betrachten und ein abschließendes Urteil erst nach der Sichtung von DIE PYRAMIDE DES SONNENGOTTES fällen. Ob die damaligen Kinozuschauer das allerdings auch so entspannt gesehen haben?

Um hier dann doch noch etwas zu hinterlassen, würde ich behaupten, dass es sich bei diesem Karl-May-Film um einen reiferen Beiträge zur Serie handelt. Die vor konkretem historischem Hintergrund angesiedelte Story ist relativ komplex mit ihren verschiedenen Konfliktparteien und Interessengruppen und man merkt das Bemühen, die politische Situation differenziert darzustellen. Auch wenn die Sympathie des Films aufseiten Juárez‘ liegen, kommt DER SCHATZ DER AZTEKEN ohne übertrieben schurkische Franzosen aus. Ja, man kann sagen, dass die für einen Abenteuerfilm notwendige Schwarzweißmalerei ganz auf die Subplots verlegt wird: Die Feindschaft Sternaus mit dem rachsüchtigen Verdoja hat mit dem übergeordneten Handlungsbogen nur am Rande zu tun und gleiches gilt für das Intrigenspiel des verräterischen Alfonso und seiner Josefa. Als unvermeidliches Comic Relief tritt wieder einmal Ralf Wolter als schwäbischer Kuckucksuhrenvertreter Andreas Hasenpfeffer auf, dessen Idiom fast exotischer anmutet als die am Balkan errichteten Pyramiden und Haciendas. Es liegt nahe, diese Figur als reines Strukturelement abzustempeln, aber nachdem fast alle Karl-May-Filme einen Touristen als Fish out of Water anboten – und Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi/Dr. Sternau ja streng genommen selbst ein solcher ist –, möchte ich annehmen, dass dem deutschen Autor diese Figuren deutlich wichtiger waren. Die Reise, das Abenteuer werden in den Werken Mays zum way of life und die Konzentration auf die Taten gerade dieser Außenseiter bringt das Konzept von „Heimat“ als einem festgelegten biografischen Ort deutlich ins Wanken. Nicht nur fühlen sich die Abenteurer in der Ferne zu Hause – man vergleiche Old Shatterhand nur einmal mit einem anderen Weltenbummler des deutschen Kinos, Freddy Quinn, der die Ferne vor allem braucht, um sein Deutschsein zu retten –, sie gestalten die Geschichte ihrer Wahlheimat aktiv mit. Das hat bei Karl May aber nur wenig mit Kolonialismus oder Chauvinismus zu tun: Die Reisenden sind nicht gekommen, um den Segen in Form der Zivilisation zu den „Wilden“ zu bringen, vielmehr geht es ihnen gerade darum die „Fremdheit“ der Fremde zu bewahren, sich den Bemühungen der Kolonialisten entgegenzustellen. (Dass die Vorstellung von „Fremdheit“ selbst natürlich wieder eine kolonialistische Projektion ist, steht auf einem anderen Blatt.) Dieser Hasenpfeffer mag mit seinem schwäbischen Akzent, dem mantraartig vorgetragenen Fakt der 99 Katholiken in seinem Heimatort am Neckarstrand und dem Koffer mit den Kuckucksuhren eine Karikatur auf provinzielle Spießer sein, aber sein Handeln steht dem deutlich entgegen. Gleich zu Beginn beweist er großes Herz, wenn er sich den Banditen in die Hände wirft, um Sternau zu retten, obwohl er bereits in Sicherheit war. Es spricht einiges dafür, dass es gerade diese kleinen „Spießerfiguren“ waren, die Karl May am Herz lagen und damit näher waren als seine strahlenden Helden, die immer wie ein weit entferntes Ideal, weniger wie Menschen aus Fleisch und Blut erscheinen. Lex Barker verkörpert gewissermaßen die Utopie, während Ralf Wolter für die Realität steht.

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