insidious: chapter 2 (james wan, usa/kanada 2013)

Veröffentlicht: April 23, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , , , ,

Irgendein Musiker, ich weiß nicht mehr, wer es war, hat mal etwas gesagt, das ich bis heute für absolut plausibel gehalten habe: Durchschnittlich begabte Menschen liefern immer mehr oder weniger Durchschnitt ab. Die Unterschiede zwischen ihren besseren und schlechteren Werken sind nur gering. Sogenannte Genies und Meister hingegen liefern am einen Tag ein Meisterwerk ab und am nächsten gelingt ihnen gar nichts. Es liegen Welten zwischen ihren Meisterleistungen und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. Stattdessen hat er bislang relativ verlässlich „brauchbare“ Unterhaltungsware abgeliefert, die mal ein bisschen besser (DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS), mal ein bisschen schlechter (SAW, THE CONJURING) geraten war. Wenn obige These stimmte, dann hätte es INSIDIOUS: CHAPTER 2 nicht geben dürfen, der eines der bodenlosesten Sequels ist, das ich seit einiger Zeit gesehen habe und mich gestern nicht nur massiv gelangweilt, sondern mit fortschreitender Spielzeit mehr und mehr angenervt hat. Wie dieser stinkende Haufen Dung zu seiner 6,7-Punkte-Wertung auf IMDb kommt, ist mir ein Rätsel. (Ist es natürlich nicht, aber ich glaube eben grundsätzlich an das Gute im Menschen.)

Nach den Ereignissen in INSIDIOUS ist nun also Ehemann Josh (Patrick Wilson) von einem bösen Geist besessen, der im Haus seiner Mutter Lorraine (Barbara Hershey), in der sich die ganze Familie niedergelassen hat, herumspukt. Die Ermittlungen der ebenfalls aus dem ersten Teil reaktivierten Geisterjäger Specs (Leigh Whannell) und Tucker (Angus Sampson) führen in die Vergangenheit: in Joshs eigene, in der er bereits schon einmal von einem Gespenst heimgesucht worden war, aber auch in die eben jenes von ihm Besitz ergreifenden Geistes, der Mutter eines gewissen Parker Crane, der sich nach einer misslungenen Selbstkastration in eben jenem Krankenhaus umbrachte, in dem Lorraine einst ihren Dienst als Krankenschwester verrichtete. Während die Geisterjäger rätseln, wie sie den Spuk auflösen, gerät Josh, der nun selbst psychopathische Züge an den Tag legt, immer mehr in seinen Bann …

Es ist ein Allgemeinplatz, der dadurch jedoch nicht an Gültigkeit verliert: Horrorsequels, die dazu antreten, die „Lücken“ ihres Vorgängers zu stopfen, dem Horror, der doch gerade aus dem Unerklärlichen erwächst, quasi eine Biografie zu geben, unterminieren ihre eigene Grundlage. INSIDIOUS: CHAPTER 2 ist nicht nur kein Stück gruselig oder unheimlich, sondern jederzeit vorhersehbar und zudem gleichermaßen fürchterlich anstrengend und albern in der aufgesetzten Ernsthaftigkeit, mit der er diesen Unfug verkauft. Es ist gar nicht so entscheidend, dass die Antworten, die Autor Whannell und Regisseur Wan auf die Fragen finden, die sich nach dem ersten Teil keiner ernsthaft gestellt hat, durch und durch enttäuschend und egal sind: Allein die Tatsache ihres Versuchs, Erklärungen zu liefern, bedeutet das Scheitern ihres Films, der keinen Raum für Überraschungen lässt, das Beunruhigende jeglicher Potenz beraubt, indem er es in einen logischen Rahmen zwängt. INSIDIOUS: CHAPTER 2 hat ein strukturelles Problem.

Dass ihm aber nicht einmal ein paar brauchbare Schocks oder Gänsehautmomente gelingen, ist schon fast als Skandal zu bezeichnen. Wenn man bereits nach der Hälfte eines Horrorfilms genervt auf die Uhr schaut, ist definitiv etwas schief gelaufen. Die Crux ist natürlich, dass man schon von Anfang an weiß, was man zu erwarten hat. Im Hause Lorraines geht ein rachsüchtiger Geist um, der den Körper von Josh erobern will. Daran, die effektiven scares des Vorgängers zu wiederholen, hat Wan offensichtlich kein Interesse, was grundsätzlich lobenswert ist, nur ist das, was er stattdessen bietet, leider nicht besser. Ab und zu huscht sehr erwartbar ein Gespenst im Hintergrund durchs Bild, immer und immer wieder geht dieses nervtötende Babyspielzeug von allein los, so als sei Krach die Lösung aller selbst verursachten Probleme. Und schließlich dieser Irrglaube, der Spuk würde unheimlicher, wenn man wüsste, wie er anno dunnemals seinen Anfang nahm. Die Verrenkungen, die das Drehbuch nimmt, um irgendwie noch etwas zu erzählen zu haben, wo doch eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist, spiegeln sich auch im Kleinen: Da gibt es diese Szene, in der der mittlerweile bösartige Josh mit der Hand hinter dem Rücken vor einem der Parapsychologen steht. Es ist schon vorher völlig klar – dem Zuschauer wie dem Geisterjäger –, dass Josh Übles im Schilde führt und auch, was er da hinter dem Rücken halten könnte, gibt keinerlei Rätsel auf. Trotzdem nehmen Whannell und Wan dies zum Anlass für eine vollkommen ins Leere schießende Suspenseszene, die bestenfalls ein geplagtes Stöhnen hervorruft: „Was trägst du da hinter dem Rücken?“, fragt der Geisterjäger begriffsstutzig. „Frag‘ doch deine Würfel!“, gibt Josh zurück. Der Geisterjäger wirft daraufhin gerhorsam seine Buchstabenwürfel und mit bedeutungsschwangerem Tamtam fängt die Kamera das Wort ein, das sie bilden: „Knife“. So geht Horror für Lernbehinderte. Am Schluss feiert auch das Medium Elise Rainier (Lin Shaye) seine Rückkehr, jene Frau, die Josh schon als Kind „behandelte“ und die in INSIDIOUS von ihm – bzw. von dem Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte – umgebracht worden war. Anstatt das einfach so stehenzulassen, schließlich befinden wir uns in einem Horrorfilm, in dem man die Anwesenheit eines Geistes durchaus akzeptieren kann, müssen Whannell und Wan noch klarstellen, dass die liebe Frau mitnichten im düsteren „further“, dem Zwischenreich rachsüchtiger Geister, herumspuken muss. Nein, versichert sie ihren beruhigt aufatmenden Ex-Assistenten, sie komme von einem schönen Ort und werde nach getaner Arbeit auch dahin zurückgehen. Na gottseidank, dass das mal klargestellt wurde.

Das ganze Versagen von INSIDIOUS: CHAPTER 2 wird jedoch nirgends so deutlich wie im obligatorischen Cliffhanger, mit dem hier noch ein weiteres Sequel, man kann es nicht anders sagen, angedroht wird. Wieder einmal besucht Elise das Haus, in dem sie einen Geist vermutet, wieder einmal fährt die Kamera unheilschwanger an das Gesicht der hübschen Tochter heran, wird mit anschwellendem Dröhnen suggeriert, etwas lauere hinter ihr. Und wieder einmal zeigt der Gegenschuss das Gesicht Elises, das wieder einmal signalisiert, dass das, was sie da jetzt sieht, aber wirklich das absolut Schlimmste ist, mit dem sie je konfrontiert wurde. Ich gönne ihr ihre Affektivität, wirklich, nur ist die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und meinem nach dem Durchleiden von 105 Minuten fußlahmer Mystery absolut frappierend. Ich war während dieser Szene schon auf halbem Weg zum Fernseher, um den Film endlich ausschalten zu können.

 

 

Kommentare
  1. ekkardbaeuerle sagt:

    Stimmt leider alles, dabei war der Erstling ein wahres Fest. Und die Kampagne zur Anmoderation von Teil 2 ebenso! Der Film selber war dann aber tatsächlich ein Stinker. Schade, Tomate!

Schreibe eine Antwort zu ekkardbaeuerle Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.