die hard (john mctiernan, usa 1988)

Veröffentlicht: Mai 11, 2014 in Film
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Eine – auch von mir – oft ohne weitere Erklärung in den Raum geworfene These zum Actionfilm besagt, dass die beiden kurz aufeinander folgenden Spätachtziger-Superhits LETHAL WEAPON und DIE HARD eine Stilwende einleiteten und das eventlastige Actionkino der Neunzigerjahre begründeten. Von den Filmen von Stars wie Stallone, Schwarzenegger, Norris oder den Legionen kerniger Typen, die in ihrem Gefolge Kinos und Videotheken fluteten, unterscheiden sich beide zuerst durch ihre Hauptfiguren und -darsteller: Keine aus Granit gemeißelten Halbgötter, sondern Durchschnittstypen mit Privatleben, Familie und den damit einhergehenden Sorgen und Problemen. Das schlägt sich auch auf die Handlung nieder, in die sie weniger hineingeworfen wurden, um einen unabhängig von ihnen existierenden Konfliktzu lösen, wie die vielen stellvertretend den Kalten Krieg bewältigenden Supersoldaten, die das Genre beherrschten, als dass sich diese Konflikte um sie herumentfalteten, gewissermaßen als Ausdruck ihres inneren Tumults. Wie Thomas Elsaesser in seinem Buch „Hollywood heute“ recht eindrucksvoll belegt, geht es für den Helden wider Willen John McClane in DIE HARD neben der Befreiung von Geiseln (und einem modernen Hochhaus) aus der Hand von Schurken vor allem darum, seine Ehe zu retten (und für Martin Riggs in LETHAL WEAPON eben darum, wieder ein Mitglied der Gesellschaft zu werden). Das ist dann eben nicht nur Anlass für Kämpfe, Schießereien und Explosionen, sondern auch für eine komische Entzauberung des Actionhelden, der sich todesmutig Aufgaben herkulischen Ausmaßes stellt, aber an der vermeintlich banalen Bewältigung des Alltags scheitert.

DIE HARD baut seine zweigleisige Handlung, wie Elsaesser analysiert, auf einem „Bilderrätsel“ auf: Die erste Szene des Films zeigt den New Yorker Polizisten John McClane nervös an Bord eines Flugzeugs nach Los Angeles, wo er seine Frau auf der Weihnachtsfeier ihres Arbeitgebers besuchen will. Ihre Ehe befindet sich in einer Krise, seit sie für ihre Karriere mitsamt den beiden gemeinsamen Kindern nach Kalifornien umzog. Das passt nicht in sein eher traditionelles Rollenverständnis, nach dem der Ehemann für die Versorgung zuständig ist und die Frau für seine Unterstützung. Die Trennung fordert ihn zu einem Umdenken heraus, wenn er seine Ehe retten will. Die Lösung dafür gibt ihm sein Sitznachbar an die Hand. McClanes Nervosität bemerkend, rät er ihm, Schuhe und Socken auszuziehen und „Fäuste“ mit seinen Zehen zu machen. Zuerst scheint dieser Rat nur anekdotische Bedeutung zu haben, doch Elsaesser zeigt im Verlauf seines Essays, dass es mehr damit auf sich hat. McClanes Füße spielen im weiteren Verlauf des Films eine wichtige Rolle: Nach der in einem dummen, von ihm heraufbeschworenen Streit resultierenden ersten Begegnung mit seiner Frau in den Büroräumen des Nakatomi-Hochhauses, zieht der Cop seine Schuhe aus, um den Rat des Mannes zu befolgen und seine Nervosität – die weniger vom Flug als vielmehr der Angst vor dem Treffen mit seiner Gattin herrührte – zu mildern: mit Erfolg. Doch als die Gangster um Hans Gruber die Büroräume überfallen, bleibt ihm keine Zeit mehr, seine Schuhe wieder anzuziehen und er muss seinen Kampf, der ihn bis in die Eingeweide des Hochhauskomplexes führt, barfuß kämpfen. Ersatzschuhe verweigert ihm das Drehbuch – konsterniert bemerkt er, dass die Füße eines von ihm beseitigten Verbrechers kleiner sind als die seiner Schwester – und so steht er später gewissermaßen doppelt verwundbar vor seinen Gegnern. Den Blick Grubers auf seine mittlerweile völlig verdreckten Füße quittiert er mit einem selbstironischen „Like being caught with your pants down“, später machen die Schurken sich seine Verletzlichkeit zunutze und zerschießen alle Glasscheiben um ihn herum, zwingen ihn über Scherben zu laufen – mit blutigem Resultat. An McClanes Füßen zeichnet sich seine persönliche Passionsgeschichte ab, die in der Wiedervereinigung mit seiner Ehefrau resultiert. Das Bilderrätsel der Zehen, die Fäuste machen, ist als Aufforderung an ihn zu verstehen, seine weibliche, verwundbare Seite zu zeigen und so ihre Bedürfnisse zu verstehen: ,Ballen Sie Ihre Zehen zu Fäusten‘ muss von innen nach außen gelesen werden und von hinten nach vorne, um di heilende Formel für McClanes Dilemma als Macho preiszugeben: ,Mache Zehen aus deinen Fäusten‘, also gestehe die weibliche Seite der Männlichkeit ein, öffne die Gewalt auf Verletzlichkeit hin. Um ein guter Vater und Ehemann zu sein, muss der alte Macho zum neuen Mann werden – bevor er wieder zum neuen alten Macho werden kann […]“

Diese Verwandlung geht in DIE HARD einher mit der eher genretypischen „Archaisierung“ des Actionhelden: McClane wird erst „entkleidet“ und dann gezwungen, gegen ihm technisch überlegene Gegner zu improvisieren. Die architektonische Struktur des Hightech-Hochhauses, die ihn umgibt (ein weiterer Kontrast: das Gebäude gehört einem japanischen Großkonzern, der stellvertretend für die in den Achtzigerjahren gefürchtete Wirtschaftspotenz Japans steht), wird zum indochinesischen Urwald des Spätkapitalismus, samt vertikaler und horizontaler Tunnel, „Lianen“, an denen sich McClane entlanghangeln muss, tiefen Schluchten, Verstecken und tückischen Fallen. Am Ende, wenn das Nakatomi-Hochhaus in Flammen steht, stürzt McClane in den künstlichen Teich, der die Büroräumlichkeiten ziert und taucht daraus auf in ähnlich triumphaler Pose auf wie John Rambo in RAMBO: FIRST BLOOD PART II. Eric Lichtenfeld zitiert in seinem Buch Production Designer Jackson DeGovia – „When I first read the script, I saw a jungle maze. […] When the building is a jungle, people revert to utter realism, which is savagery. There are entire sequences where McClane moves through the building not touching the floor, like a predator in the jungle.“ – und notiert: „Several major sequences unfold according to DeGovia’s description, and, when coupled with the [sic!] McClane’s guerilla tactics, draw DIE into a certain kinship with the genre’s RAMBOs, MISSING IN ACTIONs, and RED DAWN.“ Und, zum Beweis von DeGovias Aussage: „In the first of these escapades McClane flees from pursuing terrorists after trying to alert the police. He squeezes through fan blades, dashes along a catwalk, zips down a ladder, works his way into an air shaft, uses the canvas strap from his machine gun to lower himself down, nearly inverts himself reaching for a duct, falls, catches a duct further down, worms his way inside, and finally, drops from an air vent onto the floor of the boardroom. The whole sequence runs approximately six minutes. McClane’s bare feet touch the floor three times.“

Es ist ziemlich spannend zu betrachten, wie diese Verwandlung durch Reduktion, die McClane durchläuft, mit einer Entwicklung seines Darstellers einhergeht. Bruce Willis war mit der von 1985 gestarteten Fernsehserie MOONLIGHTING bekannt geworden, die ihm vor DIE HARD zu zwei nicht weiter auffälligen Kinohauptrollen verholfen hatte (in Blake Edwards‘ BLIND DATE und SUNSET). Wenn er in DIE HARD zum ersten Mal zu sehen ist, wirkt er nicht wie ein Kandidat für den Superstar, der er im Folgenden werden sollte: Er sieht im Gegenteil aus wie das Gegenteil davon, ein Durchschnittstyp in Durchschnittsklamotten und mit Drei-Dollar-Haarschnitt, wie ein Mann, der im Fernsehen zu Hause ist, dem der überlebensgroße Charme, den es für die Leinwand braucht, ziemlich abgeht. Die Differenz zwischen diesem „Newcomer“ – 1988 immerhin auch schon 33 Jahre alt – und dem Willis der Gegenwart, einem elder statesman des Actionkinos, einer absoluten Genre-Ikone, ist gewaltig. Doch das ändert sich im Laufe des Films: Je mehr McClane von sich preisgeben muss, je mehr Narben seinen Körper zeichnen, umso mehr Profil gewinnen damit auch Willis, der graduell in seine bis heute wirksame Persona des todesmutigen, lakonischen daredevils hineinwächst. In den weiteren Teilen der mittlerweile fünf Filme umfassenden Reihe wird dies immer mehr zur Masche: Die Prüfungen, die McClane durchlaufen muss, werden immer schwieriger, sein Körper muss immer mehr aushalten, seine im ersten Teil noch in einer persönlichen Involvierung geerdeten Tollkühnheit, wächst sich zur handfesten Lebensmüdigkeit, zur einer beinahe psychischen Disposition aus.

Dem Actionkino der Neunzigerjahre stehe ich nicht grundsätzlich negativ, wohl aber skeptisch gegenüber. Was in den Achtzigerjahren zwar gleichfalls produktionstechnisch aufpoliert wurde, behielt nichtsdestotrotz sein Affektpotenzial: Gewalt war laut und over the top, aber immer schmerzhaft und niemals folgenlos. Mit Ansteigen der Budgets und dem damit einhergehenden Zwang, größere Zuschauermengen zu mobilisieren, verlor der Actionfilm in den Neunzigern diese Schärfe. Die sanitized violence, die im vorangegangenen Jahrzehnt dem Fernsehen vorbehalten war, erreichte nun auch das Kino. Das sieht man auch in der DIE HARD-Reihe, deren Beiträge immer größer, immer absurder, immer schematischer werden. Aber DIE HARD zeigt ohne Frage, welches Potenzial dem neuen Actionkino einmal innewohnte, das sich der neue Humor und die alte Körperlichkeit nicht ausschlossen. Es gibt da diese Szene, in der die Verbrecher sich mit dem freundlichen Manager Takagi zu Verhandlungen zurückziehen und dabei am riesigen Modell eines aktuellen Projekts vorbeikommen: Er liebe die in diesen Modellen zum Ausdruck kommende „attention to detail“, gesteht der schurkische Gruber und spricht damit auch aus, was den Film als Ganzes auszeichnet, von seiner in sich gefalteten Handlungsstruktur und McClanes Charakterentwicklung, die die Triebfeder des Films ist, über die Inszenierung des Handlungsortes bis hin zur Charakterisierung der Schurken und dem Rapport zwischen McClane und seinen Verbündeten außerhalb. Nicht zu vergessen, sind seine Actionszenen schlicht atemberaubend, ohne die so wichtige Physis und Glaubwürdigkeit zu vernachlässigen. DIE HARD ist Action in Perfektion und verdientermaßen einer der ewigen Klassiker nicht nur seines Genres.

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