das mädchen von hongkong (jürgen roland, deutschland 1973)

Veröffentlicht: Mai 13, 2014 in Film
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Joachim Fuchsberger ist Frank Boyd, ein Mann unbekannter Herkunft und nicht genannten Berufs, der nach Hongkong reist, um dort seinen „Kumpel“ Edward Collins (Jimmy Shaw) zu besuchen. Der ist mittlerweile aber schon tot, umgenietet von den Schergen des prolligen Delgado (Arthur Brauss), weil er irgendeiner krummen Sache auf die Spur gekommen war, in der jener seine schmutzigen Finger hatte. Bevor sich Frank, der als Andenken an Edward ein güldenes Feuerzeug mit sich herumträgt, jedoch um die Lösung des Mordfalles kümmern kann, muss er sich des titelgebenden Geschöpfes annehmen. Die zierliche – man könnte auch sagen flachbrüstige und nahezu skeletale – Mai Li (Li Paelz) möchte aus Macau in Hongkong einreisen, wird vom zuständigen Zollbeamten aufgrund geltender Regelungen aber nicht reingelassen. Da kann Frank Boyd nicht tatenlos zusehen: Er zahlt 2.000 Hongkong-Dollar – ca. 1.320 DM, wie wir dank der Roland-typischen Einführung mit informativem Voice-over wissen –, um für die Unbekannte zu bürgen und erkauft sich damit für den Rest der Spielzeit devote Opferbereitschaft, hündische Ergebenheit, kindlich-naive Kommentare und natürlich die Bereitschaft zu allen denkbaren körperlichen Dienstleistungen des Rehauges, die Boyd aber, Gentleman, der er ist, mit geradezu ritterlicher Tadellosigkeit ausschlägt. Außerdem ist er nun aber pleite, was insofern ärgerlich ist, als er das Geld dringend braucht, um seinen Pass zurückzukaufen, den er dem Zollbeamten als Sicherheit hinterlegen musste. (Geschäftsmethoden, die auf eine überaus löchrige Staatskasse der Kronkolonie schließen lassen.) Eine Möglichkeit, an Bargeld zu kommen, ist eben die Lösung des Mordes an seinem Freund und die damit verbundene Belohnung, die von dessen zwielichtiger Familie – Schwiegerpapa Harris (Grégoire Aslan), Gattin Meredith (Véronique Vendell) und Schwägerin Catherine (Eva Garden) – bereitgestellt wird. Nachdem er mit dem Auftrag, den Mörder zu finden, betraut wurde, gehen die Anschläge auf sein Leben los. Offensichtlich hat jemand großes Interesse daran, die Gründe für Edwards Tod geheimzuhalten. Doch Frank weiß sich zur Wehr zu setzen – und noch einiges mehr.

DAS MÄDCHEN VON HONGKONG (dessen Titel nicht nur aufgrund der falschen Präposition und der Tatsache, dass Mai Li aus Macau stammt, unglücklich ist: Ich komme darauf zurück.) ist der letzte von Wolf C. Hartwigs „Hongkong-Reißern“: Ihm gingen HEISSER HAFEN HONGKONG, WEISSE FRACHT FÜR HONGONG, EIN SARG AUS HONGKONG und DIE JUNGEN TIGER VON HONGKONG voraus. Jürgen Rolands Film präsentiert eine für heutige deutsche Augen reichlich seltsame Melange aus Actionfilm, Exotismus, Sex und Sleaze, die aber mit der Gediegenheit und handwerklichen Seriosität eines cinematischen Großereignisses für die ganze Familie in Szene gesetzt wurde. Man orientiert sich ganz offenkundig an den großen Vorbildern aus Übersee, ohne dem Titel jedoch die bundesdeutsche Staubigkeit ganz auszutreiben, die man in den Sechzigerjahren schon an den Edgar-Wallace-, Bryan-Edgar-Wallace-, Dr. Mabuse- oder Jerry-Cotton-Reihen zu schätzen gelernt hatte. Es ist diese Kollision des Weltgewandten, Polyglotten, Verlockend-Bunten, des Großen und Spektakulären mit dem Staubig-Miefigen, Kleingeistigen, Provinziellen und Spießigen, die DAS MÄDCHEN VON HONGKONG zum explosiven Kracher macht, und Joachim Fuchsberger verkörpert dieses Widersprüchliche par excellence. Auf der einen Seite ist er der attraktive Mann, den man aufgrund seines guten Aussehens sowie seiner Erfahrung und sympathischen Ausstrahlung durchaus als deutschen Actionstar akzeptieren mag. Auf der anderen ist da aber eben auch diese joviale Kumpelhaftigkeit, gepaart mit bürokratischer Verbindlichkeit, das Schwiegersohnhafte, die Vorliebe fürs umgangssprachliche Bonmot („Raus aus den Pantoffeln, rin inne Pantoffeln“, sagt er einmal), die bürgerliche Entrüstung, der gerechte Zorn, der Hang dazu, die Welt als strukturschwachen Vorort Deutschlands zu begreifen, dem man unter die Arme greifen muss, seine Bewohner als bemitleidenswerte Halbwilde zu betrachten, deren Versuche, das eigene Leben zu meistern, man mit jener geduldig-amüsierten Nachsicht beäugt, die man auch tolpatschigen Hundewelpen zuteil werden lässt. Das erwähnt Schwiegersohnhaft-Verbindliche wird in DAS MÄDCHEN VON HONGKONG zudem immer wieder durch irritierende Sleaze-Einschübe unterwandert: Zwar kann sich Boyd unter Aufbringung seiner ganzen Onkeligkeit den Avancen der androgynen Mai Li erwehren, aber für richtig klare Verhältnisse sorgt er auch nicht. Er spielt erst den Tugendbolzen, als er erfährt, dass Mai Li bei einer Freundin im Puff unterkommt, genießt in ihrer Abwesenheit dann aber doch die als Freundschaftsdienst verabreichten Massagen der Nutten, die sich dafür auch den Oberkörper freimachen. Und als sich das ihm beinahe hörige Mädchen splitterfasernackt zu ihm ins Bettchen legt, da sagt er auch nicht Nein, obwohl er seine Fühler längst nach der feschen Catherine ausgestreckt hat.

Ja, diese Mai Li ist der Ansatzpunkt, wenn man der Schmierigkeit des Films auf den Grund gehen will. Der Titel lenkt den Fokus ganz eindeutig auf sie und ihre Anwesenheit legt zunächst den Verdacht nahe, dass sie irgendetwas mit dem Kriminalfall zu tun hat. Doch dem ist nicht so. Die Figur ist von noch nicht einmal tangentieller Bedeutung für den Plot und ganz ohne Probleme ließe sich die Geschichte ohne sie erzählen (die Schurken müssten dann am Ende lediglich ein anderes Druckmittel finden, um Boyd zu beeindrucken). Mai Li ist nicht mehr als ein verheißungsvolles Lockmittel für den männlichen Zuschauer und an bestimmte erotische Versprechungen geknüpft, die der Film auf höchst übergriffige, ausbeuterische Art und Weise erfüllt. Das selbstzweckhafte Herzeigen ihres Körpers ist nicht per se ein Problem: Unangenehm wird es vor allem, weil diese Mai Li als herzensgutes, aber intellektuell limitiertes und beinahe asexuelles Kind gezeichnet wird, das gar keine Ahnung hat, was mit ihr passiert. Dass die Synchro ihr – und allen anderen Chinesen – den aus unzähligen Kalauern beliebten rassistischen Sprachfehler angedeihen lässt, unterstreicht noch den Eindruck, dass sie als Mensch überhaupt nicht ernst genommen wird, lediglich ein Vehikel für die Triebbefriedigung der Zuschauer ist. Nur so ist auch das verblüffende Ende des Films zu erklären. Unter anderen Umständen würde ich es für seine Nonkonformität loben, aber hier fungiert es vor allem als Beleg dafür, dass man mit der Figur der Mai Li nichts anzufangen wusste, sie nicht als eigenständigen Charakter begriff, sondern lediglich als Strukturelement, um bestimmte Handlungen und Reaktionen Boyds anzustoßen. Ich spoilere jetzt einfach mal: Sie wird am Schluss von einem Killer erschossen, weil der sie für Boyd hält, und stirbt in den Armen ihrer Nuttenfreundin, der sie das Versprechen abringt, Boyd nichts von ihrem Tod zu erzählen. Die letzte Einstellung zeigt Boyd an Bord eines Schiffes in die Heimat, zerknirscht und ratlos ob des Verschwindens seiner Freundin, die ihm anscheinend doch ein wenig ans Herz gewachsen war. Kurz gesagt: Mai Li muss ins Gras beißen, um Boyd als harten Kerl mit weichem Kern zeigen zu können. Dass nur zwei Konsonanten sie von dem berühmten Gerhard-Polt-Sketch trennen, macht die Sache nicht besser.

Diese Kritik soll aber keinesfalls Zweifel daran aufkommen lassen, dass DAS MÄDCHEN VON HONGKONG ein Fest für Freunde deutscher Psychotronik ist – nicht zuletzt natürlich gerade wegen dieser Idiosynkrasien. Die Handlung ist angenehm egal, steht der dynamischen Plotabwicklung nie im Wege. Der Film ist eine bunte Folge von Schlägereien, Schießereien, markiger Dialoge und aufdringlicher Schlüpfrigkeiten, Hongkong bietet eine interessante und vielseitige optische Kulisse, Arthur Brauss ist wie immer göttlich, genauso wie die Heerscharen chinesischer Backpfeifengesichter, die für Neben- und Kleinstrollen engagiert wurden. Der Beatsound treibt den Film zu hohem Tempo, Jürgen Roland schießt wie gewohnt schnell und aus der Hüfte und nach 90 Minuten herzerfrischenden Schabernacks würde man gern noch einen nachlegen. Es ist schon erstaunlich und heute kaum noch nachvollziehbar, wie eine solche Mischung zustande kommen konnte: DAS MÄDCHEN VON HONGKONG ist gleichermaßen frisch, schwungvoll und undeutsch wie er seine Herkunft dann doch zu keiner Sekunde verleugnen kann. „German Action“ ist ein heute undenkbares Label, man will eigentlich gar nicht, dass es so etwas gibt, weil man ahnt, wie schmerzhaft peinlich das in der heutigen deutschen Filmlandschaft geraten muss. Jürgen Roland und Zeitgenossen waren damals verdammt nah dran. Was hätte daraus nur werden können …

Kommentare
  1. macingosh sagt:

    Sehr amüsante Rezension. Kann mich nicht daran erinnern, den Film je gesehen zu haben Ich glaube, ich werde mal meine Fühler danach ausstrecken.

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