die hard with a vengeance (john mctiernan, usa 1995)

Veröffentlicht: Mai 15, 2014 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Nach DIE HARD 2 zogen fünf Jahre bis zur nächsten Fortsetzung ins Land, die damals wie eine Ewigkeit schienen. Der Erfolg von Steven Seagals UNDER SIEGE, einem nach dem erprobten DIE HARD-Schema konzipierten Actionfilm, der den Ex-SEAL Casey Ryback an Bord eines ausgedienten Kriegsschiffes gegen eine Bande von Terroristen antreten lässt, machte einem dritten, auch auf einem Schiff angesiedelten Film um John McClane zunächst einen Strich durch die Rechnung. Die Produzenten musste sich etwas Neues ausdenken, wollten sie den Vorreiterstatus ihres Franchises bewahren und nicht mit der Kopie einer Kopie in die Kinos drängen. Schon die Rückkehr John McTiernans auf den Regiestuhl durfte man als Signal bewerten: Hier sollte die Geschichte des Actionfilms gleich noch einmal umgeschrieben werden, so wie das sieben Jahre zuvor  gelungen war. Auch, dass man statt eines abgeschlossenen Settings nun ganz Manhattan als Spielwiese nutzte, machte den Anspruch der Produzenten deutlich, neue Standards zu setzen. Der Coup gelang, der Film wurde zum ertragreichsten Film des Jahres, auch wenn Kritiker die nervenzerrende Spannung der Vorgänger, die eben nicht zuletzt aus der Beschränkung auf einen abgeschlossenen Schauplatz erwuchs, vermissten. Dem damals 19-jährigen Autor, der DIE HARD WITH A VENGEANCE im Kino genoss, ging es ganz ähnlich: Auf der einen Seite wurde er eines meisterhaft in Szene gesetzten Actionfilms ansichtig, auf der anderen Seite fehlte da genau das, was ihm die beiden Vorgänger so ans Herz geschweißt hatte. (Und das war nicht nur Willis‘ Stammsynchronsprecher Manfred Lehmann, der hier unpassenderweise Thomas Danneberg wich, den man eigentlich mit Stallone und Schwarzenegger verband.)

Nein, was man an diesem dritten Teil logischerweise vermisst, das ist die Leichtigkeit und Lockerheit der beiden Vorgänger. DIE HARD hatte natürlich den Vorteil, gewissermaßen aus dem Nichts zu kommen, keine wolkenkratzerhohen Erwartungen erfüllen zu müssen. Aber es fällt auch heute noch auf, wie unglaublich organisch sich seine überaus konstruierte Handlung entfaltet. DIE HARD WITH A VENGEANCE ist inhaltlich wieder näher dran am Original als Harlins Sequel, das sich sozusagen auf das „Kerngeschäft“ konzentrierte, aber unter dem Druck, den erarbeiteten Ruf zementieren zu müssen, ist ihm jede Lässigkeit leider abhanden gekommen. Das sieht man auch an John McClane, der hier unter dem Eindruck eines gewaltigen Hangovers steht und sich förmlich durchbeißen muss durch die Herausforderungen, die ihm sein neuer Gegner, Hans Grubers Bruder Peter Krieg (Jeremy Irons), stellt: McClane lässt zu keiner Sekunde einen Zweifel daran, dass er lieber woanders wäre. Seinen spitzbübischen Charme und die mit seinen körperlichen Selbstverleugnungen graduell mitwachsende Euphorie, die ihn in den beiden Vorgängern zu einer idealen Identifikationsfigur gemacht hatten, sucht man hier vergeblich. Er hat keine Freude an seiner Arbeit. Was auch daran liegen mag, dass das Drehbuch den Film bis unter die Hutkrempe mit Missionen und Submissionen, mit Twists und Turns, mit Finten und falschen Fährten vollstopft, aber kaum einmal Menschen aufeinandertreffen lässt. Klar, hinter der durchkonstruierten Plotline steckt das Vorhaben, nach dem „einfachen“ Geiseldrama des zweiten Teils zu den Wurzeln zurückzukehren. Aber es musste eben noch einer draufgesetzt werden: Somit geht es nicht mehr allein um Räuber, die sich zur Tarnung als Terroristen ausgeben, sondern um Räuber, die sich zur Tarnung als Terroristen ausgeben, die eine persönliche Rechnung mit McClane zu begleichen haben. Und weil das immer noch nicht reicht, wird McClane noch der Afroamerikaner Zeus (Samuel L. Jackson) zur Seite gestellt, sodass DIE HARD WITHA VENGEANCE auch ein bisschen Buddy-Movie ist, und die Schule mit einer Bombe bedroht, auf die die zwei kleinen Jungs aus Zeus‘ Umfeld gehen, um für das human interest zu sorgen. Die erste Hälfte ist ganz geschäftige Schnitzeljagd durch Manhattan und an den einzelnen Stationen warten knifflige Knobelaufgaben auf die Helden: Das ist, wie gesagt alles arg an den Haaren herbeigezogen und überkonstruriert, aber dennochschwungvoll und dynamisch. Der Film verreckt in der zweiten Hälfte, wenn die Masche der Schurken durchschaut ist und alles auf eine dann irgendwie müde Verfolgung herausläuft. Und der Showdown schließlich ist eine einzige Enttäuschung. Viel Arbeit, wenig Magie.

Es sind eher einzelne Stunts, Gags und Actioneinlagen, die packen, als der Gesamtentwurf: McClane mit dem rassistischen Schild in Harlem, 90 Blocks in 30 Minuten während der New Yorker Rush Hour, der blutige Shootout im Fahrstuhl, der von einem Stahlseil halbierte Bösewicht. Die Aufzählung liefert schon ein recht beredtes Beispiel dafür, was ich immer meine, wenn ich vom eventisierten Actionfilm der Neunzigerjahre schreibe und spreche. Der Fokus liegt nicht auf handfester Auseinandersetzung, auf der Übersetzung von Emotion in Bewegung, sondern auf vordergründigem Spektakel, das immer noch einen draufsetzen muss. Da wird McClane im LKW von einer riesigen Flutwelle verfolgt und von einer Fontäne in die Luft geschossen, springen die beiden Helden am Schluss vor einer atombombengroßen Explosion ins Wasser – was natürlich die Rettung bedeutet. Da muss es nach Hans Grubers hünenhaftem blonden Killer diesmal eben ein stets pantherhaft-dominant durchs Bild schleichendes henchwoman und nach Hochhaus und Flugplatz eine ganze Metropole sein, die lahmgelegt wird. Am Ende bleibt auffallend viel ungeschöpftes Potenzial liegen. Heute, sprich: nach 2001, sähe dieser Film ganz anders aus, würde das Gefühl der Unsicherheit, einer sich tief in die Häuserschluchten senkenden Bedrohung, das hier immer nur ganz kurz aufblitzt, wohl deutlich stärker herausgearbeitet.

Auf zwei kleinere Momente will ich noch kurz eingehen. Der eine ist ein instant classic, vom Start weg zum Inszenierungsklischee geronnen, das heute zum guten Ton gehört: Ich meine natürlich die Auftaktsequenz, wenn die establishing shots eines geschäftigen, unter der Sommerhitze leidenden New Yorks, durch das Joe Cocker sein „Summer in the city“ röhrt, wie aus dem Nichts von einer Explosion zerrissen werden. Ein großartiger Start, dem der Film streng genommen nichts mehr hinzuzusetzen weiß. Der andere ist ein kleiner, leiserer. Er passiert, wenn McClane und Zeus in den Park eilen, wo sie einen weiteren Anruf des Schurken erwarten. Die Kamera wackelt orientierungslos im heute üblichen Verité-Stil hinter den Protagonisten her, verliert sie fast aus dem Blick, die Nachmittagssonne scheint golden durch die Baumwipfel, die Szenerie ist trotz größter Aufregung von jener müden, schweren Stille, nur aus ungewisser Entfernung dringt dieses unheilvolle, fast geisterhafte Klingeln eines Telefons ans Ohr. McClane wird in DIE HARD WITH A VENGEANCE herumgewirbelt, angeschossen, gejagt, verdroschen und weggesprengt, er stürzt ab, wird hochgeworfen, fast ersäuft, blutet, schwitzt und leidet. Aber diese kurzen Sekunden mit dem Telefon sind die wahrhaftigste körperliche Erfahrung, die der ganze Film bereithält.

 

Kommentare
  1. Jens Jeddeloh sagt:

    Ich stimme dem Text im Großen und Ganzen zu, insbesondere was den wundervollen Auftakt des Filmes angeht. Zum Glück hört man nicht das ranzige Cover von Joe Cocker, sondern das schöne
    Original von den Lovin´Spoonful.
    Soviel Klugscheißerei muss sein.
    Herzlichen Gruß
    Jens Jeddeloh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..