step up 2: the streets (jon m. chu, usa 2008)

Veröffentlicht: Mai 26, 2014 in Film
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Ließ sich STEP UP noch recht viel Zeit mit seiner Geschichte, würzte diese bis zu seinem großen Tanzprüfungs-Finale nur gelegentlich mit eher zurückgenommen inszenierten Tanzszenen und legte den Fokus stattdessen auf die zwischenmenschlichen Konflikte, die mit einer Geduld ausgebreitet wurden, welche in eklatantem, aber sympathischem Missverhältnis zu deren Klischeehaftigkeit stand, so wird der Fokus mit dem Wechsel auf dem Regiestuhl nun eindeutig auf die tänzerische Bewegung gelegt. Je spektakulärer und länger diese Tänze werden, umso formelhafter und damit auch absurder wird notgedrungen die Geschichte – sehr zur Freude des Betrachters, der hier einige Belege für die These von der strukturellen Verwandtschaft von Tanz- und Actionfilm an die Hand bekommt.

Schon die Eröffnungsszene allein ist aufregender und visuell kreativer als der gesamte inszenatorisch und visuell eher biedere erste Teil: Ein zwielichtiger junger Mann steigt in einen U-Bahn-Waggon und zeigt sich den Passagieren nach kurzer Geheimniskrämerei mit einer furchteinflößenden Maske. Statt nun eine Waffe zu zücken, holt er jedoch zwei Drumsticks aus seiner Tasche und beginnt einen Beat gegen die Zugwand zu trommeln. Das ist das Signal für seine Kumpane: Mehrere der vermeintlichen Fahrgäste tragen plötzlich ebenfalls Masken und beginnen unter Zuhilfenahme von Sitzen und Haltestangen eine aufwändige artistische Choreografie zu tanzen. Immer mehr steigen in die Nummer ein, bis der Zug hält und die Tänzer den Ort des Geschehens, verfolgt von Ordnungskräften, fluchtartig verlassen. Bei den Tanzaktivisten handelt es sich um die Crew „410“, die angeführt von Tuck (Black Thomas) die Vorherrschaft in der Street-Dance-Szene Baltimores innehaben. Ihr Können zeigen diese Crews bei einem geheimen, illegalen Wettkampf namens „The Streets“, wo sich entscheidet, wer heiß und wer scheiß ist.

Eines der Mitglieder ist das Waisenkind Andie (Briana Evigan). Seit ihre Mutter an Krebs starb, lebt sie bei deren bester Freundin, die das Hobby der Pflegetochter mit Argwohn betrachtet. Auf ihren Druck hin bewirbt sich Andie am renommierten Tanzcollege MSA, das von dem ehemaligen Ballettstar Blake Collins (Will Kemp) geleitet wird, und wird schließlich aufgenommen. Das Engagement am College entzweit sie schließlich von ihrer Crew, aus der sie mitleidlos rausgeworfen wird. Auf Anregung ihres neuen Freundes Chase (Robert Hoffman), dem jüngeren Bruder des Direktors, versammelt sie die Misfits der Schule um sich, all jene, die Talent haben, aber zu nonkonform sind, um im rigide geführten Schulbetrieb wirklich Erfolg zu haben, und gründet eine eigene Crew, mit der sie beim Wettbewerb „The Streets“ teilnehmen will. Ihr alter „Chef“ Tuck sieht das gar nicht gern und ergreift die entsprechenden rüden Maßnahmen. Doch Andie und ihre Freunde lassen sich nicht unterkriegen und treten schließlich in einer alten Fabrikhalle gegen die Champions von 410 an.

Der Plot, der um die spektakulären Tänze herumgestrickt ist, ist annähernd so vorhersehbar und rammdösig, wie sich das hier liest. Weil Jon M. Chu ein charismatischer Hauptdarsteller vom Schlage eines Channing Tatum – er absolviert hier einen ausgedehnten Gastauftritt bei einer Tanzszene zu Beginn, in die zwei im Boden eingelassene Trampoline eingebunden werden – fehlt, tut er gut daran, den Fokus ganz auf die visuelle Ausschmückung zu richten, im Eiltempo von Eye Candy zu Eye Candy zu preschen und ansonsten alles mit der Subtilität eines Wrestlingevents zu versehen. Die 410-Crew hat es mit ihren den städtischen Betrieb vielleicht etwas störenden, aber doch keinesfalls bösartigen Perfomances zu flächendeckender Notorietät geschafft, der sich sogar Nachrichtenbeiträge mit dramatisierendem Tonfall widmen. Anführer Tuck muss im Verlaufe seiner drei, vier Szenen vom strengen Leader zum fanatischen Schurken aufgeblasen werden, der keine „Verräter“ duldet. Schulleiter Blake ist nicht nur ein elitärer Schnösel, dem bei seiner Ausbildung im spießigen Europa offensichtlich auch der obligatorische britische Akzent antrainiert wurde, er ist auch dafür zuständig, spießige Ressentiments gegen den coolen Hip-Hop-Tanz und das zentrale Turnier zu pflegen und die freigeistige Andie zu quälenden Ballettstunden zu zwingen. Am Ende wird er freilich eines Besseren belehrt und nimmt den Sieg seiner ausgestoßenen Schützlinge mit einem zufriedenen Grinsen zur Kenntnis. Die Truppe der Loser, die Andie um sich schart, ist auffällig Multikulti und gegen herrschende Schönheitsideale besetzt: Da gibt es etwa den schlaksigen, jungfräulichen Nerd, der zwar kein Tänzer ist, aber trotzdem über die krassesten Moves verfügt (und am Ende die ehrgeizige Schönheit für sich gewinnt, nachdem diese überwunden hat, dass ihr Schwarm lieber mit der Hauptfigur knutscht), die Asiatin, die nicht richtig Englisch kann, die zu groß gewachsene Afroamerikanerin und den Tänzer mit den Zahnlücken und der Stirnglatze. Alle finden sie schließlich über die Begeisterung für den Tanz zusammen, und als Andie nach einem Zwischenfall im letzten Akt von der Schule verweisen wird, sitzen sie alle wieder schmollend und einsam auf dem Pausenhof herum, wo sie vorher vor Lebensfreude fast überquollen. Auch die Pflegemutter muss erkennen, dass ihre Andie wie einst deren Mutter ein herzensguter Mensch mit dem Talent ist, die Menschen zusammenzuführen, und beugt sich vor ihrem Willen, sodass dem spektakulären Finale nichts mehr im Weg steht. Und das ist es dann auch, was STEP UP 2: THE STREETS den finalen Kick gibt. Schon die Darbietung der „Schurken“ bietet ein Maß an Artistik auf, das Freunde der Filme aus Jackie Chans Hochphase frohlocken lässt, doch sie wird noch einmal von der  zu strömendem Regen choreografierten Nummer der Helden getoppt, bei der Bild und Ton Hand in Hand gehen und die eine Dynamik aufbietet, wie man sie sonst eben nur im Actionfilm findet. Mehr als über Dialoge äußern sich die Figuren in der Bewegung, gewinnen im Tanz die Persönlichkeit, die ihnen das Drehbuch sonst vorenthält. Kommt der Film sonst steif und stromlinienförmig daher – auch seine visuellen Tics sind letztlich Videoclip-Konvention –, befreit er sich in jenen Sequenzen von seinen Zwängen. Das ist es ja auch, worum es geht. Dass die unmissverständliche „Be who you are“-Botschaft trotzdem verbal ausformuliert werden muss, spricht nicht so sehr gegen den Film wie gegen das Publikum, das es leider verlernt hat, Bilder zu interpretieren und zu begreifen.

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