step up revolution (scott speer, usa 2012)

Veröffentlicht: Juni 1, 2014 in Film
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Die Auftaktsequenz ist purer Rausch, ein Adrenalinschub, wie er sich sonst wahrscheinlich erst nach dem orgiastischen Verdrücken säckeweise quietschbunter, zuckersüßer Jellybeans und dem großzügigen Nachspülen mit Cherry Coke aus dem 5-LIter-Kanister einstellt: Auf dem palmengesäumten und ideal benannten Ocean Drive unter der perfekten Sonne des Urlaubsparadieses Miami versammeln sich zwischen flanierenden Bikinischönheiten die cool gekleideten Tänzer, fahren in aufgemotzten amerikanischen Luxusschlitten in „Candy Paint“ auf, bis der Verkehr komplett erlahmt ist. Nun sorgt die DJane, die auf dem Bordstein ihren Platz am portablen Pult eingenommen hat, für die beatgetriebene Musikuntermalung und es beginnt eine Tanzchoreografie, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Aus den Autos springen die Tänzer, nutzen die Dächer und Motorhauben der Autos als ihre Bühne und verwenden diese sogar als ihre Tanzpartner. Da springen die mit Hydraulikpumpen ausgestatteten Karossen im Takt auf und ab, verwandeln sich in PS-starke Sprungbretter, die die Tänzer in die Luft und in die nächste komplexe Formation hineinkatapultieren. Und während diese wahrscheinlich atemberaubendste Tanzdarbeitung aller Zeiten abläuft, hinterlässt ein Grafitti-Künstler auf drei Glasscheiben die passende Signatur: The Mob.

„The Mob“ ist die Crew von Sean (Ryan Guzman) und seinem besten Freund Eddy (Misha Gabriel Hamilton): In Flashmob-Manier suchen sie öffentliche Orte heim und legen sie mit ihren spektakulären Choreografien lahm. Während die Polizei von Miami die jungen Leute auf dem Kieker hat, sind die auf dem besten Weg zur weltweiten Internetsensation. Ihr Ziel sind eine Million Hits auf Youtube, die mit einem hohen Geldpreis dotiert sind, eine Tanzkarriere nach dem viralen Internetruhm und den Ausbruch aus frustrierenden 9-to-5-Jobs versprechen. (Ein bisschen seltsam ist es, dass diese Genies, die im weiteren Verlaufe des Films in Ninjamanier in streng überwachte Gebäude einbrechen und ihre sensationellen Darbietungen mit State-of-the-Art-Lightshows untermalen, es nicht geschafft haben, etwaige Arbeitgeber von ihren beträchtlichen Talenten zu überzeugen.) Als jedoch der Bauunternehmer Anderson (Peter Gallagher) plant, Seans Heimatviertel zugunsten einer modernen Wohnanlage zu planieren, heißt es für The Mob Farbe zu bekennen: Protest-Art statt Performance-Art lautet die Devise und mit der so erlangten Öffentlichkeit hoffen sie, das Bauprojekt stoppen zu können. Das Emily (Kathryn McCormick), das neueste Mitglied der Crew und neue Flamme von Sean, die Tochter Andersons ist, macht die ganze Sache pikant …

Als kleiner Epilog zur geheimen Florida-Trilogie aus SPRING BREAKERS, PAIN & GAIN und MAGIC MIKE, verströmt STEP UP REVOLUTION in seinen besten Momenten jene tagträumerische, subtropisch-neonfarbene Lebensfreude, die auch die drei genannten Titel – wenn auch mit jeweils ganz anderen Ergebnissen – evozierten. Ein romantischer Paartanz vor dem in der träge brennenden Nachmittagssonne funkelnden Ozean erreicht ungeahnte visuelle Kraft, eine in sich zentrierte Ruhe, die eine schöne Balance zu dem Overkill schafft, den Scott Speer in den anderen Tanzszenen walten lässt. Sein Film ist ein Fest für die Augen, aber es fällt doch auf, dass die Bewegung der Tänzer selbst gegenüber den Vorgängern weiter in den Hintergrund rückt, die Bildidee, in die sie eingebunden werden, hingegen immer wichtiger wird. Das schafft großes Kino, schwächt die zentrale „Aussage“ der Filme aber merklich ab. Überhaupt die Menschen: Nun hatten schon die vorangegangenen Teile nicht gerade starke, ausgefeilte Charaktere im Angebot, aber die Figuren entwickelten innerhalb der engen Grenzen, die ihnen gesteckt wurden, dennoch ein Eigenleben, das sie sympathisch und glaubwürdig machte. Die beiden Protagonisten hier bringen hingegen kaum mehr mit als hübsche (aber auch langweilige) Gesichter, durchtrainierte Bodies und eben tänzerisches Talent. Vor allem Kathryn McCormick ist mit ihrem Zickengesicht ein ziemlicher Abtörner. Das ganze Problem des Films wird darin offensichtlich, dass die aus STEP UP 2: THE STREETS und STEP UP 3 bekannten Moose (Adam Sevani) und Jenny (Mari Koda) in ihren kurzen Tanzcameos lebendiger und runder erscheinen als die eigentlichen Hauptfiguren des Films. Auch die gut gemeinte, aber arg naive politische Dimension fügt dem Bekannten wenig hinzu, verwässert im Gegenteil das, was zuvor auch ohne jegliche Zugaben klar wurde: Tanz ist eine Form des persönlichen Ausdrucks und im Idealfall bekommt der Tänzer in der Bewegung einen Funken Wahrheit, ein Stück Ewigkeit zu fassen, die ihm sonst unzugänglich blieben. Das ist auch ohne Anti-Gentrification-Agenda politisch, zudem wesentlich universeller als irgendwelche Bauvorhaben, die doch sehr nach „Screenwriting for Dummies“ riechen. Zumal der Film seine ideologische Linie nicht halten kann: Der große, lang herbeigesehnte Durchbruch für The Mob kommt am Ende in Form eines Werbevertrages für Nike. Da muss die humanistische Gesinnung dann wieder hinten angestellt werden. Was interessiert mich der Sweatshop am anderen Ende der Welt?

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