the wire – season 1 (usa 2002)

Veröffentlicht: Juni 8, 2014 in Film
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Wie ich andernorts schon einmal schrieb: Babyzeit ist Serienzeit. Ich befinde mich derzeit für einen Monat in Elternzeit und die theoretisch vorhandene (= nicht am Arbeitsplatz verbrachte) Zeit geht für die Planung des Alltags, die Entlastung der stillenden Mama, die Bespaßung der Erstgeborenen oder die unvermeidlichen bürokratischen Akte drauf, die mit der Geburt eines neuen Menschen einhergehen. 90 oder mehr Minuten am Stück für einen Film freizuschaufeln, ist derzeit schwierig – und abends penne ich nach einem gut gefüllten Tag regelmäßig erschöpft vor der Glotze ein. (Alberto De Martinos Eurospy-Film DER MANN MIT DEN TAUSEND MASKEN habe ich mittlerweile zum vierten Mal angefangen und immer noch nicht erst im fünften Anlauf zu Ende gesehen.) Eine Serie schafft da Abhilfe vor dem ganz kalten Entzug: Die handliche Episodenlänge von 60 Minuten ist auch mal ohne Unterbrechung machbar und so kommen wir im Idealfall auf zwei bis drei Episoden pro Tag, was wiederum in einer normalen Arbeitswoche schwierig wäre. Das Serienformat benötigt außerdem weniger Konzentration und Aufmerksamkeit als ein Spielfilm, zumindest, wenn man einmal drin ist, und ihre Struktur erlaubt es eher, eine Episode zu unterbrechen und später weiterzumachen – meines Erachtens deutlich mehr als ein Film, bei dem man den Flow und die Stimmung stört.

THE WIRE also, eine Serie, die auch heute noch regelmäßig herangezogen wird, wenn es um das Potenzial des Formats, die Überlegenheit US-amerikanischen, Pay-TV-finanzierten Fernsehens gegenüber dem deutschen geht, und die von Serienliebhabern regelmäßig als eine der prägenden Sternstunden der letzten Jahre genannt wird. Auch mir wurde sie von mehreren Freunden als essenziell ans Herz gelegt und schnell komplett auf DVD angeschafft, verbrachte die vergangenen vier Jahre jedoch ein eher trauriges Dasein im Regal (begünstigt dadurch, dass mein durch THE SOPRANOS, THE SHIELD und mit Abstrichen LOST entfachter Serien-Enthusiasmus durch SIX FEET UNDER wieder ausgebremst worden war). Die nun endlich gesichtete erste Staffel hat mir gut gefallen: Die Hürde der mit noch fremden Namen und Gesichtern vollgestopften ersten Folge wurde gut genommen, die erstklassig durchkonstruierte Geschichte mit ihren zahlreichen sauber gezeichneten Charakteren nahm vollends ein. THE WIRE SEASON 1 bot genau das Serienerlebnis, das viele an dem Format so schätzen: spannende, vielschichtige Unterhaltung, die die meisten Filme hinsichtlich der gebotenen erzählerischen Tiefe in den Schatten stellt und kompulsives Binge-Watching motiviert. Gleichzeitig warf diese Staffel für mich aber auch die Frage auf, ob das wirlich eine so große künstlerische Leistung ist, wie immer wieder behauptet wird. Echten Mehrwert gegenüber einem erstklassigen Polizeifilm, wie meinetwegen Lumets PRINCE OF THE CITY, bietet THE WIRE ehrlich gesagt nicht. Die 13 Episoden der ersten Staffel erzählen die Geschichte zwar mit vielen Details, langem Atem und der ein oder anderen dabei abfallenden neuen Erkenntnis, aber etwas grundlegend Neues haben sie nicht zu sagen. Mir scheint der anhaltende Serienhype mittlerweile manchmal fast ein bisschen regressiv: Anstatt die dramatische Verknappung als Wert zu begreifen, als eben jene Eigenschaft, die Film im Idealfall zu seiner poetischen Kraft verhilft, interpretiert die Serie sie als Schwäche und setzt ihr vor allem Zeit entgegen. Alles wird bis ins kleinste Detail erzählt, noch jede Nebenfigur bekommt ihre 15 Minuten Ruhm, franst eine kompakte Story in ein halbes Dutzend Nebenarme aus, nur um am Ende dann doch zu einem sehr konventionellen Ende zu kommen. Serielles Erzählen ist ja durchaus selbstzweckhaft: Man breitet aus, für was man in einem Film keine Zeit hätte, um dann auf 15 statt 2 Stunden content zu kommen. Gut möglich, dass sich meine Meinung mit den kommenden Staffeln ändert, aber derzeit finde ich THE WIRE lediglich „sehr gut“, aber (noch) keinesfalls so bahnbrechend, wie alle behaupten. Ich bin gespannt, wie sich das in zukünftigen Staffeln entwickeln wird. Das Potenzial ist da, zumal völlig offen ist, wie die eigentlich abgeschlossene Geschichte überhaupt weitererzählt wird.

Staffel 1 handelt von der auf Druck des Mordermittlers Jimmy McNulty (Dominic West) – eines unbequemen, nicht an der Politik des Jobs interessierten und deshalb bei seinen Vorgesetzten unbeliebten Vollblut-Cops – initiierten Gründung eines Sonderkommandos, das die Drogenorganisation von Avon Barksdale (Wood Harris) aushebeln soll. Zahlreiche Auftragsmorde gehen auf sein Konto, und die Hinrichtung eines Belastungszeugen stellt den Tropfen dar, der das Fass zum Überlaufe bringt. Das Problem: Keiner der hohen Beamten hat ein echtes Interesse daran, Barksdale hinter Gitter zu bringen, weil klar ist, dass in dessen gut organisiertes Geschäft auch hohe Tiere aus Wirtschaft und Politik verwickelt sind. Als Leiter des Sonderkommandos wird der zu Beginn noch sehr stromlinienförmige Daniels (Lance Reddick) bestimmt, weil er für den Polizeipräsidenten Burrell (Frankie Faison) leicht zu kontrollieren scheint, als Mitarbeiter bekommt er ausschließlich den „Ausschuss“ anderer Abteilungen. Die ganze Operation ist kaum mehr als ein „front“: Sie soll den Goodwill der Polizei demonstrieren, vielleicht ein paar kleine Veraftungen einbringen, aber bloß nicht zu viel Staub aufwirbeln. Weil McNulty die verschiedenen Entscheidungsträger im Rechtssystem der Stadt Baltimore aber gut gegeneinander auszuspielen weiß, und die angeblichen „Versager“ zunehmend Spaß daran finden, die Chance zu nutzen, die sie eigentlich gar nicht haben, machen die Ermittlungen gewaltige Fortschritte. In was für ein Wespennest die Polizisten gestochen haben, wird klar, als sie einen Assistenten des Senators mit 20.000 Dollar aus dem Drogendepot Barksdales verhaften. Die hohen Tiere der Stadt werden nervös und Burrell setzt alle Hebel an, um die Mission abzubrechen. Doch nach dem schweren Verwundung ihrer Kollegin Kima Greggs (Sonja Sohn) lassen sich die Ermittler nicht mehr einschüchtern …

Diese Geschichte ist, wie schon gesagt, nicht besonders neu. Von einschlägigen Polizeifilmen unterscheidet THE WIRE vor allem die aufgewendete Zeit. Das ist aber durchaus ein entscheidender Faktor, nicht bloß ein kosmetischer. Die Charaktere, streng genommen allesamt bekannte Archetypen, werden durch die gebotene Detailtiefe quasi rückwirkend „aufgeladen“ und damit re-authentifiziert. Das gilt gleichermaßen für die Polizisten – vom auf eigene Faust arbeitenden und deswegen verhassten McNulty (komplett mit Ehe- und Erziehungsproblemen), über die etwas beschränkten Heißsporne Herc (Domenick Lombardozzi) und Carv (Seth Gilliam), den bärbeißigen, hinterhältigen Vorgesetzten Rawls (John Doman), den karrieregeilen Polizeipräsidenten Burrell, den in den politischen Ränkespielen aufgeriebenen und „entmannten“ Daniels, der erst seine sprichwörtlichen Eier wiederfinden muss, McNultys brüderlichen Polizeikumpel Bunk (Wendell Pierce) und den alten, aufs Abstellgleis geschobenen Wolf Freamon (Clarke Peters) bis hin zum lesbischen tough girl Kima – als auch für die überwiegend afroamerikanischen Schurken: Avon Barksdale leitet die Geschäfte mit seinem Partner und Berater „Stringer“ Bell (Idris Elba) aus dem sicheren Hintergrund mit betriebswirtschaftlichem Geschick, derweil ihre zahlreichen meist jugendlichen Soldaten – darunter Avons Neffe D’Angelo (Larry Gilliard, jr.) – für die Drecksarbeit zuständig sind; und dafür, zum Schutz ihrer Bosse in den Bau zu gehen oder ins Gras zu beißen. Das Verbrechen in den Projects, den innerstädtischen Ghettos, ist ähnlich gewachsen und verwurzelt wie das organisierte Verbrechen in Coppolas THE GODFATHER-Trilogie, zudem staatlich durchaus geduldet. Wie es D’Angelo einmal sagt: Wenn nicht immer wieder Menschen gewaltsam umkämen, würde sich auch die Polizei nicht um die Junkies kümmern, die ihren Henkern ironischerweise umso mehr Kohle einbringen, je mieser der Stoff ist, den sie von denen bekommen.

THE WIRE schaltet im Verlauf der 13 Episoden immer wieder von den Polizisten zu den Verbrechern, lässt beide zu ihrem Recht kommen und findet hier wie dort Schurken und Sympathieträger. Aber mehr als nur zu zeigen, dass die „Grenzen zwischen Gut und Böse fließend sind“, lässt THE WIRE erahnen, dass das Problem nicht bei den einzelnen Köpfen liegt, sondern im System. Das Verbrechen, die Drogenkriminalität, ist nicht der schwere Ausnahmefehler, den es auszumerzen gilt, vielmehr nur die eine, unabdingbare Seite eines andauernden Spiels, bei dem es längst nicht mehr um die Ermittlung eines Gewinners geht, sondern nur noch darum, es am Laufen zu halten. Es geht, wenig überraschend, um das ganz große Geld. Phasenweise erinnert THE WIRE an die klassischen Politthriller, die Schiller oder Shakespeare mit großer Eleganz aus der Feder flossen: Das liegt sowohl an den Darstellern, die sich fast durchgehend wie große Theatermimen durch raumgreifende, imposante Sprechstimmen auszeichnen, die den geschliffenen Dialogen noch zusätzliche Gravitas verleihen. Zum anderen aber auch an der Inszenierung, die immer wiederkehrende Räumlichkeiten als Tableaus aufbietet und den zentralen Ghetto-Umschlagplatz gar mit einer Couch austattet, auf der die jeweiligen Charaktere dann Platz nehmen wie auf einer Bühne. Visuell ist THE WIRE eher schlicht gehalten. Wer – wie etwa Armond White – die Bildsprache von Fernsehserien für grundsätzlich sekundär hält, für den ist THE WIRE Wasser auf die Mühlen. Große formelle Würfe oder ausgefallene erzählerische Ideen habe ich dann auch am meisten vermisst. Es gibt eine tolle Szene, bei der McNulty und Bunk einen Tatort untersuchen und sich dabei ausschließlich in Variationen von „Fuck!“ artikulieren. Aber sie ist eine Ausnahme in einer Serie, in der (fast) alle Energie in eine geschliffene Story gesetzt wurde.

Aber um das noch einmal festzuhalten: Ich freue mich trotzdem auf das Wiedersehen mit den Charakteren in Staffel 2. Demnächst in diesem Kino.

 

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