the wire – season 5 (usa 2008)

Veröffentlicht: Juli 9, 2014 in Film
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Es dauert nicht lange, da ist die Aufbruchstimmung, mit der SEASON 4 so hoffnungsvoll endete, vollständig verflogen, hat sich der Silberstreif am Horizont als heraufziehendes Gewitter entpuppt, das Licht am Ende des Tunnels als entgegenkommender Zug. SEASON 5 vollzieht den Zirkelschluss der Serie: Dass alles mit allem zusammenhängt, Wirtschaft, Politik, Rechtssystem und Kriminalität untrennbar miteinander verwoben sind, alle gesellschaftlichen Systeme (nach dem Bildungssystem in SEASON 4 kommen nun die Medien, vor allem die Zeitungen, hinzu) nach denselben Regeln funktionieren haben die vorangegangenen Staffeln eindrucksvoll bewiesen. Diese hier zeigt nun, dass alle Hoffnungen auf Besserung und fundamentale Änderungen vergeblich sind. Wie Tocotronic einst sangen: „Jetzt geht wieder alles von vorne los.“ Wie es sich für eine letzte Staffel gehört, stellt auch THE WIRE zum Abschluss eine Kulmination des bisher gesehenen in Aussicht: Schlingerte das System Baltimore zuvor zwar noch unkontrolliert und bedrohlich hin und her, blieb es letztlich doch immer in der Spur, konnte die Kontrolle zumindest vorübergehend zurückerlangt werden, bevor es in den Gegenverkehr krachte oder die Leitplanke durchbrach. Hier nun entpuppen sich nicht nur sowohl die Bremsen als auch die Steuerung als defekt, auch der Fahrer hat das Bewusstsein verloren. Stocksteif sitzt der Zuschauer einem hilflosen Beifahrer gleich in seinem Sessel und wartet darauf, dass die Karre mit großem Krachen vor die Wand rast. Aber ein solcher Crash würde natürlich dem zuwiderlaufen, was Schöpfer David Simon in den Staffeln zuvor als gesellschaftliche Realität gezeichnet hat: Die Selbsterhaltungstriebe des Systems sind viel zu gut ausgeprägt, als dass es zu diesem katastrophalen Crash kommen könnte. Es reicht immer aus, ein paar Sündenböcke auszumachen und sie auszusortieren, um so weitermachen zu können wie zuvor. Nichts wird sich jemals ändern.

Die Versprechungen des neu gewählten Bürgermeisters Carcetti (Aidan Gillen), die Polizei mit allen Mitteln zu unterstützen, um so die Kriminalität und Armut in Baltimore zu bekämpfen, erweisen sich schnell als Lippenbekenntnisse. Ein 54 Millionen großes Loch im Bildungshaushalt muss gestopft werden und Carcetti bleibt nichts anderes übrig, als der Polizei einen gnadenlosen Sparkurs aufzudrücken: Überstunden werden nicht bezahlt, der Fuhrpark ist in bemitleidenswertem Zustand. Die Major Crimes Unit, die kurz davor ist, dem Drogendealer und mehrfachen Mörder Marlo Stanfield (Jamie Hector) dingfest zu machen, wird aufgelöst, weil schlicht das Geld fehlt, ihre aufwändigen Ermittlungen zu finanzieren. Die Frustration darüber sitzt tief, immerhin ist Stanfield sehr wahrscheinlich für 22 Tote verantwortlich, die die Polizei am Ende von SEASON 4 aus leerstehenden und verrammelten Gebäuden geborgen hat. Die Äußerung des frustrierten Cops Lester Freamon (Clarke Peters), dass es wahrscheinlich einer vergleichbaren Anzahl weißer Leichen bedürfe, bringt Jimmy McNulty (Dominic West) auf eine Idee: Durch gezielte Manipulation und die Fingierung von Beweisen lässt er eine Reihe unverbundener Leichen aus dem Obdachlosenmilieu als Opfer eines perversen Serienmörders erscheinen und erlangt so die Aufmerksamkeit des Bürgermeisters, der im Kampf für die Obdachlosen eine willkommene Möglichkeit sieht, sein öffentliches Image aufzupolieren. McNulty werden nahezu unbegrenzte Mittel zur Verfügung gestellt, die der großzügig an seine tatsächlich „bedürftigen“ Kollegen weiterleitet, während er seinen erfundenen Fall so lange am Leben zu halten versucht, wie Freamon braucht, um Stanfield endlich zu überführen. Der Plan geht auf, doch führt er zum Finale zu heftigen Erschütterungen, auch wenn der gemeine Bürger davon nichts mitbekommt. Damit die mächtigsten Figuren ihr Gesicht wahren können, wird ein gefasster Serienmörder präsentiert, gibt es ein Hin- und Hergeschiebe von Posten, verbunden mit dem bekannten Wegloben und Befördern der in Misskredit gefallenen und der Aasgeier, die über deren Kadavern kreisen. Diese Storyline wird durch den Journalismus-Nebenstrang wunderbar verkompliziert: Von der Serienmörder-Geschichte bekommt der aufstrebende, überambitionierte Reporter Scott Templeton (Thomas McCarthy) Wind, der sich eine gute Geschichte nur ungern von der Realität versauen lässt und wegen seiner gefälschten Zitate und Lügen bald im Clinch mit dem Chefredakteur Gus Haynes (Clark Johnson) liegt. Als er mit seinen Recherchen zum Obdachlosen-Mörder nicht weiterkommt, behauptet er, vom Killer angerufen worden zu sein, natürlich nicht ahnend, dass dieser Mörder nur eine Erfindung McNultys ist. Dieser Erzählstrang fügt sich aber auch insofern in den Gesamtkontext ein, als sich die Probleme, die Schöpfer David Simon zuvor im Polizeiapparat, im Bildungssystem, der Politik und der Wirtschaft verortet und im kriminellen Sektor gespiegelt hat, in den Redaktionsräumen der Baltimore Sun widerspiegeln. Wegen schwindender Auflage werden Auslandsbüros geschlossen, altgediente Journalisten entlassen und jüngere und günstigere Kräfte angeheuert. Die Maßgabe von oben lautet, künftig „mehr mit weniger“ zu erreichen. Das schlägt sich sofort in der Qualität nieder: Mit seinen hohen Ansprüchen kämpft Haynes auf verlorenem Posten. Am Ende des Tages zählt die generierte Aufmerksamkeit und die hat eben nicht zwangsläufig etwas mit Qualität zu tun. Der Pulitzer-Preis, den Templeton für seine Lügengeschichte grinsend in die Höhe recken kann, ist ein unschätzbarer Prestigegewinn für das Blatt, auch wenn er mit unsauberen Mitteln und unter Beugung aller ethischen Grundsätze errungen wurde.

In vielerlei Hinsicht kann man SEASON 5 als eine Art Abschiedsgeschenk, als Zugabe bewerten: Viele Charaktere aus der Vergangenheit der Serie absolvieren noch einmal einen kurzen Auftritt, der Tenor ist insgesamt emotionaler und wärmer, beinahe melancholisch. Die Staffel ist mit deutlichem Bewusstsein für die Tragweite des Anlasses geschrieben und inszeniert, was man auch daran merkt, dass nahezu alle losen Handlungsfäden aufgenommen und abgeschlossen werden. Überhaupt scheint in diesen zehn letzten Episoden der Fokus deutlich mehr auf dem Plotting und dem Spannungsbogen gelegen zu haben als zuvor, als im Mittelpunkt des Interesses vor allem die komplexe und authentische Zeichnung eines abgeschlossenen gesellschaftlichen Raums stand. Kritisch könnte man anmerken, dass SEASON 5 den vorangegangenen inhaltlich nicht mehr viel hinzuzufügen hat, aber das wäre mehr als unfair, wenn man bedenkt wie konsequent und intelligent das Finale konzipiert ist, das sich doch so oft als Achillesferse des Serienformats erweist. Man muss neidlos anerkennen, wie viele wunderbare Charaktere diese Serie hervorgebracht hat, und es ist schön, dass sie alle noch einmal ihren Moment bekommen. Besonders zu erwähnen ist m. E. das Ende von Marlo Stanfield, der den Weg Stringer Bells (Idris Elba) aus SEASON 3 einzuschlagen und ein seriöser Geschäftsmann zu werden wollen scheint, nur um dann an einer dunklen, heruntergekommenen Straßenecke, nach einem gewonnen Faustkampf mit zwei Corner Boys zu erkennen, wo er tatsächlich hingehört. Aber der traurigste Moment gehört Omar Little (Michael K. Williams), neben Dominic Wests McNulty wahrscheinlich der offensichtlichste Kandidat für den Preis der beliebtesten THE WIRE-Figur. Sein Tod kommt nicht unbedingt unerwartet, aber dann doch ganz anders als man dachte. Er scheidet ohne große Fanfare, ohne jedes Pathos oder Grandezza aus der Serie aus, als vielleicht beeindruckendstes, schmerzhaftestes Beispiel für ihren viel besungenen Realismus. Aber das ist nicht das, was seinen Abgang so niederschmetternd macht. Es ist eine Szene, die etwas später folgt. Sie ereignet sich in den Büros der Baltimore Sun, wo kurz vor Redaktionsschluss die Auswahl darüber getroffen wird, welche Nachrichten berücksichtigt werden und welche nicht. Der Tod Omars, für den Redakteur nur ein beliebiger Gangster ohne Namen, eine Chiffre, deren Geschichte ihm völlig unbekannt ist, und ein Wohnungsbrand stehen zur Auswahl. „Go with the fire“, lautet die Entscheidung. Omars Leben, sein Tod, sie sind nichts wert, seine Geschichte wird mit ihm begraben werden.

 

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