zwei filme mit hans albers

Veröffentlicht: Juli 26, 2014 in Film
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Richard Eichbergs DER GREIFER von 1930 und der ein Jahr später ebenfalls unter Eichbergs Regie entstandene DER DRAUFGÄNGER markieren meine (bewusste) Erstbegegnung mit dem „blonden Hans“. Sicherlich habe ich in meiner Kindheit und Jugend mal Schnipsel von MÜNCHHAUSEN Im Fernshen aufgeschnappt und möglicherweise auch von GROSSE FREIHEIT NR. 7, aber komplett habe ich beide nicht gesehen. Der Einstieg mit diesen beiden Filmen ist, vertraut man den Booklets, die den beiden bei Filmjuwelen erschienenen DVDs beiliegen, gewissermaßen ideal. Zwar begann Albers‘ Filmlaufbahn schon zu Stummfilmzeiten im Jahre 1915 und seine Filmografie umfasst bis 1930 schon annähernd 120 Einträge, doch war er bis dahin noch überwiegend auf Nebenrollen und zwielichtige Charaktere abonniert (wie gesagt: ich referiere hier aus zweiter Hand). Es war Eichbergs DER GREIFER, ein britisch koproduzierter Titel, der im Zuge der ersten Welle von Edgar-Wallace-Verfilmungen entstand, der ihn als den sympathischen Tausendsassa etablieren sollte, mit dem der echte Hans Albers daraufhin weitestgehend verschmolz. Der Film erwies sich als so bedeutend für Albers‘ Karriere, das er 1958 noch einmal aufgelegt wurde.

Albers, zu dessen habichtartigem Gesicht der Spitzname deutlich besser passt als zu Belmondos Boxernase, spielt in DER GREIFER den Londoner Polizisten Harry Cross. Er fahndet nach dem verbrecherischen „Messer-Jack“, der mit seinen dreisten Raubüberfällen die Oberen Zehntausend der englischen Metropole in Atem hält. Die Spur führt ihn zu der Revuesängerin Dolly Moorehead (Charlotte Susa), die mit dem Ganoven unter einer Decke steckt. Cross bändelt mit ihr an, um Informationen zu erhalten, während Dolly gleichermaßen bemüht ist, ihn für ihren Partner in die Falle zu locken. Am Ende hält Cross natürlich alle Fäden in der Hand, doch dafür muss er erst einen Bühnenauftritt mit Dolly absolvieren, einen weiteren Überfall vereiteln, Gauner hoch unter dem Dach des Theaters verfolgen, diversen Mordanschlägen entgehen und am Ende den Kampf mit „Messer-Jack“ höchstpersönlich bestehen.

DER DRAUFGÄNGER versetzt Albers zur Hamburger Hafenpolizei, wo er als Hans Röder (hier beginnt schon namentlich die Auflösung der Trennung zwischen dem Schauspieler und seiner Figur, die Albers‘ weitere Karriere durchzieht) mit einem Juwelenraub, einer Rachegschichte und der schönen Trude (Martha Eggerth) zu tun bekommt, die in den Kriminalfall hoffnungslos verstrickt ist. Das Beruflich vermischt sich recht bald mit dem Privaten: Hans verliebt sich in die (nicht ganz so) unschuldige Trude und muss diverse Morde aufklären, bevor er sie am Ende in die Arme schließen kann.

Eichberg inszeniert beide Filme gerade in den Actionszenen überraschend modern, temporeich und unter fachkundiger Verwendung dessen, was ihm damals an „Spezialeffekten“ zur Verfügung stand. In DER GREIFER nutzt Cross während seines Theaterauftritts die Tatsache, dass er an Seilen hängt (seine Rolle soll gewissermaßen vor Verliebtheit in die Luft gehen), um in den Oberrang zu springen, wo „Messer-Jack“ gerade einen Überfall begeht. Die anschließende Verfolgung über die Lichttarversen des Theaters ist ebenso zupackend wie sein Schlusskampf mit dem Gangster. Auch der Schnitt weiß immer wieder kleine Überraschungen zu setzen, etwa wenn Cross nach seinem Theaterauftritt gesteht, dass er Dollys echten Partner überrumpelt habe, und Eichberg zum Illustrierung des Gesagten daraufhin in einem nur wenige Sekunden dauernden Insert zu besagtem Pechvogel schneidet, der gefesselt auf dem Boden seiner Kabine liegt. In DER DRAUFGÄNGER gibt es einen schönen Stunt, wenn Röder von einem Pferd kopfüber durch eine Luke und in ein Zimmer und eine frische Leiche stürzt. Der Film macht außerdem schönen Gebrauch von seinem Hafensetting und stürzt den Helden im Finale gemeinsam mit dem Schurken von einer Yacht ins dunkle Wasser.

Doch täuschen diese Momente nie darüber hinweg, dass es hier in allererster Linie darum geht, dem Star eine geeignete Bühne zu bieten. Albers regiert beide Filme, er ist gewissermaßen das Gravitationsfeld, auf dessen Umlaufbahnen sich alles andere einzuordnen hat. Er spricht mit der ihm eigenen Schnodderschnauze, geprägt von einer aufreizend lässigen Artikulation, macht den deutlich jüngeren Damen schöne Augen (ohne auch nur einmal an seiner Anziehungskraft zu zweifeln), hält ihnen Ständchen, singt vor sich hin, verspottet seine hässliche Kollegin (DER DRAUFGÄNGER), verteilt Fausthiebe, ballert herum und ist ganz allgemein die Inkarnation maskulinen Selbstbewusstseins. Seine immense Präsenz ist nicht zu leugnen: Albers ist – vielleicht vergleichbar mit seinen US-amerikanischen Kollegen John Wayne und Humphrey Bogart – gewiss kein brillanter Schauspieler, aber er hat wie die Genannten das unvergleichliche Talent, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und in jeder Einstellung das Zentrum zu bilden. Es gibt diese Menschen, die wohl dazu geboren wurden, vor der Kamera zu agieren. Hans Albers ist ohne Zweifel einer von ihnen. Dabei ist diese Form der Selbstdarstellung für den heutigen Zuschauer nicht immer leicht zu ertragen: Gerade die amourösen Elemente beider Filme gleiten aufgrund Albers‘ onkelig-aggressiver Art häufig in den Bereich des Sleaze ab. Bei der Szene in DER GREIFER, in der er mit Dolly auf dem Rücksitz eines Taxis herumflirtet, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass da der Schauspieler der Sängerin Avancen macht, statt seines Charakters. Und wie Albers da neben ihr im Sitz hängt, scheint es, als versuchte er verzweifelt, eine gewaltige Erektion zu verbergen, ohne dabei allzu uncool auszusehen. (Ich nehme außerdem an, dass er beide Filme nicht nüchtern absolviert hat.) In DER DRAUFGÄNGER, in der sein Interesse dem „gefallenen“ Mädchen Trude gilt kommt noch so ein unguter paternalistischer Aspekt hinzu, der feministisch oder auch nur emanzipatorisch eingestellten Menschen heute nicht mehr zu verkaufen ist. Hans Röders Zuneigung zu dem unglücklichen Mädel wird da fast als humanitärer Dienst dargestellt und die Möglichkeit, dass sie auch kein Interesse an ihm haben könnte, ist einfach gar nicht vorgesehen. Da sitzt er in einer Hafenkneipe neben ihr und singt zum Liedchen des Schifferklavierspielers „Kind, du brauchst nicht weinen/Du hast ja einen/Und das bin ich“. Wenn man von Hans Albers angesabbert wird, sind alle anderen Sorgen tatsächlich passé.

Das Phänomen Hans Albers ist nach diesen beiden Filmen für mich immer noch nicht wirklich zu begreifen, aber doch etwas transparenter geworden. Ein geborener Entertainer, ohne Zweifel, dazu sicherlich jemand, der die Möglichkeiten schauspielerischen Ausdrucks mit seiner Art, sich zu bewegen und zu arikulieren für nachfolgende Generationen erheblich erweitert hat. Der Grad seines Ruhms ist für den heutigen Zuschauer aber nicht mehr zu verstehen. Wenn man etwa liest, wie Atze Brauner diesen Mann in seiner Autobiografie vergöttert, sich gar zu der Aussage versteigt, Albers habe „nicht sterben dürfen“, ist das heute nicht mehr annähernd nachvollziehbar. Vielleicht macht das aber gerade den Reiz aus, sich auch heute noch mit Albers zu beschäftigen.

Kommentare
  1. Frank Stegemann sagt:

    Ich schätze, eine wirklich eklatante Ikonografie bezüglich Hans Albers kann ohnehin erst erwachsen, wenn man sich mit seinem späteren Werk befasst: „Münchhausen“, „Große Freiheit Nr. 7“ natürlich und die anderen Pauli-Filme verdeutlichen doch sehr, welchen Status er insbesondere als alternder Nord-Patron für das deutsche Wesen inne hatte.

    • Oliver sagt:

      Weiß nicht. Das mögen (heute) seine beiden bekanntesten Titel sein, aber der Mann war zu dem Zeitpunkt, als er sie drehte schon ein deutscher Superstar. Ihn auf diese beiden zu reduzieren mag aus Gründen der Komplexitätsreduktion sinnvoll sein, aber ehrlich gesagt erscheint mir das doch auch ein bisschen zu einfach.

      • Ich sehe das ähnlich wie Frank. Er hat ja nicht geschrieben, dass man sich nur MÜNCHHAUSEN und GROSSE FREIHEIT NR. 7 ansehen soll, sondern dass man sie dazunehmen muss, wenn man ein komplettes Bild will. Und mindestens für GROSSE FREIHEIT NR. 7 gilt das auf jeden Fall (das UFA-Jubiläums-Vorzeigeprojekt MÜNCHHAUSEN ist wieder ein eigener Fall, über den man viel schreiben könnte), und zwar nicht zur Komplexitätsreduktion, sondern zur Komplexitätssteigerung.

        Es mag sein, dass Albers gelegentlich sich selbst spielte, wie Du das andeutest. Aber so wie auch John Wayne oft sich selbst spielte, aber unter Regisseuren wie Ford oder Hawks auch ein guter Schauspieler war, gilt das auch für Albers, und kein Film zeigt das besser als GROSSE FREIHEIT NR. 7. Da stellt er ja auch paternalistisch einer jungen Frau nach – und geht damit baden. Denn Ilse Werner will lieber den jung-dynamischen Hans Söhnker, und dem blonden Hannes bleibt nur, wieder zur See zu fahren (er könnte auch bei Hilde Hildebrand bleiben, die ihn liebend gern nehmen würde, aber die ist für ihn nur ein Kumpel). Diese letztlich melancholisch-resignative Rolle meisterte der Hoppla-jetzt-komm-ich-Hans eben auch bravourös, deshalb (und nicht, weil es einer seiner 2 oder 3 berühmtesten Filme ist) wäre es ein Fehler, ihn auszulassen, wenn man sich ein Bild von Albers machen will. Wobei es hier natürlich in erster Linie eine Frage von Drehbuch und Regie war – bei einem Käutner gab es keine plumpen Machismen. Aber Albers war eben auch für diese Rolle gerüstet.

        Natürlich gehören auch seine Abenteuerfilme der 30er Jahre mit eher simpel gestrickten Figuren zum Bild (und auch Unerquickliches wie CARL PETERS), aber nach nur 2 Filmen, die auch noch ganz vom Anfang seiner Star-Phase stammen und beide vom selben Regisseur sind, würde ich da noch kein Fazit ziehen, auch kein vorläufiges. Ich würde erst mal mit den bekannteren Abenteuerfilmen wie BOMBEN AUF MONTE CARLO, F.P.1 ANTWORTET NICHT, GOLD oder WASSER FÜR CANITOGA weitermachen, und natürlich darf der durchaus witzige und selbstironische DER MANN, DER SHERLOCK HOLMES WAR auch nicht fehlen.

  2. Oliver sagt:

    Naja, dass die beiden genannten Titel wichtig sind, habe ich ja nicht bestritten …

    Und zum „guten Schauspieler“: Letztlich ist das natürlich eine Diskussion, die man sich auch sparen kann, weil sie nichts bringt und rein geschmäckleisch ist. Wenn ich suggerierte, die Genannten seien keine „guten Schauspieler“, so wollte ich damit sagen, dass sie sich nicht durch große Bandbreite hervortaten, auch nicht durch das Einfühlen in komplexe Charakterbilder, sondern eben damit, immer wieder Variationen ein und derselben Rolle abzuliefern. Worin sie dann allerdings brillant waren. John Wayne war großartig in seinen Filmen, aber auch ziemlich furchtbar, wenn er sich zu weit vom Pfad bewegte. Siehe etwa seine grotesk gescheiterten Versuche in THE CONQUEROR, Liebesszenen zu spielen. (An dem Film ist aber auch sonst alles daneben, deshalb ist das vielleicht unfair.)

  3. Frank Stegemann sagt:

    Oli, Manfred sagt es oben bereits: Es war vielleicht etwas missverständlich von mir formuliert, aber ich meinte tatsächlich, dass man die beiden genannten Filme (und eben die anderen Reeperbahn-Filme) nicht ausschließlich, sondern ergänzend (aber eben unbedingt) sehen sollte, um sich ein vollständig(er)es Bild von Albers‘ mediengeschichtlicher Bedeutung und Wirkungsgrad zu verschaffen.
    Andere, kaum minder „legendäre“ (aber eben früher entstandene) hatte Manfred ja bereits aufgezählt.

  4. Frank Stegemann sagt:

    Dann ist ja jut 😀

  5. Ghijath Naddaf sagt:

    Wenn ich an Grosse Freiheit Nr.7 denke, fällt mir immer zuerst Gustav Knuth und der Esel ein.
    Ganz grosser Running Gag.

  6. Auch wenn ich im Detail noch gedanklich etwas abweichen könnte, so möchte ich mich den Stimmen von Frank und Manfred doch weitestgehend anschließen und noch um ein paar Titel erhöhen. VOM TEUFEL GEJAGT ist als wundervoller Psycho-Horror mit Jekyll/Hyde-Anleihen ein durchaus beachtenswertes Werk. NACHTS AUF DEN STRASSEN als Jugerts toller deutscher Noir mit Nachkriegscharme unbedingt mitzunehmen. DER GREIFER in der 50er Jahre Version ist hingegen nicht wie von dir angenommen eine Neuinterpretation, sondern ein eigener Film, etwa ein THE SHOOTIST für Hans Albers, der ganz sicher irgendwas mit John Wayne gemein hat, da ist was dran. Allein deshalb würde ich mir an deiner Stelle den WASSER FÜR CANITOGA geben. Ich musste bei diesem Film schmunzelnd an John Ford denken, was dieses Bild noch etwas abrundet.

  7. Frank Stegemann sagt:

    Jaa, „Vom Teufel gejagt“. Ganz großartig.

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