ein kaktus ist kein lutschbonbon (rolf olsen, deutschland 1981)

Veröffentlicht: August 1, 2014 in Film
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picture_12Axel Adam (Jürgen Drews) zeichnet für das Sexmagazin „Play-Me“ die Comicserie „Als die Bayern noch Schwänze hatten“, sieht jedoch frustriert ihrer Absetzung entgegen. Mit der feschen Gaby (Barbara May), der er auf der Straße begegnet, ersinnt er einen Plan, seine Geldgeber von der Schlagkraft seiner Zeichnungen zu überzeugen: Er legt das Heft in einer Telefonzelle aus und fotografiert die nun eintretenden Menschen dabei, wie sie von seinen Bildchen nicht nur erregt werden, sondern das Heft gleich einstecken, um es zu Hause weiterzustudieren. Dummerweise rutscht ein Umschlag Gabys, in dem diese 5.000 DM herumträgt, in das Heft, das ein Pfarrer (Heinz Eckner) mit ins Münchener Umland entführt. Axel und Gaby jagen ihm hinterher und müssen im Folgenden miterleben, wie das harmlose Tittenmagazin in einem verschlafenen Örtchen alles durcheinanderbringt …

Ein paar repräsentative Beispiele für den „elaborierten Humor“ dieser Neutronenbombe des deutschen Films: Bruno (Tobias Meister), der trottelige Kumpel Axels, läuft in Rollerskate-Montur (mit Helm, Knieschonern etc.) in einer Konditorei auf und veranstaltet dort ein Chaos mit seinen höchst rudimentär entwickelten Fahrkünsten. Unter anderem bekommt ein verpickelter Riesenfettsack, der zuvor „sechs Sahnetorten“ bestellt hat, einen Kuchen ins Gesicht. Bereits in einer vorangegangenen Szene konnte man zwei dicken Damen beim Verschlingen sahniger Leckereien zusehen und beobachten wie ihnen die Sahne dabei wortwörtlich zu den Ohren herausquoll.

Während des Telefonzellenstreichs beginnt die Hose eines jungen Mannes mit Mickey-Maus-Strickpullover angesichts Axels erotischer Zeichnungen an zu qualmen und die ihm nachfolgende Frau reibt sich vor Erregung gar an der aus ihrer Einkaufstasche herausschauenden Salatgurke.

Die emanzipierte und daher auf dem bayrischen Dorf als „Sozi“  diffamierte Lehrerin Louisa Hopf (Beatrice Richter) rutscht mit ihrem Fahrrad auf einer Bananenschale aus und bleibt mit ihrem Rock so unglücklich an einem LKW hängen, dass sie bis auf den roten Schküpfer und die Strapse entblößt wird. Auch das vermaledeite Tittenheft, das der Pfarrer vorher in ihrer Tasche versteckt hatte, kommt zum Vorschein und „festigt“ ihren guten Ruf. (Später versteckt sich auch noch ein Junge in Unterhose in ihrem Auto.)

Zwei Kinder, denen Axel zuvor eine Zigarette verweigert hatte, pinkeln dem „Spießer“ zur Strafe in den Tank, worauf seine Karre – eine bunt bemalte Ente – verreckt. Später gibt es eine weitere automobile Juxeinlage, nämlich eine Verfolgungsjagd, bei der Gemüsekisten umgefahren, ein Fahrradfahrer abgedrängt, einem Mann die Leiter unter dem Arsch abgeräumt und eine Hochzeitsgesellschaft mit Schlamm bespritzt wird. Bezeichnenderweise ist der beste Gag des Films geklaut und zwar aus KENTUCKY FRIED MOVIE (der Fernsehmoderator, der von den Liebesspielen vor dem Fernseher abgelenkt wird).

Der Name Rolf Olsens hatte bei mir durchaus Hoffnungen geweckt, dass dieser Film aus dem Gros der tristen LISA-Komödien herausstechen könnte, aber diese Hoffnung wurde bald auf das Bitterste enttäuscht. Fünf oder sechs Anläufe habe ich gebraucht, um dieses humoristische Stahlbad durchzustehen, und selbst wenn ich der Fairness halber einräumen muss, dass das wohl auch an mir (und meiner Müdigkeit) lag, so passt es doch ganz gut zu diesem Film, der irgendwo auf halber Strecke zwischen Pennälerhumor und anarchistischer Erotikomödie sowie zwischen dumpfem Rassismus und Kritik an bayrischem Spießertum stehengeblieben ist. Gleich zu Beginn gibt es eine höchst seltsame Szene, in der Libanesen in einer Münchener Unterführung ganz offen Drogen anbieten (unter anderem einigen alten Damen und zwei Streifenpolizisten) und via Pappschild willige und wohlhabende „Geiseln“ suchen. Wenig später streunen ein paar zottelige Demonstranten durchs Bild, die lauthals „Wir brauchen Geld für Schnaps und Bier, auf Arbeitsplätze scheißen wir“ skandieren. In einer Künstlerkneipe wird das überkandidelte Geschwätz aufs Korn genommen, das man mit den Protagonisten des Neuen Deutschen Films assoziierte, und in der bayrischen Provinz angelangt, wird plötzlich die „Überfremdung“ mit Ausländern zum Thema gemacht: Auf der Suche nach dem Pfarrer findet Gaby erst niemanden, der der deutschen Sprache mächtig ist, und dann ist es ausgerechnet ein Schwarzer, der in perfektem Bayrisch antwortet. Als das Sexmagazin zirkuliert, bricht die gesamte Infrastruktur des von den ausländischen Arbeitern zunehmend abhängigen Dorfes zusammen, weil die ausländischen Frauen ihre arbeitenden Männer zum Generalstreik gegen die grassierende Unmoral zwingen. Ich bin mir sicher, dass Olsen sich bei alldem irgendwas Gutes gedacht hat, wahrscheinlich zeigen wollte, dass Ausländer genauso große Deppen sind wie die Deutschen, nur geht das in seiner rammdösigen Nummernrevue gnadenlos unter. Das Ganze löst sich in betäubendem Wohlgefallen auf, nachdem sich der Geldumschlag wiedergefunden hat und Axel die Nachricht erhält, dass er seinen Comic weiterzeichnen darf. Irgendwie muss der Film ja mal ein Ende nehmen – zum Glück.

EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON ist ein Paradebeispiel für das LISA-Konzept, gegen das sich nur wenige Filmemacher erfolgreich behaupten konnten – ich denke da etwa an Siggi Götz, dem es gelang, der rigiden Form einige Triumphe abzuringen (siehe GRIECHISCHE FEIGEN, DIE SCHÖNEN WILDEN VON IBIZA und SUMMER NIGHT FEVER). Alle Versuche Olsens, der dümmlichen Klamotte Leben einzuhauchen, gehen jedoch in die Hose und nichts illustriert die Leblosigkeit dieses Films so gut wie die obligatorische Montagesequenz: Zu einem Popschlagerchen, in dem der schwachbrüstige Sänger schwört „Ich werde dich wiederfinden“, spazieren Axel und Gaby durch den Olympiapark, verlieren sich schließlich und laufen dann begleitet von der Musik jeweils für sich durch die nur mäßig sehenswerte Parklandschaft, bis das Ende des Liedes eben das angekündigte Wiedersehen erforderlich macht. Axel und Gaby laufen – einer übersinnlichen Eingebung folgend – aufeinander zu, geben sich ein Küsschen und machen dann da weiter, wo der Film sie zuvor unterbrochen hatte.

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