sunnyboy und sugarbaby (franz josef gottlieb, deutschland 1979)

Veröffentlicht: August 4, 2014 in Film
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Man könnte SUNNYBOY UND SUGARBABY nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft, er entstand in der umtriebigen LISA-Schmiede, irrtümlich für eine weitere Sexkomödie halten, doch in Wahrheit handelt es sich bei Gottliebs Werk um einen besonders avancierten Vertreter des übel beleumundeten deutschen „Problemfilms“. Nach der Definition des „Lexikons der Filmbegriffe“ handelt es sich bei diesem Genre

„um eine unspezifische Gruppe von Filmen, die klassen- oder gruppenspezifische oder individuelle Problem- bzw. Konfliktlagen thematisieren, für die es in der dargestellten Welt keine adäquate Lösung gibt (basierend auf Klassendifferenz, Armut, sozialen Konventionen). Bevorzugte Motive und Themen dieser durchweg realistisch motivierten Filme sind Sucht und Drogen, Armut, Ehekonflikte, Behinderung (Verstümmelung) und Krankheiten.“

SUNNYBOY UND SUGARBABY erfüllt diese Kriterien nicht nur lückenlos, er treibt das Wesen des Problemfilms auch noch in nie dagewesener Radikalität auf die Spitze. Man könnte sagen, seine Protagonisten sehen sich nicht nur einem für sie nicht zu bewältigenden Problem gegenüber, vielmehr ist es ihr ganzer Lebensinhalt (und der der Nebenfiguren), Probleme zu haben. Somit erzählt Gottliebs SUNNYBOY UND SUGARBABY weniger eine Geschichte, er folgt keinem zielgerichteten Plot, vielmehr präsentiert er ein nicht abreißende Folge von Problemen, die entweder überhaupt nicht bewältigt werden (können oder wollen), oder aber immer nur zu neuen Problemen führen. Bis zum Ende jedenfalls, bei dem die drei Antihelden des Films die einzig logische Konsequenz aus ihren Nicht-Erfahrungen ziehen: Sie erheben das Problem, das sie in 90 Minuten von Kitzbühel bis nach Manila, aus der Zivilisation bis in einen vorzivilisatorischen Urzustand trieb, zur wesentlichen, unhinterfragbaren Voraussetzung ihres ganzen Seins. Wenn es einem nicht gelingt, nach den von außen auferlegten Konventionen zu leben, muss man vielleicht die Konventionen über Bord schmeißen. Was hier noch nach Befreiung und Utopie klingt, entpuppt sich in SUNNYBOY UND SUGARBABY als lauer Kompromiss unverbesserlicher Dummköpfe.

Stefan (Ekkehard Belle) und Claus (Claus Obalski) sind beide verschossen in Eva (Sabine Wollin), und weichen ihr im Urlaubsort Kitzbühel nicht von der Seite. Eva, ganz selbstsüchtiger Cocktease, genießt die doppelte Aufmerksamkeit und mag sich deshalb gar nicht für einen ihrer beiden Verehrer entscheiden. In einer nicht enden wollenden Folge gegenseitiger Demütigungen und Irreführungen versuchen Stefan und Claus ihren jeweiligen Konkurrenten auszubooten, um die Angebetete endlich für sich zu haben. Das Absurde an der ganzen Situation: Die drei sind trotz allem die dicksten Freunde! Als Eva die Nachricht bekommt, dass ein Onkel verstorben sei und ihr sowohl sein Taxiunternehmen in Hongkong als auch diverse Restaurants in Manila vermacht habe, setzt sich das böse Spiel mit den beiden würdelosen Lustsklaven in Asien fort. Dummerweise entpuppt sich die großzügige Erbschaft als Nullnummer, die das gesamte Budget der Drei aufzehrt …

Jay-Z wusste von sich einst stolz zu sagen „I got 99 problems but a bitch ain’t one“, bei Claus und Stefan wird andersrum ein Schuh draus: Jedes ihrer zahlreichen Probleme hört auf den Namen Eva. Claus wird von Stefan ins Wasser geschmissen, als der die dösende Herzdame liebkost, dann hetzt er dem eine Fußverletzung vorgaukelnden Stefan zur Rache die Sanitäter auf den Hals, die ihn just in dem Moment abtransportieren, als er bei Eva endlich zur Sache kommen will. Weil der Satz vom Klügeren, der immer nachgibt, in der Welt von SUNNYBOY UND SUGARBABY nicht bekannt ist, wird Claus von Stefan wiederum ohne Hose in der Toilette eines Gasthofes eingesperrt, kann der Bredouille aber entkommen, weil er einem ahnungslosen Urlauber (Walter Kraus mit dem Problem, den Vertrag für diesen Film unterzeichnet zu haben, ohne zu merken, dass er den „Mann auf Toilette“ spielen muss) die seine entwendet. In Hongkong lernen Claus und Stefan beim Dschingis-Khan-Konzert (!) (hier hat ausnahmsweise einmal der Zuschauer ein Problem, nämlich jenes, den gleichnamigen Hit der Karnevalstruppe um VW-Hauskomponisten Leslie Mandoki in voller Länge ertragen zu müssen) zwei Chinesinnen kennen, die sie sogleich nach Hause schleppen. Nach vollzogenem Akt erwartet die in voller Zahl anwesende Chinesenfamilie am nächsten Morgen ein materielles Dankeschön der Kolonialherren, sodass die beiden erneut ohne Klamotten weiterziehen müssen. Eines der größten Alltagsprobleme in LISA-Filmen ist der Verlust der Hose, ein Umstand, dessen eingehende Analyse von der Filmwissenschaft bislang bedauernswerterweise versäumt wurde. (Claus lacht sich beim Sex mit der Chinesin auch noch einen Tripper an, weil der Film mit grobem Rassismus ausnahmsweise ausdrücklich kein Problem hat.) Ein abrupter Szenenwechsel versetzt den verdutzen Zuschauer – Orientierungsproblem – nun nach Manila. Erst nach einigen Minuten versteht man, dass Eva noch eine Cousine hat, die auch erben soll (Verständnisproblem). Interessanter sind aber die beiden deutschen Touristen (einer von ihnen Otto W. Retzer), die am Swimming Pool ihres Hotels schöne Asiatinnen begrabschen und sich über die konsequent auf sie herniederprasselnden Abfuhren wundern (Induktionsproblem?). Die Reise nach Manila finanzieren die drei mittellosen Hauptdarsteller (Geldproblem) unterdessen mithilfe einer mondänen Dame, die 2.000 Dollar dafür zahlt, Sex mit Claus zu haben. Doch es ist gar nicht sie, die etwas von ihm will, sondern ihr fetter, schwuler Ehemann (Identitätsproblem). Da fließen die verschiedenen Individualprobleme dann zu einer großen, amorphen kritischen Problemmasse ineinander, die nur in einer schlecht choreographierten, mit allerlei lustigen Geräuschen untermalten Keilerei aufgelöst werden kann. Weil Eva mittlerweile ein Problem damit hat, dass ihre beiden besten Freunde ein Problem mit ihr haben, zieht sie mit dem Urlaubsfreund von Otto W. Retzer von dannen, der daraufhin das Problem hat, allein zurückzubleiben. Statt Entspannung von ihrem Beziehungsproblem zu finden, hat Eva jedoch – wie unerwartet – gleich ein Neues, nämlich ihren Begleiter, der sich verständlicherweise Hoffnungen bei dem Mädchen macht, das da so mir nichts dir nichts in seinen Jeep gehüpft ist (Erwartungshaltungs-Problem). Während sie einem kleinen Philippino, der ihr nicht von der Seite weicht, ihre Wohlstandsprobleme beichtet, frönen Claus und Stefan derweil der Vielweiberei im tropischen Urlaubsparadies. Als Eva endlich zurückkommt, einigen sie sich auf die Dreiecksbeziehung, weil offensichtlich keiner von ihnen in der Lage ist, Konsequenzen aus den eigenen Unzulänglichkeitsgefühlen zu ziehen. Der Zuschauer ahnt, dass Eva, dieses dumme Luder, die beiden Klappspaten bei erstbester Gelegenheit sitzen lässt, um sich einem philippinischen Perlentaucher (no pun intended) an den muskulösen Body zu werfen. In einem Paralleluniversum existiert wahrscheinlich ein Found-Footage-Film, der zeigt, wie die mittlerweile in Unwürde ergrauten Claus und Stefan ihre hepatitisgeplagten Körper auf dem Straßenstrich von Manila feilbieten. Aber das ist zum Glück nicht mein Problem.

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