schwarzer markt der liebe (ernst hofbauer, deutschland 1966)

Veröffentlicht: August 10, 2014 in Film
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Die Titlesequenz geizt nicht mit eindringlichen Standbildern aus dem Film – eine Frau, die von einem fetten Sack durchs Zimmer geprügelt wird, Großaufnahmen von nur halb bedeckten Körperteilen – sowie der Offenbarung, dass SCHWARZER MARKT DER LIEBE auf einer Reportage aus der Zeitschrift „Revue“ basiert, alle Namen aber natürlich frei erfunden seien. Die Erartungshaltung ist gleich relativ klar: In Zusammenhang mit den Namen „Ernst Hofbauer“ kann nichts anderes auf einen zukommen als eine jener sensationalistischen Warnfabeln, wie sie in den Sechzigerjahren den Boden für die wenig später losbrechende Welle der Report-Filme bereiteten. Das trifft aber nur zum Teil zu: Zwar serviert Hofbauer seinen Zuschauern eine wüste Geschichte voller Gewalt, Sex und tragischer Schicksale, angesiedelt in einer Welt, in der Frauen an jeder Ecke einen Mann erwarten müssen, der sie verdirbt, aber die Form seines Films hat mit dem starren Korsett der Reports nichts zu tun. SCHWARZER MARKT DER LIEBE ist aufregendes, unkonventionelles Kino, fast avantgardistisch in seiner Zwei-Akt-Struktur, die ein klaffendes Loch in den Film reißt, um es vom Zuschauer mit dessen Vorstellungen füllen zu lassen. Liegt das nun an der Qualität der Autoren oder der Filmemacher von einst, das damals selbst aus einer Revue-Story bessere Filme gemacht wurden als heute aus Beststellern?

SCHWARZER MARKT DER LIEBE eröffnet am Hafen von Genua, wo verschiedene Frauen ein Kreuzfahrtschiff besteigen, um eine Anstellung als Tänzerinnen anzutreten. In Wahrheit sind sie auf rücksichts- und gewissenlose Menschenhändler hereingefallen. Einer von ihnen, Harald von Groepen (Claus Tinney), hat sich mit seinem jüngsten Geschäft jedoch mit dem berüchtigten Syndikatsboss Lemaire angelegt. Zurück in Berlin muss er sich mit seinem Partner Rolf (Rolf Eden) nicht nur gedungener Mörder erwehren, sondern mit seinem nächsten Coup einen Batzen Geld erwirtschaften …

SCHWARZER MARKT DER LIEBE erzählt seine Geschichte in zwei scharf voneinander getrennten Episoden: Die erste spielt in Genua, vor allem in einer kleinen Pension, in der Harald für sein Geschäft abgestiegen ist. Dort hat er eine Liaison mit der schönen Rosanna (Karin Field) angefangen, der jungen Ehefrau des schmierigen, fetten Besitzers, und ihr den Kopf mit dem Versprechen verdreht, sie aus ihrem Schicksal zu befreien. Natürlich spielt er nur sein Spiel mit ihr und lässt den Zuschauer zum Abschluss des ersten Aktes mit der Gewissheit zurück, dass seine Identifiktionsfigur ein ganz mieses Schwein ist.

Der zweite Akt spielt in Berlin und dreht sich um das „Tagesgeschäft“ von Harald und dem ekligen Rolf. Sie arbeiten eng mit der „Gräfin“ (Tilly Lauenstein) zusammen, einer lüsternen alten Dame mit geilem Blick, der sie junge „Tänzerinnen“ beschaffen, die dann jedoch an greise Lüstlinge aus den höchsten Gesellschaftskreisen verschachert werden. Für die nötige Fallhöhe schauen sie sich als neuestes Objekt die brave Astrid (Astrid Frank) aus, ein Mädchen, das keinen Freund hat, keine Drogen nimmt und nach der Arbeit zeitig ins Bett, anstatt auf wilde Partys zu gehen pflegt. SCHWARZER MARKT DER LIEBE kulminiert in einer wilden Orgie, die Harald, Rolf und die Gräfin für ihre gut betuchten Kunden geben: Astrid wird unter Drogen gesetzt und zu wilder afrikanischer Trommelmusik von der Gräfin verführt, die sie im Wahn für einen hübschen jungen Mann hält. Als sie am nächsten Morgen erkennt, was mit ihr geschehen ist, stürzt sie sich in den Selbstmord, während die feine Partygesellschaft von der Polizei einkassiert wird. Sie war dem Treiben der Mädchenhändler längst auf den Fersen …

In erster Linie ist es die Inszenierung jener finalen Party, die den Zuschauer gleich mit der armen Heldin in einen Strudel des Lasters reißt. Hofbauer, zuvor eher distanzierter Chronist des Geschehens, zieht nun alle Register der Affektsteuerung und -produktion, zeichnet die Kunden von Harald und Rolf als perverse, fast diabolische Sadisten. Über einen Nichtanwesenden erfährt man, dass er nur zum Höhepunkt komme, wenn er einer nur mit Stiefeln bekleideten Frau dabei zusehe, wie sie vor ihm weiße Mäuse zertrete. Die Abgezocktheit dieser geil geifernd grienenden Machtmänner wird hart mit der beinahe märchenhaften Naivität Astrids kontrastiert, die angesichts des höchst seltsamen Publikums keinerlei Verdacht schöpft und sich von Rolf eine „afrikanische Zigarette“ aufschwatzen und zum Aufrauchen überreden lässt, obwohl ihr der Glimmstengel gar nicht schmeckt. Von Drogen und der sich zu einem verschwitzten Crescendo emporschwingenden Musik berauscht, versinkt die ganze Gesellschaft schließlich in einem kaleidoskopartig flimmernden Bilderwirbel, aus dem der Zuschauer geradewegs in die Schwärze einer gnädigen Zäsur gleitet.

Überhaupt die Zäsuren: Ich kann mich noch nicht entscheiden, ob ich den sündigen Überfluss jener finalen Party oder aber doch das vielsagende Schweigen, das den Film in der Mitte zertrennt, mehr ins Herz geschlossen habe. Wie Harald der süßen Rosanna erst den Ausbruch aus ihrem tristen Leben unter der Knute ihres zigarrenkauenden, unterhemdentragenden Gatten verspricht, nur um sie dann als Ehebrecherin umso härter und mit erschütternder Bagebrühtheit in dessen haarige Pranken zurückszustoßen und zufrieden und ungerührt in eine Schwarzblende und den zweiten Akt des Films zu schreiten, verkörpert den Zynismus des Geschäftes, um das es in SCHWARZER MARKT DER LIEBE geht, eigentlich noch besser als alles schmierige Augenrollen von Rolf Eden. Den schließe ich sowieso immer mehr in mein Herz: Dass der Partykönig von Berlin sich in den Sechzigerjahren eine kleine Filmkarriere mit solchen Schurkenrollen aufbaute, zeugt von einem überaus gesundes Maß an Selbstironie, das man von ihm nicht unbedingt erwartet hat (sofern man THE BIG EDEN nicht gesehen hat, jedenfalls). Ein sehr großer, sehr undeutscher deutscher Film.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ich war eher entäuscht. Vielleicht war meine Erwartung durch Heisses Pflaster Köln auch einfach
    zu hoch. Tinney und Eden sind aber gut, Lauenstein fand ich eher verschenkt.
    Wer weiss, vielleicht bei der nächsten Sichtung. Wäre nicht das erste mal.

    • Oliver sagt:

      HEISSES PLASTER KÖLN ist wahrscheinlich etwas leichter zu mögen, weil er voller ist mit Charakteren und kleinen Geschichten, während SCHWARZER MARKT DER LIEBE extrem reduziert ist. Der Abgrund, den der Titel umschreibt, offenbart sich im Film ja nie wirklich.

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